ÖRV: „Wir müssen jetzt ins Tun kommen“

In einer Phase großer Umbrüche gilt es, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Wie es gelingen kann, den Wirtschaftsstandort Österreich wieder zu festigen, welche Wettbewerbsvorteile Genossenschaften bieten und wie man das Thema Digitalisierung bei Raiffeisen voranbringen will, analysieren Generalanwalt Erwin Hameseder und ÖRV-Generalsekretär Johannes Rehulka.

Herr Generalanwalt, das vergangene Jahr war geprägt von geopolitischen Unsicherheiten, wirtschaftlichen Herausforderungen und einer langen Reformagenda in Österreich. Was kann unsere Gesellschaft und die Politik im Jahr 2026 besser machen, damit wir aus einer gefühlten Negativspirale wieder herauskommen?
Erwin Hameseder: Wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, mehr Bewusstsein für eine resiliente Gesellschaft und eine resiliente Wirtschaft zu schaffen. Jetzt müssen wir aber ins Tun kommen. Ob es um die Verteidigungsfähigkeit Österreichs, notwendige Reformen der öffentlichen Hand oder die Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit geht: Die Analysen zu diesen Themen liegen auf dem Tisch, im Jahr 2026 sollten weitreichende Entscheidungen herbeigeführt werden. 

Herr Generalsekretär, Österreich weist im Vergleich zum Rest Europas das niedrigste Wirtschaftswachstum und eine der höchsten Inflationsraten aus. Wie kann Österreichs Wirtschaftsstandort wieder an Attraktivität gewinnen und eine höhere Wertschöpfung auslösen?
Johannes Rehulka: Nach wie vor halten sich Unternehmen und Konsumenten bei Investitionen stark zurück. Das zeigt sich insbesondere an der hohen Sparquote. All unsere Unternehmen haben mit hohen Energie- und Arbeitskosten und mit bürokratischen Anforderungen zu kämpfen. Für einen echten Investitionsturbo bräuchten alle eine Perspektive, dass Österreich Reformen angeht und Unternehmen wieder willkommen sind. In den nächsten Jahren brauchen wir Kollektivvertragsabschlüsse jedenfalls unter der Inflationsrate. Für Banken wie für Unternehmen ist eine weitgehende Vereinfachung regulatorischer Regeln dringend erforderlich.

Nach drei Jahren Rezession ist Österreich langsam wieder auf einem minimalen Wachstumskurs. Wie ist Raiffeisen Österreich durch diese wirtschaftlich schwierige Zeit gekommen und welche Herausforderungen stehen noch bevor? 
Hameseder: Die Raiffeisen-Unternehmen sind trotz schwieriger Umstände weiterhin sehr zufriedenstellend unterwegs. Im Bankenbereich ist die Gewinnsituation nach wie vor gut, das Eigenkapital wurde erhöht und Problemkredite werden abgebaut. Darüber hinaus wird intensiv an der digitalen Zukunftsfähigkeit gearbeitet. Der Warenbereich bekommt die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erfahrungsgemäß am stärksten zu spüren. Durch den Rückkauf der Baywa-Anteile sind aber die Voraussetzungen geschaffen, um die Weichen neu zu stellen. Im landwirtschaftlichen Industriebereich werden die Strategien angepasst und Kostenmaßnahmen getroffen.

