Das Beste, was einem im Sport passieren kann, ist, wenn der Erfolg die eigenen Erwartungen überholt. Als der TSV Raiffeisen Hartberg 2020 in die Austrian Volley League zurückkehrte, buk Markus Gaugl in der Raiffeisenzeitung noch kleinere Brötchen. „Für uns geht es darum, uns in den kommenden Jahren in der höchsten Spielklasse zu etablieren“, sagte der Geschäftsführer damals.
Seitdem stand der Verein immer in den Play-offs, wurde 2023 Liga-Dritter und heimste in den letzten beiden Saisonen jeweils den Titel des Vizemeisters ein. Und auch in der aktuellen Spielzeit läuft es wie am Schnürchen: Kurz vor dem Start der Play-offs lachen die Steirer gemeinsam mit dem kärntnerisch-slowenischen Verein Aich/Dob von der Tabellenspitze, die Teilnahme an den Play-offs ist längst unter Dach und Fach gebracht, das Final-4-Turnier im Cup in Amstetten Ende Februar wurde erreicht. „Ja, es hat sich einiges getan“, sagt Gaugl mit Blick in den Rückspiegel und gönnt sich ein zufriedenes Lachen. „Wir sind mit unserer Entwicklung absolut happy.“
Ein ganz wichtiger Baustein
Dabei ist es ein Mix aus vielen Gründen, warum es die Hartberger, die zwischen 2005 und 2015 zur Top-Elite des Volleyballs in Österreich gehörten, sich dann aber für einen Neustart in der 2. Liga entschieden, so schnell wieder ganz nach oben geschafft haben. Da ist zum einen ein glückliches Händchen bei wichtigen Personalentscheidungen. „Dass wir Max Thaller auf der wichtigen Spielmacher-Position zurückholen konnten, war sicher ein ganz wichtiger Baustein“, erklärt Gaugl, im zivilen Leben Architekt.

Der gebürtige Hartberger Thaller ist der erste Vollprofi, den der TSV hervorgebracht hat. Nach acht Jahren im Ausland (unter anderem in Frankreich, Griechenland und Bulgarien) entschied sich der Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft 2023, zu seinen Wurzeln zurückzukehren und bei den jungen Wilden eine Führungsrolle einzunehmen. „Mit ihm hat sich unser Level noch einmal gesteigert.“ Erst im vergangenen Herbst wurde der Vertrag des Routiniers verlängert.
Früchte der Nachwuchsarbeit
Parallel dazu trug die ohnehin schon lange sehr gute Nachwuchsarbeit weitere Früchte, auch bei den wenigen Legionären, die verpflichtet wurden, landete man Glücksgriffe. So wie aktuell beim schwedischen Außenangreifer Hampus Ekstrand, dem in Hartberg eine ganz besondere Rolle zukam. Denn er sollte Lukas Glatz ersetzen, der nach Einschätzung vieler Experten das größte Talent Österreichs ist und im vergangenen Sommer von Hartberg nach Verona in die stärkste Volleyball-Liga der Welt wechselte, wo er vor kurzem Cupsieger wurde.
Dass der 21-Jährige den Sprung nach Verona schaffte, lag zum einen an seinen herausragenden Fähigkeiten, zum anderen an der Tatsache, dass der TSV seit zweieinhalb Jahren eine Kooperation mit dem europäischen Spitzenklub betreibt. „Verona hat einen Klub im Ausland gesucht, der nicht zu weit weg liegt und mit dem sie sich austauschen können“, sagt Gaugl. „Spieler, die für die starke italienische Liga noch nicht reif genug sind, können bei uns Spielpraxis sammeln, wir veranstalten auf Nachwuchsebene gemeinsame Trainingslager. Und die Trainer beider Klubs können sich auf allerhöchstem Niveau austauschen.“
Starke Verbundenheit
Eine Möglichkeit, von der Markus Hirczy gerne Gebrauch macht. Er war schon als Spieler beim TSV Hartberg und hat als Trainer den kompletten Neuaufbau moderiert und ist somit einer der großen Architekten des Erfolges. „Er ist einer, der junge Spieler besser macht. Eine so lange Verbundenheit zwischen Trainer und Verein ist einzigartig in Österreich“, sagt Gaugl, der keinerlei Befürchtungen hegt, dass sein Coach von der nationalen Konkurrenz abgeworben werden könnte. Zu stark ist die Verbundenheit mit dem TSV.
Strahlkraft im Ausland
Und warum auch? Denn mittlerweile sind die Hartberger auch im Europacup schwer aktiv und spielten in dieser Saison erstmals in der Champions League. Dieses Recht hat normalerweise nur der jeweilige Landesmeister. Da sich aber Hypo Tirol, das den TSV im Finale 2025 besiegt hatte, aus der Liga zurückzog, erbten die Steirer die Qualifikation. Und machten das Beste daraus, wie Gaugl betont: „Wir haben den finnischen Meister geschlagen, sind dann gegen Radnički Kragujevac aus Bosnien ausgeschieden, durften aber im kleineren Europacup weiterspielen und gegen Tectum Achel antreten.“
„Unser großes Ziel ist es, wieder europäisch dabei zu sein. Auch wenn es wirtschaftlich eine große Herausforderung ist, mit meinem blauen Auge davonzukommen.“
Markus Gaugl
Zwar war man gegen die Belgier am Ende chancenlos, für die Strahlkraft des Klubs sind solche Auftritte aber unbezahlbar. Denn mit dem Argument, international zu agieren, ist man für gute Spieler aus dem In- und Ausland attraktiv und kann das Niveau weiter nach oben schrauben.
Von der Begeisterung in der Halle, in der bis zu 2.000 enthusiastische Fans den TSV anfeuerten, ganz zu schweigen. „Unser großes Ziel ist es, nächstes Jahr wieder europäisch dabei zu sein. Auch wenn es wirtschaftlich eine große Herausforderung ist, mit einem blauen Auge davonzukommen.“ Von Prämien, wie sie im Fußball gezahlt werden, ist man im Volleyball jedenfalls weit entfernt.
Erfolge befeuern Ehrgeiz
Gerade deswegen ist es wichtig, mit Erfolgen auch die wirtschaftlichen Partner bei Laune zu halten. Seit dem Wiederaufstieg fungiert die Raiffeisenbank Oststeiermark als Namens- und Trikotsponsor, eine Partnerschaft, von der alle Seiten profitieren. Schließlich sind auch in der Jugendabteilung des TSV mittlerweile mehr als 250 Burschen und Mädchen aktiv, ein Höchststand in der Klubgeschichte. Dazu kommen die Erfolge auf nationaler wie internationaler Ebene, die medial transportiert werden.

Was die Frage aufwirft, wohin der Weg noch führt. Ein Verein, der zweimal nacheinander Vizemeister wurde, muss doch den Titel vor Augen haben – erst recht, wenn der amtierende Titelträger nicht mehr mit von der Partie ist. Oder? „Natürlich tragen wir diesen Ehrgeiz in uns“, sagt Gaugl. „Derzeit sieht es ja auch ganz gut aus, wir haben gegen jeden Gegner in dieser Saison schon mal gewonnen. Wobei man schon sagen muss, dass unsere Konkurrenten nach dem Rückzug der Tiroler mächtig aufgerüstet haben, weil auch sie ihre Chance wittern. Aber wenn sich die Gelegenheit in den Play-offs ergibt, ganz vorne anzugreifen, wollen wir sie auch beim Schopf packen.“
Es wäre ja nicht das erste Mal, dass der Erfolg die Erwartungen überholt.









