Frau Kinast, Sie sind seit Jänner 2025 Vorständin der RLB Tirol. Davor waren sie über 20 Jahre in der genossenschaftlichen Berliner Volksbank. Wie groß war die Umstellung?
Gabriele Kinast: Das persönliche Ankommen ist mir extrem leicht gefallen, egal ob in der Bank, im Raiffeisensektor oder in der Nachbarschaft. Es herrschen eine ausgeprägte Willkommenskultur, Offenheit und Neugier. Beruflich war der Wechsel nach 20 Jahren in einer Organisation, die man sehr gut kennt und mitgestaltet hat, doch herausfordernd. Denn oft sind Hintergrundinformationen wichtig, um zu verstehen, welches Thema man angehen kann und wo sich gerade ein Fenster für Veränderungen öffnet. Bei der Durchdringung der Raiffeisen-Welt, die arbeitsteiliger und dezentraler organisiert ist, als ich es von Deutschland kannte, bin ich noch nicht ans Ende gekommen.
Was hat Sie daran gereizt, in die RLB Tirol zu wechseln?
Kinast: Ich bin vom Naturell her neugierig und interessiert und habe Freude daran, neue Dinge zu durchdringen und zu gestalten. Dazu kommt, dass ich viele Jahre im genossenschaftlichen Sektor gearbeitet habe und die genossenschaftliche Struktur unheimlich schätze. Regionalität, Verbundenheit und Tradition mit Modernität zu verbinden, ist kein Widerspruch, sondern eine tolle Erfahrung und Möglichkeit. Im Gegensatz zu den Digitalbanken haben wir den persönlichen Kontakt zum Kunden, was ich besonders schätze. Das I-Tüpfelchen war, dass ich meinen breiten Erfahrungsschatz in eine neue Organisation einbringen kann, die dazu noch in einer fantastischen Region tätig ist.
Wie unterscheidet sich das Bankgeschäft in Deutschland von jenem in Tirol?
Kinast: Die Herausforderungen und die Regulierung sind mehr oder weniger identisch. Gerade beim Letzteren gibt es aber Nuancen, die doch prägend sein können. So gab es in Deutschland nichts Vergleichbares zur KIM-Verordnung, die den Banken bei der privaten Wohnraumfinanzierung Regeln vorgeschrieben hat. Auch Deutschland hat seine Spezifika: Im Wertpapiergeschäft sind zum Beispiel alle Berater bei der BaFin, der deutschen Finanzmarktaufsicht, registriert. Kundenbeschwerden müssen der Aufsicht gemeldet werden, unabhängig davon, ob diese zu Recht oder zu Unrecht erfolgt sind. Das macht was mit den Mitarbeitern. Außerdem ist der Wettbewerbsdruck von Fintechs und Neobrokern in den deutschen Ballungsräumen viel höher als hierzulande.
Sehen Sie Unterschiede im Kundenverhalten?
Kinast: Was mir aufgefallen ist, dass unsere Tiroler Kunden im Kreditgeschäft viel mehr bereit sind, Risiken einzugehen – Stichwort variable Verzinsung. Dagegen sind sie in der Geldanlage konservativer ausgerichtet. In Deutschland ist es genau umgekehrt.

Im Vorstand verantworten Sie ein breites Spektrum – vom Treasury über das Personal und Facility Management bis hin zum Produktmanagement. Was fordert Sie derzeit am meisten?
Kinast: Am meisten beschäftigt mich im Moment das Hochfahren unserer neuen Zentrale – das Raiqa – im Herzen Innsbrucks. Wir haben in fünfeinhalb Jahren unser altes Gebäude in ein neues Quartier umgewandelt und werden ab Mitte April dorthin wieder zurückkehren. Mit der Übergabe wandert die Bewirtschaftung des Multifunktionsbaus in meine Zuständigkeit. Die Aktivitäten beginnen aber nicht erst mit dem Tag der Schlüsselübergabe. Wir investieren jetzt schon sehr viel Gehirnschmalz, um die Anforderungen optimal zu bedienen.
Was sind die Herausforderungen dabei?
Kinast: Es ist ein neuer Geschäftszweig für die Bank, der mit der Rolle eines Asset-Managers vergleichbar ist. Denn das Raiqa wird nicht nur für die rund 500 Mitarbeiter der RLB und ihrer Töchter Platz bieten, sondern auch ein Hotel, Veranstaltungsflächen, Geschäfte und Gastronomie umfassen. All diese Aspekte als Gastgeber unter einen Hut zu bringen, bedarf sehr viel Planung und Organisation. Wir sehen uns hier als Gastgeber. Die neue Aufgabe ist sehr spannend. Ich kann unheimlich viel dazulernen. Das Tolle ist, dass ich von Anfang an mit dabei bin und daher auch vieles gestalten kann. Unser Anspruch ist es, dass das Raiqa in Innsbruck der „Place-to-be“ wird.
Was steht darüber hinaus in Ihrem Bereich an?
