Talk im Schloss: Standortfaktor Energie

Tiefe Einblicke in die energetische Zukunft der Wirtschaft gaben Experten beim diesjährigen „Talk im Schloss“ der Raiffeisenbank Kleinmünchen/Linz.

Die Energiewende ist schon lange kein alleiniges Klimaschutz-Thema, sondern betrifft immer stärker die Standortsicherheit und die Wohlstandssicherung – das war der Tenor beim diesjährigen „Talk im Schloss“ der Raiffeisenbank Kleinmünchen/Linz.

„Die Energiewende ist zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor geworden. Der Irankrieg hat uns erneut gezeigt, wie wichtig Energie und Energiesicherheit sind“, betont Winfried Schönberger, Vorstand der Raiffeisenbank Kleinmünchen/Linz, in seiner Begrüßungsrede. Die Wirtschaft stehe vor der Herausforderung, die passende Energie zu dem Zeitpunkt und an dem Ort zur Verfügung zu stellen, an dem man sie brauche. Österreich produziere aufgrund der erneuerbaren Energiequellen im Sommer mehr Strom, als es braucht, während man im Winter rund 70 Prozent des Strombedarfs importieren muss. Damit sei Energiesicherheit vor allem in geopolitisch konfliktreichen Zeiten keine abstrakte Zukunftsfrage, sondern eine präsente wirtschaftliche Notwendigkeit.

„Wie schaffen wir eine Energieversorgung, die gleichzeitig sicher, leistbar und nachhaltig ist und damit die Grundlage für einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort bildet? Diese Frage fehlt mir in diversen Diskussionen“, konstatiert Schönberger.

„Größtes Klimaschutzprojekt im Land“

Welche Antworten darauf der Stahlkonzern Voestalpine hat, skizzierte Vorstand Hubert Zajicek, Leiter der Steel Division. „So spannend, wie es momentan ist, war es noch nie“, strich der langjährige Manager hervor, der auf über drei Jahrzehnte Berufserfahrung beim Linzer Stahlkonzern zurückblicken kann. Eine solche Multikrise wie derzeit mit geopolitischen Kriegen und Unsicherheiten, politischen Herausforderungen wie Schutzzöllen, einer rasanten Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz (KI) und dem Thema Nachhaltigkeit sei für die Wirtschaft enorm.

Schon seit Jahren arbeitet die Voestalpine an einer umfassenden Transformation ihrer Kerntätigkeit. „Mit dem Projekt Greentec-Steel werden wir unsere Produktion langfristig dekarbonisieren“, sagt Zajicek. Im Frühjahr 2027 soll jeweils ein Elektrolichtbogenofen einen Hochofen an den Voestalpine-Standorten in Linz und Donawitz ersetzen. In dieser ersten Phase werden insgesamt 1,5 Mrd. Euro investiert. 

„Damit reduzieren wir unsere CO2-Emissionen um 30 Prozent. Das entspricht in Summe rund 5 Prozent der gesamten CO2-Emissionen Österreichs und ist also das größte Klimaschutzprojekt im Land. Bis zum Jahr 2035 wird auch der zweite Hochofen in Donawitz substituiert und ein weiterer in Linz“, berichtet Zajicek. Das sollte die CO2-Emissionen dann insgesamt um 50 Prozent reduzieren. Beim Umbau des Stahlkonzerns liege man im Plan. Man brauche aber ausreichend Strom aus erneuerbaren Energiequellen und vor allem ein leistungsstarkes Übertragungsnetze.

Zudem sei das Thema Wasserstoff, also „das Gas der Zukunft“ für die Industrie in Europa, noch völlig unterentwickelt. Voestalpine plant ja den Einsatz von „grünem“ Wasserstoff, der durch erneuerbaren Strom hergestellt wird, in der Stahlproduktion sukzessive zu erhöhen, um so bis zum Jahr 2050 Stahl mit Net-Zero-CO2-Emissionen zu produzieren.

