Der Umbau des Energiesystems mit den Zielen Klimaneutralität, Versorgungssicherheit und höherer wirtschaftlicher Robustheit stellt Österreichs E-Wirtschaft vor enorme Aufgaben – und erfordert Investitionen in Milliardenhöhe. In der Stromstrategie 2040 skizzierte „Oesterreichs Energie“, die Interessenvertretung der E-Wirtschaft, vor einigen Jahren den Weg, wie der Strombedarf in Österreich in einem klimaneutralen System gedeckt werden kann. Nun wurde diese Branchenstrategie in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Compass Lexecon einem Realitätstest unterzogen.
„Wir brauchen die Transformation nicht nur wegen des Klimaschutzes, sondern auch, um als Staat und Volkswirtschaft resilienter zu werden“, betont Barbara Schmidt, Generalsekretärin der Interessenvertretung, mit Blick auf geopolitische Unsicherheiten. So einen Schock wie bei der letzten Energiekrise im Jahr 2022, der durch den Beginn des Ukraine-Krieges ausgelöst worden war und in der Spitze zu Großhandelspreisen für Strom von über 1.000 Euro pro Megawattstunde (MWh) geführt hatte, wolle niemand.
Der Krieg gegen den Iran sollte nach Einschätzung Schmidts für Stromkunden mit vertraglichen Bindungen grundsätzlich keine Folgen haben. Die überwiegende Mehrheit der Österreicher befinde sich bei Strom in Jahresverträgen. Sie seien damit während der Laufzeit vor ungeplanten Preisanstiegen geschützt. Sollte der Konflikt allerdings länger dauern, werde man insbesondere die erhöhten Gaspreise wohl auch in den Großhandelspreisen für Strom sehen.
Eigene Ressourcen ausbauen
Krisenmaßnahmen und Preisregulierung sind nach Ansicht der Generalsekretärin derzeit im Strommarkt aber nicht notwendig. Man habe erst vor kurzem gelernt, dass jeder Krisenmechanismus, den man einführe, auch irgendwann auslaufe und dann die Inflation antreibe. Der Krieg im Nahen Osten zeige einmal mehr Österreichs Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger vor allem aus geopolitisch unsicheren Gegenden, so Schmidt. Dagegen helfe nur, die eigenen Ressourcen im Energiebereich konsequent auszubauen.
Dafür plädiert auch Michael Strugl, Präsident von Oesterreichs Energie und Verbund-CEO: „Österreich hat nicht sehr viele Öl- und Gasvorkommen, aber wir haben sehr viele Möglichkeiten, Strom aus unterschiedlichen Quellen zu erzeugen.“ Hätte man seit der letzten Energiekrise – und die ist gerade vier Jahre her – die Erzeugungspotenziale schneller ausgebaut, dann wäre man heute besser aufgestellt und hätte einen geringeren Anteil der fossilen Energieträger am Endenergieverbrauch – und damit auch weniger Importe von fossilen Energieträgern.
Gebot der Stunde
Gleichzeitig strich Strugl hervor, dass weder Österreich noch Europa jemals vollkommen unabhängig von Energieimporten sein könnten. Um die Abhängigkeit zu verdeutlichen, erinnert der Manager daran, dass Österreich pro Jahr mehr als 10 Mrd. Euro für Importe fossiler Energieträger bezahlt. „Und in einem Jahr, in dem die Preise aufgrund geopolitischer Entwicklungen nach oben gehen, ist es bedeutend mehr.“ Exogene Schocks hätten spürbare Auswirkungen auf Unternehmen und Verbraucher. „Deshalb ist der Ausbau der heimischen Erzeugung ein No-Brainer“, so der Präsident. Man glaubt, dass das ein grünes Argument sei, „es ist aber ein rot-weiß-rotes Argument und ein Gebot der Stunde“.
„Der Ausbau der heimischen Erzeugung ist ein No-Brainer.“
Michael Strugl
Die E-Wirtschaft fordert daher mehr Tempo für die Umsetzung der Ausbaupläne. „Trotz der stark ausgebauten Wasserkraft haben wir weiter Potenzial, Wasserkraft auszubauen, sehr viel Potenzial, Windkraft auszubauen, und auch noch einiges Potenzial, Photovoltaik klug ins System zu integrieren“, fasst Schmidt die Aussichten zusammen. Die vergangenen Jahre hätten allerdings auch gezeigt, dass selbst ein Anteil von erneuerbarer Stromerzeugung von 90 Prozent auf das Jahr gerechnet wie 2024 zwar erfreulich sei, aber nicht automatisch für niedrige Strompreise sorge. „Entscheidend ist, wann und wo Strom erzeugt wird – und wie gut er ins System integriert werden kann“, sagt die Generalsekretärin.
Zusätzliches Potenzial
Zur Erreichung der Klimaschutzziele soll die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen bis zum Jahr 2030 um zusätzlich 27 Terawattstunden (TWh) steigen, sieht das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz vor. Davon sollen von der Photovoltaik 11 TWh, von der Windkraft 10 TWh, von der Wasserkraft 5 TWh und von der Biomasse 1 TWh kommen.
Zur Veranschaulichung: Das Gesamtziel von 27 TWh entspricht drei Viertel des kompletten Stromverbrauchs von Dänemark. Im Hinblick auf die Erreichung dieser gesetzlichen Vorgabe zeichnet die E-Wirtschaft ein gemischtes Bild. Besonders dynamisch hat sich der Sonnenstrom in den vergangenen Jahren entwickelt. Mittlerweile sind PV-Anlagen im Umfang von rund 10 Gigawatt (GW) Leistung am Netz, zum Großteil auf privaten Hausdächern. Es seien allerdings mehr Großanlagen notwendig, weil sie systemdienlicher und effizienter seien, so Strugl. Außerdem würden sie das System beim Netzausbau weniger stark belasten und seien im Gegensatz zu den privaten PV-Anlagen ansteuerbar, was für die Netzstabilität wichtig sei. Damit übertrifft die installierte Photovoltaik-Leistung bereits jene der Laufwasserkraftwerke (rund 6 GW) deutlich.
