Agrana: „Wir müssen uns mehr marktseitig aufstellen“

Der Nahrungsmittelkonzern Agrana baut seine Struktur und seine Geschäftsfelder weiter um. Die neue Ausrichtung stellte CEO Stephan Büttner bei einer Werksbesichtigung in Frankreich vor.

Mit einer zweigliedrigen Struktur will der Nahrungsmittelkonzern Agrana das alte Silodenken in Zucker, Stärke und Frucht hinter sich lassen und die Konzernstrategie „Next Level“ weiter vorantreiben. Seit zwei Jahren werde intensiv an der Struktur gearbeitet, die „zu starr“ und „angebotsgetrieben“ sei, betonte CEO Stephan Büttner bei einer Werksbesichtigung in der französischen Gemeinde Mitry-Mory nahe Paris. Dabei strich er hervor: „Wir müssen uns mehr marktseitig aufstellen.“

Im Bereich „Food and Beverage Solutions“ (FBS), der für knapp die Hälfte des Gruppenumsatzes steht, sieht er großes Wachstumspotenzial. Im zweiten Geschäftsfeld „Agricultural Commodities & Specialities“ (ACS) sollen dagegen Synergien aus dem Zucker- und Stärkegeschäft gehoben werden. 

Im Geschäftsjahr 2024/25 (per Ende Februar) erreichte der ACS-Umsatz knapp 1,87 Mrd. Euro und der FBS-Umsatz 1,63 Mrd. Euro. In einem ersten Schritt sollen beide Bereiche in Richtung 2 Mrd. Euro Umsatz steigen. Dadurch werde Agrana insgesamt „stabiler“, weil die forcierte FBS-Sparte nicht von Ernten, Wetter und anderen Commodity-Faktoren getrieben sei, erläuterte Büttner. Der Schwerpunkt im FBS-Portfolio liege in der Entwicklung von Lösungen für Kunden aus der Molkerei-, Eiscreme-, Backwaren- und Getränkeindustrie sowie für den ganzen Bereich Food-Services. Letzteres umfasst alles, was außerhalb der eigenen vier Wände konsumiert wird, etwa in Restaurants, Kantinen oder Cateringunternehmen. 70 Prozent davon entfallen auf Getränke aller Art. Laut „Global Data“ soll dieser Bereich bis zum Jahr 2030 weltweit jährlich um durchschnittlich 3,3 Prozent wachsen. In der EU dürfte dieser Markt heuer auf ein Volumen von 385 Mrd. Euro kommen.

Wachstum durch Zukäufe

Viel verspricht sich Büttner im Food-Service-Bereich durch die erfolgte Akquisition des slowenischen Unternehmens Emba mit einem Umsatz von rund 30 Mio. Euro. Das Closing stehe unmittelbar bevor. Emba produziert etwa Sirupe und Dessert-Toppings und beliefert Food-Service-Märkte mehrerer Länder. „Es ist sehr schwer, in dieses Kundensegment vorzudringen, weil die traditionell starke Lieferantenbeziehungen haben“, berichtete Büttner. Qualität spiele eine besonders wichtige Rolle für diese Kunden, um „nicht ihren Namen“ zu verlieren. Agrana könne mit seiner breiten Aufstellung für einen wesentlich höheren Hebel in solchen Kundenbeziehungen sorgen, ist Büttner überzeugt. Zudem sei es im FBS-Bereich ein zusätzlicher Absatzkanal abseits des dominanten Geschäfts mit den Molkereien. So hat Agrana etwa bei Fruchtzubereitungen für Joghurts einen globalen Marktanteil von über 40 Prozent und ist damit Weltmarktführer.

Darüber hinaus arbeitet Agrana auch an einer Integration des Fruchtsaft-, Konzentrat- und Aromenherstellers Austria Juice in die beiden Geschäftsfelder. Im Vorjahr wurden die Anteile der Raiffeisen Ware Austria (RWA) übernommen. Damit wurde Agrana 100-Prozent-Eigentümer der Austria Juice, die schon davor vollkonsolidiert war. Eine endgültige Entscheidung darüber, wie diese erfolgen soll, sei noch nicht gefallen, etwa ob das Unternehmen aufgespalten und in die beiden Bereiche integriert werden soll. Grundsätzlich sieht Büttner auch hier etwa im „Aromen“-Geschäft einiges Wachstumspotenzial. 