Generalanwalt Erwin Hameseder im Interview
© RZ/Michael Hintermüller

„Österreich muss deutlich an Resilienz gewinnen.“

Erwin Hameseder

Im Bankenbereich sticht die hohe Ausfallsquote bei gewerblichen Immobilienkrediten ins Auge. Das hat das Finanzmarktstabilitätsgremium zuletzt bewogen, den Systemrisikopuffer von 1 Prozent auf 3,5 Prozent zu erhöhen. Was bedeutet diese Erhöhung für die Kreditwirtschaft? 
Rehulka: Die Frage ist nicht, was das für Banken bedeutet. Die Frage ist, was diese Maßnahme für die Realwirtschaft und da insbesondere für den gewerblichen Wohnbau bedeutet. Der gewerbliche Wohnbau tut sich schon heute schwer, Finanzierungen für Neuprojekte zu bekommen. Man muss die Frage wohl an das zuständige Gremium weiterleiten, wieso die Eigenmittel derartig drastisch erhöht werden, obwohl wir den Peak bei den NPL-Quoten bereits erreicht haben. Prozyklische Effekte, die die Kreditvergabe weiter einschränken werden, sind die absehbare Folge. Durch eine fehlende Bautätigkeit wird leistbares Wohnen ein ernstes Thema in der Zukunft werden.

2025 war auch bei Raiffeisen Österreich davon geprägt, dass die UNO dieses Jahr zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen hat. Was waren im Rückblick Ihre Highlights dazu?
Hameseder: Wir haben im ÖRV von Beginn an das Ziel verfolgt, durch unterschiedliche Maßnahmen auf unsere Art des Wirtschaftens mehr Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu schaffen. Das ist uns am besten mit der in ganz Österreich ausgerollten „WIR-Kraft-Kampagne“ gelungen, die unser Verständnis des genossenschaftlichen Handelns auf den Punkt gebracht hat. Mein persönliches Highlight war der in der Hofburg gemeinsam mit dem Österreichischen Genossenschaftsverband veranstaltete Genossenschaftskongress, bei dem die innovative Kraft der Kooperation besonders spürbar war.

Zu Beginn des Genossenschaftsjahres haben Sie sich in einem Interview gewünscht, dass durch die zahlreichen Maßnahmen die Begeisterung für die Genossenschaftsidee und das Bewusstsein für die Relevanz von Genossenschaften gestärkt werden soll. Ist das gelungen?
Hameseder: Wir haben es mit unseren Impulsen geschafft, das Jahr 2025 zum Startpunkt für neue Projekte in den Bundesländern zur Mitgliedergewinnung und Mitgliederförderung zu machen. Viele haben verstanden, dass Genossenschaft kein „nettes“ Randthema ist, sondern ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Mitbewerb sein kann. Die jungen Menschen werden mit unseren Werten Regionalität, Nähe und nachhaltiges Wirtschaften sehr stark angesprochen – das hat auch der Wahrnehmung unserer Marke definitiv genutzt.

Generalanwalt Erwin Hameseder und Generalsekretär Johannes Rehulka im Interview
© RZ/Michael Hintermüller

„Das Steuerrecht muss im Sinne des Förderauftrages angepasst werden.“

Johannes Rehulka

Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es, damit Genossenschaften noch stärker zur Lösung der Herausforderungen unserer Zeit beitragen können?
Rehulka: Wir brauchen definitiv eine Neuregelung im Steuerrecht. Gesellschaftsrechtlich sind Genossenschaften verpflichtet, ihre Mitglieder zu fördern. Auf der anderen Seite fallen für diese Leistungen Körperschaftsteuer und Kapitalertragsteuer an. Das passt für uns nicht zusammen. Hier muss das Steuerrecht im Sinne des Förderauftrages angepasst werden. Und 2026 wird auch die digitale Geschäftsanteilszeichnung bei einer Genossenschaft ermöglicht. Das ist legistisch zwar ein kleiner Schritt, ermöglicht aber einen Beitritt zu einer Genossenschaft auf einer reinen digitalen Strecke. Damit werden wir uns im neuen Jahr auseinandersetzen. 

Im Jahr 2026 will sich der ÖRV dem Thema Mitgliedschaft annehmen. Warum setzt man gerade diesen Schwerpunkt?
Hameseder: Raiffeisen unterscheidet sich durch die Einbindung der Bevölkerung von allen anderen Unternehmensgruppen. Nur Genossenschaften, die auch aktiv um neue Mitglieder werben und die Mitgliederförderung leben, können langfristig erfolgreich sein. Daher haben wir auch in den ÖRV-Gremien beschlossen, dass alle Bundesländer im nächsten Jahr Strategien für die aktive Mitgliederförderung und Mitgliedergewinnung auf den Weg bringen. Es ist unsere gemeinsame Erwartungshaltung, dass ein aktives Mitgliederwesen von allen Genossenschaften gelebt wird.