„Photovoltaik ist gleichzeitig der billigste und teuerste Strom im System.“
Anton Burger
Auch wenn der Boom insgesamt gesehen positiv sei, schlage sich der Ausbau allerdings auch in höheren Kosten nieder, warnt Anton Burger, Studienautor des Updates zur Stromstrategie und Vizepräsident von Compass Lexecon. Insgesamt liege der Zubau bei der Solartechnologie derzeit aber deutlich über dem Zielpfad. Man darf den Systemwert der Photovoltaik für das ganze Stromsystem nicht außer Acht lassen. Einerseits werde durch Photovoltaik der billigste Strom erzeugt, andererseits treibe der Sonnenstrom Kosten an anderer Stelle in die Höhe, etwa in Form des notwendigen Netzausbaus und zusätzlicher Speicher. „Photovoltaik ist gleichzeitig der billigste und teuerste Strom im System. Das klingt komisch, ist aber so“, sagt Burger. Der Mehrwert von Photovoltaik nehme mit dem Zubau im Stromsystem ab und irgendwann werde es zum Kostentreiber für das Gesamtsystem. „Es gibt so etwas wie einen optimalen Punkt für PV-Kapazitäten im System“, erklärt der Energieexperte. Dieser ergebe sich aus der Abwägung zwischen geringeren Strompreisen und höheren Systemkosten bei einer Ausweitung der Kapazitäten. Seiner Berechnung zufolge liegt derzeit der optimale Einsatz von PV-Freiflächenanlagen in Österreich bei einer Leistung zwischen 15 und 25 GW.
Auf einem grundsätzlich guten Weg befindet sich Österreich bei der Entwicklung der Wasserkraft. Eine Erreichung der Ausbauziele in diesem Bereich sei zwar grundsätzlich mit den vorhandnen Projekten möglich, allerdings nur nicht bis zum Jahr 2030. „Der Grund ist, dass die Verfahren zu lange dauern“, klagt Strugl. Jede Verzögerung koste Geld, daher wünsche man sich in diesen Bereichen vor allem eine Beschleunigung der Verfahren.
Windkraft hinkt hinterher
Der größte Handlungsbedarf besteht nach Einschätzung der Interessenvertretung allerdings bei der Windkraft. Der Zubau liege aktuell deutlich unter dem angestrebten Niveau. Setze sich der aktuelle Trend auch in den kommenden Jahren fort, könnte bis zum Jahr 2030 nur etwas mehr als die Hälfte der erforderlichen Kapazitäten erreicht werden, warnen die Stromexperten. Deutlichere Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit und höhere Strompreise als nötig wären die Folgen. Zudem spielt die Windkraft, die als einzige Technologie den Höhepunkt ihrer Erzeugung in der kalten Jahreshälfte hat, eine wichtige Rolle bei der Schließung der sogenannten Winterlücke.
„Es gibt keine guten und schlechten Erzeugungstechnologien – die Profile der unterschiedlichen Kraftwerke ergänzen einander. Entscheidend ist ein effizienter und robuster Mix“, fasst Burger zusammen. Die Branche geht davon aus, dass der Strombedarf in Österreich von aktuell rund 80 TWh auf 120 TWh im Jahr 2040 steigen wird. Früher hatte man noch einen deutlich höheren Bedarf von bis zu 145 TWh prognostiziert. Daher sei es wichtig, den Ausbaupfad der Erneuerbaren nun an die niedrigere erwartete Stromnachfrage anzupassen. „Wir müssen systemisch denken und einen optimalen Technologiemix erreichen“, appelliert Strugl.

Barbara Schmidt
und Anton Burger © Oesterreichs Energie/Martin Hörmandinger
Konkrete Empfehlungen
Auf Basis der durchgeführten Analyse hat Oesterreichs Energie ein Maßnahmenbündel identifiziert, mit dem die Transformation kosteneffizienter gestaltet werden könne: Zu den Schlussfolgerungen gehört unter anderem, die Spitzenkappung konsequent umzusetzen, also kurzzeitige Leistungsspitzen von Erneuerbare-Energien-Anlagen bei hoher Erzeugung zu begrenzen. Außerdem sollte der Netzausbau gedämpft und die Infrastruktur besser ausgelastet werden. Netzkosten sollten stärker nach beanspruchter Kapazität statt nur nach Arbeitspreis berechnet werden.
Die Vergütung für Einspeiser sollte nach Ansicht der Interessenvertreter stärker am tatsächlichen Vermarktungserfolg der Anlage ausgerichtet werden. Zudem plädiert die E-Wirtschaft dafür, den grünen Wasserstoff, also die Herstellung von Wasserstoff durch Elektrolyse unter ausschließlicher Nutzung von grünem Strom, aufgrund einer geringeren Wirtschaftlichkeit einem Realitätscheck zu unterziehen. Darüber hinaus sollen nach Ansicht der E-Wirtschaft auch Energiegemeinschaften fair an den Systemkosten beteiligt werden.
„Für die Transformation des Energiesystems brauchen wir einen pragmatischen Ansatz und eine integrierte Planung. Es geht nicht um Ideologie, sondern um Planbarkeit, Sicherheit und Bezahlbarkeit“, fordert der Präsident von Oesterreichs Energie.








