Durch die permanente Reizüberflutung, in der Bildschirme um Aufmerksamkeit konkurrieren und Kommunikation oft fragmentarisch verläuft, erscheint Zuhören beinahe als verlorene Kulturtechnik. Genau hier setzte das dreijährige EU-Projekt „BABEL – The Art of Listening in Theatre for Young Audiences“ an, ein Zusammenschluss von 14 Theaterfestivals aus elf europäischen Ländern und mit Assitej Austria, dem Dachverband des professionellen Theaters für ein junges Publikum.
Alle Partner engagieren sich seit Jahren für die Rechte von Kindern und Jugendlichen in Kunst und Kultur, da Theater für junges Publikum weit mehr ist als kulturelle Freizeitgestaltung. Es ist ein Labor für Empathie, ein Trainingsfeld für demokratisches Miteinander und ein Raum, in dem Kinder und Jugendliche lernen, sich selbst und andere bewusster wahrzunehmen.
Zuhören als aktive Praxis
Zuhören im Theater soll nicht als passiver Akt verstanden werden, sondern als eine hochaktive, körperliche und emotionale Praxis. Kinder und Jugendliche hören im Theater nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper; Sie reagieren auf Stimmungen, Pausen, Blicke, Bewegungen und unausgesprochene Bedeutungen. Theater schult damit eine Form des „tiefen Zuhörens“, das über das bloße Verstehen von Sprache hinausgeht. Gerade für ein junges Publikum ist diese Erfahrung zentral.
Im Gegensatz zum funktionalen Zuhören in der Schule öffnet Theater einen Raum, in dem Mehrdeutigkeit erlaubt ist. Kinder lernen, Ambivalenzen auszuhalten, Ungewissheiten zu akzeptieren und eigene Interpretationen zu entwickeln. Zuhören wird so zu einer kreativen Handlung. Theaterbesuche sind außerdem wichtig für die soziale Entwicklung, wie in der BABEL-Evaluierung hervorgeht.
Die Gleichzeitigkeit von Individualität und Gemeinschaft für junge Menschen ist von unschätzbarem Wert. Gerade diese geteilten Momente stärken die Empathiefähigkeit. Nicht zuletzt ist das Theater an sich ein geschützter Raum, in dem Kinder und Jugendliche emotional reagieren dürfen, ohne gewertet zu werden. Eine Freiheit, die ihre Entwicklung hinsichtlich sozialer Sicherheit und Selbstwirksamkeit stärkt.
Kreative Kompetenz
Die eingangs erwähnte Reizüberflutung ist kein Stilmittel im Theater. Die Vorstellungskraft wird vielmehr durch Reduktion und Konzentration aktiviert. Leerräume, Pausen und offene Erzählstrukturen laden Kinder dazu ein, innerlich mitzudenken. Junge Zuschauer beginnen, eigene Bilder zu entwerfen, Geschichten weiterzuspinnen oder alternative Handlungsverläufe zu imaginieren. Zuhören wird hier zum Ausgangspunkt kreativen Denkens. Anders als in stark vorstrukturierten Medienformaten bleibt im Theater somit Platz für eigene Assoziationen, was ein entscheidender Faktor für die Entwicklung kreativer Kompetenzen ausmacht.
Theaterfestivals tragen mit ihrer Diversität außerdem zur ästhetischen und demokratischen Entwicklung in der Gesellschaft bei. Zuhören bedeutet anderen Raum geben, Unterschiede respektieren, nicht sofort urteilen. Kinder lernen, dass es keine „richtige“ oder „falsche“ Interpretation gibt, sondern eine Vielzahl gleichwertiger Sichtweisen. In Nachgesprächen, Workshops und partizipativen Formaten, die im Projekt eine zentrale Rolle spielten, wird dieses Prinzip weiter vertieft. Solche dialogischen Prozesse fördern nicht nur das Verständnis für Kunst, sondern auch kommunikative und soziale Kompetenzen.
Eigenständiges Bildungsziel
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Theater für junges Publikum weit über den Moment der Aufführung hinaus wirkt. Es prägt Haltungen, schärft Wahrnehmung und stärkt soziale Bindungen. Die Kunst des Zuhörens ist keine stille Tugend, sondern eine aktive kulturelle Praxis. Und vielleicht ist es genau diese leise, aber tiefgreifende Wirkung, die Theater für Kinder und Jugendliche zu einem der wichtigsten Bildungsräume unserer Zeit macht.
Die Kunst des Zuhörens sollte als ein eigenständiges Bildungsziel begriffen werden und Theaterinstitutionen als Lernorte anerkannt, so die Konklusion der Studie, in der auch dafür plädiert wird, dass Theater nicht nur für, sondern mit jungem Publikum entwickelt werden soll. Nur so könne jene Qualität des Zuhörens entstehen, die das BABEL-Projekt als zentral identifiziert: aufmerksam, respektvoll, offen und dialogisch.