Kinast: Ein zweiter Schwerpunkt ist das Produktmanagement. In der Bereichsleitung findet ein Generationenwechsel statt, den ich nutze, um den Bereich neu aufzustellen. Für die Zukunft wird es immer wichtiger, nicht nur das Produkt mit den Konditionen und den Bestandteilen zur Verfügung zu stellen, sondern sich auch damit auseinanderzusetzen, wie das Produkt dem Kunden über den Berater oder die App transportiert wird. Das wollen wir künftig noch stärker verschränken. Ein Projekt mit der Universität Innsbruck hat uns etwa gezeigt, dass der Transparenz, der Nachvollziehbarkeit und vor allem der Convenience in Bezug auf die App ein hoher Stellenwert beigemessen wird.
Das Thema Personal hat Sie auch in Deutschland beschäftigt. Wie sieht es bei Raiffeisen Tirol aus?
Kinast: Wir haben für die RLB Tirol und den ganzen Tiroler Raiffeisensektor eine Personalstrategie entwickelt, um den richtigen Fokus und die richtigen Prioritäten zu setzen. Als Raiffeisen haben wir eine sehr hohe Arbeitgeberattraktivität. Gleichzeitig haben wir den Bedarf identifiziert, die Themen Entwickeln von Mitarbeitern und das Führungsverständnis auszubauen. Die Rolle einer Führungskraft hat sich ziemlich verändert. Mitarbeiter erwarten sich heute, individueller abgeholt zu werden. Es muss sich dabei nicht immer um die nächste Stufe in der Karriereleiter drehen, sondern es geht oft um Möglichkeiten, im eigenen Aufgabengebiet besser zu werden, ohne nur im Hamsterrad zu rennen. Das ist das übergeordnete Ziel unserer Personalstrategie.

Wie kann das im Alltag gelingen?
Kinast: Das streichen wir schon im Titel der Strategie hervor: „Personalentwicklung ist Führungsaufgabe mit Priorität.“ Es soll also nicht etwas sein, das nebenbei passiert. Vielmehr muss das Thema in den Terminkalender einziehen. Das ist ein kultureller Shift in der Führung. Dieses Leadership-Verständnis wollen wir nun mit Leben erfüllen. Das beginnt bei uns im Vorstand und setzt sich auf allen Führungsebenen fort. Stark verankert ist auch das Thema Chancengleichheit. Wir setzen dabei auf die bundesweiten Diversitätsziele im Raiffeisensektor. Das beginnt bei der Sensibilisierung und mündet in konkreten Maßnahmen. Ein Beispiel dafür ist ein von uns neu aufgesetzter Leadership-Lehrgang, der gut mit Familie und Beruf vereinbar ist, indem Präsenz- und Onlineformen zu normalen Tageszeiten angeboten werden.
Waren Sie überrascht, dass Sie die bisher einzige Frau im Führungsgremium der RLB Tirol sind?
Kinast: Das hat mich nicht besonders überrascht, da Vorstände generell relativ kleine Gremien sind und daher die Anzahl der Führungsköpfe überschaubar ist. Im erweiterten Führungsteam haben wir aber diesbezüglich eine tolle Ausgangslage. In den Bereichsleitungen, also in der zweiten Führungsebene, haben wir sechs Bereichsleiterinnen von insgesamt 16 Führungspersönlichkeiten. Auch wenn es noch nicht die Hälfte ist, ist es eine nennenswerte Anzahl. Einige davon üben sehr verantwortungsvolle Aufgaben auch in Teilzeit aus und schätzen es sehr, dass wir als Arbeitgeber ihnen das zutrauen. Voraussetzung ist hier natürlich, dass sich die individuellen Interessen mit jenen des Unternehmens decken.
Sie sind außerdem Mentorin des Frauennetzwerks Frieda bei Raiffeisen Tirol. Wieso ist das wichtig?
Kinast: Es ist mir ein echtes Herzensanliegen, obwohl es eigentlich enttäuschend ist, dass es so etwas heutzutage noch braucht. Ich habe große Freude, mit den Kolleginnen an diversen Themen zu arbeiten, die nicht immer mit der Genderfrage zu tun haben. Dabei bringe ich mich als Patin aktiv ein. Wir beobachten eine steigende Nachfrage nach den Angeboten. So haben wir etwa monatlich unser Online-Format „Frieda-Lunch“, zu dem sich jeder unabhängig vom Geschlecht und auch ohne Anmeldung einwählen kann. Beim nächsten Termin geht es um Kundenzentrierung im Bankgeschäft. Im Vordergrund stehen der Austausch und die Vernetzung von Frauen. Künftig wollen wir noch selbstbewusster werden und unsere Themen mehr nach außen tragen.
Als Vorständin kommt Ihnen dabei eine Vorbildfunktion zu. Wie empfinden Sie das?
Kinast: Einerseits bin ich sehr stolz darauf, andererseits bin ich mir der Verantwortung bewusst, dass ich ein Role-Model bin. Ich möchte diese Möglichkeit ganz bewusst nutzen, um andere Frauen zu mehr Selbstbewusstsein zu ermuntern, Dinge zu fordern, sich etwas zu wünschen oder auch den Hut in den Ring zu werfen, wenn es um eine Stellenbesetzung geht.