Die fortschreitende Digitalisierung macht auch nicht vor genossenschaftlichen Betrieben halt. Ist die Digitalisierung eine Bedrohung oder eher eine Chance für Genossenschaften? 
Rehulka: Die typisch österreichische Skepsis vor neuen Entwicklungen muss auch in diesem Bereich abgelegt werden. In der digitalen Welt treten immer häufiger Phänomene auf, die gewisse Elemente des Genossenschaftswesens global zur Anwendung bringen. Phänomene wie die Tokenisierung von Assets oder die Etablierung von IT-Plattformen zeigen neue Entwicklungsmöglichkeiten auf. Daher werden wir uns heuer mit den technologischen Entwicklungen auseinandersetzen – um Genossenschaften und Digitalisierung, dort, wo es Sinn macht, noch stärker zu verknüpfen. 

Generalanwalt Erwin Hameseder und Generalsekretär Johannes Rehulka im Interview
© RZ/Michael Hintermüller

Mit welchen Maßnahmen möchte der ÖRV das Bewusstsein für Genossenschaften auch 2026 hochhalten? 
Rehulka: Wir werden noch im Jänner 2026 den neuen Raiffeisen-Wertschöpfungsbericht präsentieren, in den erstmals auch die At-Equity-Beteiligungen mitaufgenommen wurden. Mit diesem Bericht wollen wir einmal mehr auf Bundesebene zeigen, wie stark unsere Raiffeisen-Idee Österreich wirtschaftlich bewegt. Ebenso werden wir Vorzeigegenossenschaften in sozialen Medien eine Bühne geben, so wie wir das heute schon in unseren eigenen Magazinen machen. Zusätzlich werden wir eine Neuauflage des Raiffeisen Genius Award mit Fokus auf Projekte mit einem gesellschaftlichen Mehrwert in den Regionen starten. Dieser Wettbewerb soll einmal mehr auf die gemeinsame Marke Raiffeisen einzahlen.

2026 stehen nach der Bestellung von Michael Höllerer zum Generaldirektor der RBI auch einige wegweisende Personalentscheidungen an, Stichwort Raiffeisen-Holding und ÖRV. Welche Führungskompetenzen sind in Zeiten wie diesen besonders gefragt? 
Hameseder: Wir leben in Zeiten massiver Umwälzungen. Unsere geopolitische und demokratische Grundordnung wird stark herausgefordert. In Zeiten wie diesen ist ein Mix aus strategischer Weitsicht, Flexibilität, großer Umsetzungsstärke und Kommunikationsfähigkeit in allen Spitzenfunktionen gefragt. Sie können noch so viele Strategiekonzepte für die Zukunft erstellen. Die helfen alle nichts, wenn diese keine Krisenszenarien abbilden. Am wichtigsten wird es sein, resiliente Unternehmen aufzustellen, die auf alle denkbaren Szenarien – insbesondere auch auf die Veränderungen der Kundenbedürfnisse – vorbereitet sind.

Was wünschen Sie sich für das Jahr 2026? 
Hameseder: Ich hoffe sehr, dass der Friede in Europa wieder Einzug hält. Ich wünsche mir, dass Europa wieder zu seiner wirtschaftlichen Stärke und zu einer neuen Resilienz sowie Verteidigungsfähigkeit zurückfindet. Und ich wünsche mir, dass auch Österreich deutlich an Resilienz gewinnt und ein Stück weit zukunftsfähiger wird. 

Wer wird Fußballweltmeister 2026?
Hameseder: Spanien.
Rehulka: Mein sentimentaler Tipp ist England.

AusgabeRZ1-2026

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