Große Winterlücke

Neben der Industrie treibt insbesondere die Energiewirtschaft den Umbau der Energiesysteme hin zu einer klimaneutralen und ressourcenschonenden Zukunft voran. Dabei stehen Dekarbonisierung, Energieunabhängigkeit und Kreislaufwirtschaft im Fokus. Österreich habe sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 bilanziell gerechnet 100 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien zu produzieren, erklärt Markus Mitteregger, CEO des Energiespeicherunternehmens RAG Austria. Das bedeute aber noch lange nicht, dass die Produktion mit dem Verbrauch im Einklang sei.

Im Sommer betrage der Stromverbrauch hierzulande im Schnitt rund 10 Gigawatt (GW). Gleichzeitig werden etwa 12 GW Überschussstrom erzeugt, vor allem durch den Einsatz der Photovoltaik. Im Winter dreht sich das Bild dann: Der Verbrauch steigt auf etwa 12 bis 13 GW, während die Produktion hauptsächlich aus Wasserkraft rund 2 bis 4 GW beträgt. Rund 70 Prozent des Strombedarfs werden importiert. Man müsse sich daher Gedanken machen, wie man die Spitzen des Sommers in den Winter bekommt. 

Im Kern der Energiewende stehe die zunehmende Elektrifizierung, die man allerdings fertig denken müsse, mahnt Mitteregger ein. Denn: „Ich muss den Strom in jeder Sekunde haben, in der ich ihn benötige, nicht nur bilanziell“, bringt es der Manager auf den Punkt. Dafür sei die Energiespeicherung über einen längeren Zeitraum unausweichlich, wenn man an den langen Winter denke. Die RAG arbeitet daran, den Überschussstrom des Sommers mittels Wasserstoff als Energieträger in ehemaligen Gas- und Öllagerstätten unter der Erde einzufangen, um ihn so im Winter nutzbar zu machen. Mit dem Projekt „Underground Sun Storage 2030“ im oberösterreichischen Gampern, dem Leitprojekt für ganz Europa, habe man zeigen können, dass eine sichere Versorgung mit grüner Energie über das ganze Jahr gewährleistet werden kann. Der nächste Schritt sei nun die Skalierung dieser Möglichkeit.  

Das hätte auch starke volkswirtschaftliche Effekte: Wenn man den Strom im Winter nicht mehr importieren müsste, sondern den eigenen produzierten Strom verwenden könnte, dann würde dies Österreich ein jährliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,3 Prozent bringen und zum Beispiel auch die Beschäftigung im Inland erhöhen, betont der RAG-CEO. 

Chancen nutzen

Den Bogen von der Energiesicherheit zur Veranlagung spannte abschließend Valentin Hofstätter, Investmentexperte von Raiffeisen Capital Management, mit einem schwungvollen Ausblick auf Wirtschaft, Kapitalmarkt, Inflation und Zinsen. Österreich gebe pro Jahr rund 10 Mrd. Euro für Importe fossiler Energieträger aus. „Das ist die Kaufkraft, die jedes Jahr ins Ausland fließt“, so Hofstätter. Inzwischen ermöglicht es aber der technologische Fortschritt mit Investitionen im Inland, die Importabhängigkeit zu reduzieren und damit den Wohlstand Österreichs auszubauen bzw. zu sichern. 

Zudem werde in vielen Diskursen über die Energiewende mit einem technischen Stand von vor zehn Jahren argumentiert, als viele Dinge noch teurer und ineffizienter waren. Die Energiewende sollte nach Ansicht Hofstätters insbesondere weniger moralisch, sondern vielmehr wirtschaftlich diskutiert und argumentiert werden, denn es gehe dabei um Zukunftsinvestitionen, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand.

So bauen etwa die Schwellenländer wie China und Indien zwar auch weiterhin Kohlekraftwerke, investieren aber ein Vielfaches in grüne Energiekapazitäten, weil sie es sich durchgerechnet hätten. Von solchen Entwicklungen könne man bei der Geldanlage auch abseits des KI-Booms profitieren. Denn führende Unternehmen, die sich mit der Wasserstofftechnologie, Photovoltaik oder auch Stromspeichern beschäftigen, also im weitesten Sinn die Energiewende mitgestalten, haben eine bessere Performance als der breite Aktienmarkt.

AusgabeRZ41-2026

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