Frauenförderung braucht System

Eine Diversitätsstudie des Raiffeisen Campus identifiziert strukturelle und kulturelle Hürden in der Ausbildung und zeigt, wo es anzusetzen gilt.

Fachkräftemangel, Personalentwicklung und nachhaltige Karrierewege zählen zu den zentralen Herausforderungen moderner Organisationen. Vor diesem Hintergrund führten der Raiffeisen Campus und das Institut für Gender und Diversität in Organisationen der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) ein einsemestriges Forschungsprojekt durch, das als fester Bestandteil des Bachelorstudiums Diversitätsmanagement angeboten wird. 

Ziel war es, Faktoren zu identifizieren, die die Teilnahme von Frauen an anspruchsvollen Weiterbildungsprogrammen begünstigen oder hemmen und daraus praxisnahe Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung des Bildungsangebots abzuleiten und den Zugang für Frauen nachhaltig zu verbessern. Denn: „Erfolg braucht Vielfalt auf allen Ebenen und in allen Funktionen im Unternehmen. Vorausschauende Mitarbeiterentwicklung berücksichtigt das in der Planung von Aus- und Weiterbildung“, erklärt Josef Buchleitner, Geschäftsleiter des Raiffeisen Campus.

Zwei empirische Ansätze 

Im Zuge des Projektes wurden die Teilnehmerzahlen in ausgewählten Kursen und Lehrgängen nach Geschlecht erhoben. Dabei wurde festgestellt, dass in Basisausbildungen der Frauenanteil höher ist und dann auf dem Weg in die Geschäftsleiter-Ausbildung kontinuierlich absinkt. Über alle ausgewählten Formate beträgt der Frauenanteil 25 Prozent. Daraus wurden zwei Forschungsfragen abgeleitet:

  • Welche Faktoren bei Raiffeisen begünstigen die Teilnahme von Frauen an anspruchsvollen Weiterbildungsformaten?
  • Wie muss der Raiffeisen Campus sein Bildungsprogramm aufsetzen, damit Frauen die relevanten Ausbildungsprogramme sowie weiterführende Weiterbildungen vermehrt in Anspruch nehmen?

20 Studierende mussten diese Fragen durch ausgewählte Untersuchungsmethodik wissenschaftlich untersuchen, um daraus praktische Handlungsmaßnahmen abzuleiten. Nach der Literaturrecherche über theoretische Ansätze folgte die Auswahl der empirischen Untersuchungsmethoden. 

Zwei Gruppen entschieden sich für qualitative Interviews mit Raiffeisen-Mitarbeitern (Geschäfts-, Abteilungs- und Personalleitung, Mitarbeiter). Bei der Auswahl dieser Personen wurde darauf geachtet, dass eine regionale Repräsentanz über alle Bundesländer bestand. Weiters wurde eine Interviewpartnerin aus einer anderen Bank herangezogen, um eine breitere Perspektive zu ermöglichen. Die anderen zwei Gruppen führten Umfragen in zwei Raiffeisenbanken in Tirol und Kärnten durch.

Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: Dass Interesse an Weiterbildung am Raiffeisen Campus ist hoch – auch unter Frauen. Betreuungspflichten haben kaum Einfluss auf die Motivation. Auch Frauen in Vollzeit (64 Prozent) weisen nur eine moderat höhere Teilnahmequote auf als jene in Teilzeit (57). Vielmehr wirken strukturelle, organisationale und kulturelle Faktoren als Barrieren. Unter anderem hängen Nominierungs- und Förderentscheidungen stark vom Mindset einzelner Führungskräfte ab und sind anfällig für unbewusste Verzerrungen. Fehlende weibliche Rollenbilder sowie die implizite Erwartung, Führungspositionen müssten in Vollzeit ausgeübt werden, verstärken diese Dynamik.

Konkrete Vorschläge

Aus den Ergebnissen wurden praxisnahe Maßnahmen abgeleitet, um Barrieren abzubauen, den Zugang zur Weiterbildung zu verbessern und ein positives Mindset zur Vereinbarkeit bei Frauen zu fördern.

Erstens braucht es alternative Weiterbildungsformate, etwa durch eine Kombination aus Online- und Präsenzformaten, sowie eine optimierte regionale Erreichbarkeit. Lange Anfahrtszeiten nach Wien und mehrtägige Abwesenheiten stellen Barrieren insbesondere für Frauen mit Betreuungspflichten dar. 

Zweitens kommt Führungskräften eine Schlüsselrolle zu. Weiterbildungsziele müssen systematisch in Mitarbeitergesprächen verankert und durch gezielte Inclusive-Leadership-Trainings begleitet werden. Drittens sind sichtbare Role Models und Mentoringprogramme entscheidend, um frühzeitig ein Leadership-Mindset zu fördern.

Lena Knappert, Leiterin des Instituts für Gender und Diversität in Organisationen, unterstreicht das Zusammenspiel wissenschaftlicher Expertise und betrieblicher Praxis im Rahmen des Projekts: „Unsere Studierenden bringen aktuelles evidenzgestütztes Wissen zum Diversitätsmanagement direkt in die Organisation ein, bewirken damit einen konkreten Mehrwert für die Unternehmenspraxis und leisten einen nachhaltigen gesellschaftlichen Impact. Gleichzeitig gewinnen die Studierenden wertvolle Einblicke in reale Herausforderungen der Industrie.“

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Mehr lesen

Aktuelles

Die Welt der Raiffeisenzeitung

Banner für die Newsletter Anmeldung
Banner: