Die Region Mittel-, Ost- und Südosteuropa trotzt den globalen Unsicherheiten mit einem soliden Wachstum, zeigt die Winterprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Im Schnitt werden die 23 Staaten dieser Region heuer um 2,6 Prozent und im kommenden Jahr um 2,7 Prozent wachsen, prognostizieren die wiiw-Ökonomen. Zum Vergleich: Die Wirtschaftsleistung der Eurozone dürfte heuer um 1,4 Prozent und im kommenden Jahr um 1,5 Prozent zulegen.
Österreich profitiert von dieser Wirtschaftsdynamik. In Summe leistet die Region in etwa einen Beitrag zum österreichischen Wachstum wie Deutschland und die USA zusammen, erklärt wiiw-Direktor Mario Holzner. Als einen Indikator dafür nennt er den österreichischen Export, der in die 23 Länder der Region in den ersten zehn Monaten 2025 um 2 Prozent gestiegen ist, während er insgesamt gesehen um 1,6 Prozent gesunken sei.
Österreichische Unternehmen profitieren
Den Wachstumsbeitrag der Region zur österreichischen Wirtschaftsleistung beziffert das wiiw mit 0,14 Prozent. Damit trägt die Region insgesamt gesehen wesentlich mehr zur heimischen Konjunkturentwicklung bei als Deutschland (0,07 Prozent), die USA
(0,08 Prozent) oder China (0,09 Prozent). Qualitativ gesehen gibt es weiterhin große Chancen in Osteuropa: „Österreichische Unternehmen dürften davon profitieren, dass durch die höheren Arbeitskosten und den Arbeitskräftemangel in der Region die Notwendigkeit von Investitionen in die Automatisierung der Fertigung steigt. Das sind Bereiche, in denen sie traditionell stark sind“, sagt Doris Hanzl-Weiß, wiiw-Expertin für Österreichs Wirtschaftsbeziehungen mit Mittel-, Ost- und Südosteuropa.
Großes Potenzial hätte auch ein Wiederaufbau der Ukraine, denn heimische Baufirmen seien schon große Player in der Region und verfügten über viel Know-how beim Wohn- und Straßenbau. Österreich zähle zudem zu den Weltmarktführern, etwa bei der Wasseraufbereitung oder der Energieinfrastruktur.
Konsum schwächelt
Die EU-Mitglieder der Region bleiben allerdings unter ihrem Wachstumspotenzial. Die anhaltende Schwäche der Industrie in Deutschland, hohe Budgetdefizite und strukturelle Probleme drücken bei manchen von ihnen auf das Wachstum. Grundsätzlich befinden sich diese Länder in einem strukturellen Wandel. „Haupttreiber des Wachstums war dort bisher der private Konsum infolge starker Reallohnsteigerungen. Dieser verliert an Dynamik, womit die Investitionen privater Firmen und der öffentlichen Hand an Bedeutung gewinnen“, sagt Richard Grieveson, stellvertretender wiiw-Direktor und Hauptautor der Winterprognose.
„Der Konsum verliert an Dynamik, womit die Investitionen privater Firmen und der öffentlichen Hand an Bedeutung gewinnen.“
Richard Grieveson
Zu den am stärksten wachsenden Ländern der Region zählen heuer die Türkei (3,9 Prozent), Polen (3,7 Prozent) und Kroatien (2,8 Prozent). Am unteren Ende der Prognose befinden sich die Slowakei (1,1 Prozent) und Rumänien (1,0 Prozent). In Ungarn, wo im April eine richtungsweisende Parlamentswahl stattfindet, die Premier Viktor Orbán das Amt kosten könnte, springt die Konjunktur nach der Stagnation im Vorjahr wieder an. Für 2026 wird ein BIP-Plus von 2,2 Prozent und für 2027 von 2,5 Prozent erwartet.
Die sechs Staaten am Westbalkan expandieren vergleichsweise kräftig und werden heuer im Schnitt um 3,1 Prozent und im kommenden Jahr um 3,5 Prozent wachsen, obwohl es für Serbien aufgrund der anhaltenden Proteste eine Revision der Prognose nach unten gab. Die wiiw-Ökonomen erwarten für den Balkanstaat heuer ein Wachstum von 2,8 Prozent, das sich 2027 auf 3,5 Prozent beschleunigen dürfte.
Investitionsbedarf steigt
Aufgrund stark gestiegener Lohnstückkosten in der exportorientierten Industrie hat die Region deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Damit schwindet das bisherige Erfolgsmodell als verlängerte Werkbank westlicher Konzerne zusehends. „Investitionen in mehr Produktivität sind daher dringend notwendig“, konstatiert Grieveson. Insgesamt profitiere die Region von den stark steigenden Verteidigungsausgaben. Wesentliche Wachstums-impulse seien davon aber nur dann zu erwarten, wenn ein größerer Anteil als bisher in die Beschaffung von Waffen und Ausrüstung investiert werde und diese Güter auch lokal produziert würden.
Als größtes Abwärtsrisiko für die Wirtschaft sehen die Ökonomen des Wiener Instituts mögliche handelspolitische Maßnahmen von US-Präsident Donald Trump. Zwar sind die direkten Handelsströme überschaubar, doch könnte eine sinkende US-Nachfrage nach westeuropäischen Industrieprodukten die eng verflochtene Region indirekt treffen. Ein weiteres Risiko stellen hohe Budgetdefizite in Ländern wie Rumänien, Ungarn, Polen und der Slowakei dar. Sollte es zu Turbulenzen an den Anleihenmärkten kommen, wären wachstumsdämpfende Sparmaßnahmen die Folge.
Negativ für die Region könnte sich auch ein Diktatfrieden in der Ukraine zugunsten Russlands auswirken. „Das Fehlen glaubwürdiger Sicherheitsgarantien für die Ukraine dürfte Investoren abschrecken und zu großer Verunsicherung führen, da in diesem Fall mit einer Destabilisierung der ganzen Region durch Moskau zu rechnen ist“, warnt Grieveson.
Verheerende Kriegsfolgen
Die Aussichten für die kriegsgeplagte Ukraine trüben sich zunehmend ein. Die massiven Zerstörungen der Energieinfrastruktur durch die schweren russischen Luftangriffe und die großflächigen Stromausfälle untergraben zunehmend die Wirtschaftstätigkeit im Land. Dazu kommen der Ausfall von zerstörten Produktionsanlagen und der grassierende Arbeitskräftemangel durch Flucht und Mobilisierung. Das wiiw geht in seiner Prognose davon aus, dass der Krieg trotz der gegenwärtigen Verhandlungen noch bis 2028 weitergehen wird, auch wenn eine politische Lösung in der Zwischenzeit nicht auszuschließen ist.
Für heuer wird ein Wachstum von 2,5 Prozent in der Ukraine erwartet, was eine neuerliche Revision nach unten um 0,5 Prozentpunkte gegenüber der Herbstprognose bedeutet. Auch wirtschaftlich wird für die Ukraine sehr viel von der Ausgestaltung der westlichen Sicherheitsgarantien im Zuge eines etwaigen Friedensabkommens abhängen.
Bei Aggressor Russland setzt sich die Beinahe-Stagnation aufgrund hoher Zinsen, niedriger Ölpreise und geringer Investitionen heuer (1,2 Prozent) und im nächsten Jahr (1,5 Prozent) fort. Diese Prognosen basieren allerdings auf der Annahme, dass der Krieg gegen die Ukraine weitergeht und es zu keiner Lockerung der US-Sanktionen kommt. Russland könne den Krieg grundsätzlich noch sehr lange durchhalten, erklärt wiiw-Direktor Holzner und fügt hinzu: „Die Frage ist nur, zu welchem Preis Russland bereit ist, die Kriegswirtschaft durchzuhalten.“









