Mittel gegen Langeweile? Instagram. Virale Trends? TikTok. Kommunikation im Freundeskreis? WhatsApp und Snapchat. Und wenn es um die Mathe-Hausübung, ein Geschichtsreferat oder private Probleme geht, ist ChatGPT die erste Anlaufstelle.
Während Erwachsene noch über Nutzen und Gefahren von Künstlicher Intelligenz diskutieren, haben Österreichs Jugendliche sie längst in ihren Alltag integriert. Für sie ist die Technologie kein Zukunftsthema, sondern Teil derselben digitalen Realität, zu der auch Social Media seit geraumer Zeit gehört.
Nahezu jeder nutzt KI
Die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Instituts für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung sind eindeutig: 94 Prozent der Jugendlichen nutzen bereits KI-Chatbots. Die Erhebung unter 500 Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren wurde im Auftrag des Österreichischen Instituts für angewandte Telekommunikation (ÖIAT), der Internet Service Providers Austria (ISPA) und Rat auf Draht im Rahmen der EU-Initiative Safer Internet durchgeführt.
Ähnlich fällt eine aktuelle, noch breitere Studie unter 1.987 Kindern und Jugendlichen zwischen 9 und 19 Jahren aus, die im Rahmen des Forschungsnetzwerks EU Kids Online unter Beteiligung der Universität Salzburg, der PH Salzburg und der FH Oberösterreich durchgeführt wurde: 99,3 Prozent gaben an, im letzten Monat generative KI benutzt zu haben.
Breites Anwendungsfeld
In der Safer-Internet-Studie wird KI in erster Linie (73 Prozent) im schulischen Kontext genutzt. Knapp die Hälfte (47 Prozent) will damit Infos suchen und zusammenfassen, sich etwas erklären lassen (34), Texte formulieren (27) oder Rechenaufgaben lösen (20). Der Anwendungsbereich von KI erstreckt sich aber weit über den schulischen Bereich hinaus.
Mehr als die Hälfte der Jugendlichen (55 Prozent) holt sich damit Informationen und Ratschläge für verschiedene Lebensbereiche, zum Beispiel zu Freizeitgestaltung, Hobbys, Gesundheit oder Beziehungen. Ein knappes Drittel (31 Prozent) verwendet KI-Tools, um Sorgen oder Probleme zu besprechen. Einem Viertel (26 Prozent) dienen sie zum Stressabbau oder um Ärger loszuwerden.
„Wir müssen die Jugendlichen frühzeitig unterstützen, damit sie einen reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit KI lernen.“
Stefan Ebenberger
Für ISPA-Generalsekretär Stefan Ebenberger ist diese hohe „Durchdringung“ in der jüngeren Generation „doch überraschend“, das große Interesse sei aber positiv: „Die Jugendlichen erkennen die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz, wenden sie an und legen so eine erste wichtige Basis für ihre eigene Zukunft. Wir müssen sie frühzeitig unterstützen, damit sie einen reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit KI erlernen.“ Denn während über TikTok und Instagram seit Jahren diskutiert wird, rückt nun mit KI ein weiteres digitales System in den Fokus – mit ähnlichen Fragen nach Schutz, Regulierung und Medienkompetenz.
Auf Tuchfühlung mit der KI
Das scheint auch nötig, denn die Safer-Internet-Studie macht deutlich, dass die Risiken der KI-Nutzung von Jugendlichen bisweilen unterschätzt werden. Zwar befürchtet die Mehrheit (56 Prozent), dass man durch die KI-Nutzung die Fähigkeit verlernen könnte, selbstständig über etwas nachzudenken. Trotzdem vertrauen 52 Prozent darauf, dass KI-generierte Antworten richtig sind, 40 Prozent überprüfen die Ergebnisse selten bis gar nicht.
„In Bezug auf Datenschutz ist wenig Bewusstsein vorhanden.“
Barbara Buchegger
28 Prozent gehen davon aus, dass die Kommunikation mit KI-Chatbots privat ist – entsprechend geben ebenso viele sogar intime Inhalte preis. „In Bezug auf Datenschutz ist wenig Bewusstsein vorhanden“, stellt Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von saferinternet.at, fest.
Bemerkenswert ist auch, dass KI für junge Menschen zunehmend emotionale und zwischenmenschliche Rollen ausfüllt. Fast ein Viertel (24 Prozent) der Befragten nutzt KI zumindest manchmal, um freundschaftliche Unterhaltungen zu führen, knapp ein Fünftel (19) sogar für romantische Gespräche. Etwa drei von zehn Befragten sind der Meinung, dass KI eine Art Freundin oder Freund sein kann (29 Prozent) und Trost zu spenden vermag (28).
Über ein Viertel (26 Prozent) glaubt, dass sich Jugendliche tatsächlich in einen Chatbot verlieben könnten. Ein Viertel (25 Prozent) gibt sogar an, dass es ihnen leichter fällt, mit Chatbots über persönliche Themen zu sprechen als mit Menschen.