Im BFS-Bereich produziert Agrana weltweit an insgesamt 36 Standorten, davon 16 in
Europa. Das Werk in Mitry-Mory ist einer von zwei Standorten in Frankreich und sei ein beispielhafter Standort für das lokale Geschäft, so Büttner. Das Werk beschäftige insgesamt 125 Mitarbeiter und habe eine Produktionskapazität von 42.000 Tonnen. Das seien rund 7 bis 8 Prozent der gesamten Konzernkapazität, erläuterte Büttner. In drei Schichten werden für Frankreich, aber auch die umliegenden Märkte wie Großbritannien und Belgien Fruchtzubereitungen und „Brown-Flavor“-Zubereitungen wie Schokolade und Karamell für den Einsatz in Milchprodukten hergestellt. 

„Dinge, die nicht profitabel sind, beenden“

Im ACS-Segment kommt Büttner zufolge einer hohen Kosteneffizienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Rohstoffeinkauf bis zur Produktion – eine zentrale Bedeutung zu. Dies resultiere aus einer weitgehenden Standardisierung von Produkten wie Stärke und Zucker sowie einem intensiven Wettbewerbsumfeld.

Das Segment Zucker will Agrana weiter verkleinern. „Wir müssen weg vom Zuckerkonzern, der die Agrana sicher einmal war“, sagte Büttner. Die Schließung von zwei Zuckerfabriken im Vorjahr „war absolut der richtige Schritt, wie man jetzt sieht“. Es sei ein wichtiger Schritt in Richtung höherer Wettbewerbsfähigkeit gewesen. Der Zuckerkonsum gehe in Europa seit Jahren im Gegensatz zum globalen Markt zurück. Es gebe nach wie vor Überkapazitäten, die den Preisdruck verschärfen.

„Im Zuckerbereich müssen wir die Dinge, die nicht profitabel sind, beenden. Damit haben wir schon angefangen“, so Büttner. Die Einsparungen sollten sich auf Konzernebene auf 100 Mio. Euro pro Jahr belaufen, nun werden 130 Mio. Euro jährlich bis ins Geschäftsjahr 2027/28 angepeilt. Im gesamten Commodities-Bereich gehe es grundsätzlich um Kostenführerschaft, einen günstigen Zugang zu den Rohstoffen und deren optimale Verarbeitung. „Ohne kompetitive Kostenstruktur hat man dort keine
Chance“, betont Büttner. 

Folgen des Irankriegs

Die Eintrübung der Weltwirtschaft durch den Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran treffe die Agrana bereits auf mehreren Ebenen, so Büttner. Die Transportkosten der Agrana betragen rund 100 Mio. Euro jährlich. Bei einer Verteuerung um 40 bis 50 Prozent können man sich bereits die zusätzlichen Belastungen ausrechnen. Aber auch die energieintensive Verpackungsindustrie habe bereits Verteuerungen in Aussicht gestellt.

Düngemittel sei nichts anderes als gespeicherte Energie, diese Kostenexplosion komme bereits in der Landwirtschaft an. Das Ausmaß der Preissteigerungen, die auch den Lebensmittelbereich treffen werden, sei noch nicht allen bewusst, warnte der Agrana-CEO, der auch Obmann des Fachverbandes der österreichischen Lebensmittelindustrie ist. „Das wird sich durch die gesamte Wertschöpfungskette durchziehen und setzt sich auch bei uns fort“, so Büttner. Nun müsse man schauen, wer die Mehrkosten tragen könne. Einiges davon werde auch beim Konsumenten ankommen. Und am Ende des Tages dürfte es auch zu einer deutlichen Inflationssteigerung kommen.

Im März sprang die Teuerung in Österreich auf 3,1 Prozent, zeigt die Schnellschätzung der Statistik Austria. Dabei wurden erstmals die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges sichtbar. Auch ein baldiges Ende des Krieges werde an den Folgen für die nächsten Monaten kaum etwas ändern, denn die Schäden etwa im Energiebereich seien bereits angerichtet.

AusgabeRZ14-2026

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