Sinnvolle Regeln gewünscht
Neben diesen Entwicklungen geht aus der Studie auch klar der Wunsch der Jugendlichen nach mehr Orientierung im Umgang mit KI hervor. Mehr als die Hälfte der Befragten der Safer-Internet-Studie (53 Prozent) würde gerne besser verstehen, wie die Technologie eigentlich arbeitet. Tatsächlich hat knapp die Hälfte der Jugendlichen (48 Prozent) bislang noch nie die Funktionsweise von KI-Systemen altersgerecht erklärt bekommen.
„Heranwachsende wünschen sich vor allem, mehr über KI zu lernen.“
Sascha Trültzsch-Wijnen
Auch die Untersuchung von EU Kids Online offenbart hier Handlungsbedarf: Obwohl ungefähr ein Drittel der Befragten angibt, in der Schule das erste Mal von generativer KI gehört zu haben, berichten nur wenige, dass sie im Unterricht unter Anleitung einer Lehrkraft aktiv mit generativer KI gearbeitet haben.
Derzeit gibt es laut den Befragten kaum einheitliche Regelungen für den Einsatz von KI an Schulen, weshalb viele Lehrkräfte eigene, oft sehr unterschiedliche Regeln festlegen – von Gleichsetzung mit Betrug bis teilweise erlaubter Nutzung. „Heranwachsende wünschen sich vor allem, mehr über KI zu lernen. Im Unterricht sollte es um richtige, sinnvolle Nutzung gehen“, erklärt Sascha Trültzsch-Wijnen vom Fachbereich Kommunikationswissenschaft an der Uni Salzburg. Kinder und Jugendliche würden sich eindeutige Regeln und mehr Transparenz wünschen, so der Kommunikationswissenschaftler.
Geschützter Rahmen
Laut Safer Internet positionieren sich junge Menschen beim Thema Altersgrenzen eindeutig: 53 Prozent sprechen sich für eine Altersbeschränkung bei KI-Chatbots aus, die Mehrheit (39 Prozent) hält eine Grenze von 14 Jahren für sinnvoll. In der Verantwortung für das Erlernen von KI-Kompetenzen sehen zwei Drittel (66 Prozent) das Bildungssystem, ein Drittel (33 Prozent) die Eltern.
Alexander Pröll (ÖVP), Staatssekretär für Digitalisierung, sieht die Schule als „idealen Ort für eine derartige digitale Bildung“. Was eine Altersbeschränkung betrifft, gelte es, eine europäische Lösung zu forcieren. Die Bundesregierung will bekanntlich nach australischem Vorbild ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige einführen. Es sei absurd, wenn Jugendliche Stunden mit diesen Anwendungen verbringen würden, so der Staatssekretär. Neben Altersbeschränkungen brauche es mehr digitale Bildung und Medienkompetenz. Fakt ist, dass KI-generierte Bilder sich vor allem in sozialen Medien rasant verbreiten – und von der Realität teilweise kaum bis gar nicht mehr zu unterscheiden sind.

Dementsprechend spricht sich auch Buchegger für Schutzmaßnahmen aus: „Machen wir nicht die Fehler, die bei Social Media passiert sind.“ KI-generiertes Material müsse etwa als solches gekennzeichnet werden, ebenso wie dies bei Werbung der Fall ist. Und es brauche sichere KI-Chatbots, die auf die Bedürfnisse von Kindern zugeschnitten sind, fordert Buchegger: „Damit sie den Umgang in einem geschützten Rahmen erlernen können.“
Gefahr der Manipulation
Denn obwohl für 90 Prozent der Befragten die Antworten der KI insgesamt hilfreich sind und 57 Prozent die generierten Ratschläge gut finden, gibt es auch eine Kehrseite. Immerhin 18 Prozent haben sich schon einmal bei einer Antwort der KI unwohl gefühlt – männliche Jugendliche (23 Prozent) deutlich häufiger als weibliche (13).
„Bei persönlichen oder psychischen Problemen stößt KI schnell an ihre Grenzen und kann eine qualifizierte Beratung nicht ersetzen.“
Birgit Satke
Unangenehme Erfahrungen würden etwa dadurch entstehen, dass Ratschläge zum Umgang mit Menschen als manipulativ empfunden werden oder Antworten negative Gefühle eher verstärken, statt zu entlasten. Für Birgit Satke von Rat auf Draht ist das in sensiblen Situationen besonders problematisch: „Gerade bei persönlichen oder psychischen Problemen kann eine Beratung durch KI-Chatbots zunächst als Überbrückung dienen, sie stößt aber schnell an ihre Grenzen und kann eine qualifizierte Beratung nicht ersetzen.“
Dass KI für Jugendliche jedoch bereits zum alltäglichen Werkzeug geworden ist, zeigt: Weniger die Nutzung selbst rückt in den Fokus, sondern vielmehr die Frage, wie junge Menschen dabei begleitet werden.









