Rund 2.000 Kinder und Jugendliche in Not wachsen hierzulande momentan in SOS-Kinderdörfern auf. Die Idee von Hermann Gmeiner, verwaisten und verlassenen Kindern in der Nachkriegszeit ein neues Zuhause zu geben, wurde im Jahr 1949 mit der Gründung des Vereins SOS-Kinderdorf und der Errichtung des ersten SOS-Kinderdorfes in Imst in Tirol umgesetzt.
In Österreich haben seit damals rund 14.500 Kinder und Jugendliche bei SOS-Kinderdorf ein neues Zuhause gefunden. Die oft traumatisierten jungen Menschen bekommen in einem familiären Umfeld stabile Strukturen und werden von pädagogischen Teams individuell gestärkt und gefördert. Eltern und nahestehende Bezugspersonen werden in das Betreuungskonzept und die Entwicklungsschritte miteinbezogen.
Solidarisches Netzwerk
Zum gut Großwerden braucht es neben verlässlichen Beziehungen aber auch ein gemütliches Gebäude, das mit Energie versorgt werden muss. Momentan bringen die hohen Energiekosten viele Familien in Not. Strom ist eine Selbstverständlichkeit, doch für manche wird er zur großen finanziellen Belastung. Genau hier setzt die SOS-Kinderdorf-Energiefamilie an: „Als dezentrale Organisation war es naheliegend, auch Energie möglichst effizient zur Verfügung zu stellen“, erklärt Projektleiter Mathias Schweighofer die Idee der „Energiefamilie“.
Die neu gegründete Bürgerenergiegemeinschaft nutzt überschüssigen Strom aus Photovoltaikanlagen oder Kleinwasserkraft, um in ganz Österreich Wohngruppen von SOS-Kinderdorf mit günstiger und sauberer Energie zu versorgen. Seit März 2025 wird den Wohngruppen, die selber keine Photovoltatik-Anlagen haben, Überschussstrom von PV-Anlagen von Spendern und anderen SOS-Kinderdörfern zur Verfügung gestellt. Die Idee ist ein Jahr gereift, bis die Genossenschaft gegründet wurde und sich nun die ersten Spender gemeldet haben. Die Idee zur Rechtsform der Genossenschaft kam vom Steuerberater, erzählt Schweighofer, der die sichere und stabile Rechtsform hervorstrich. Die SOS-Kinderdörfer können sich so ihrer Energie sicher sein. Konkret geht es um 2,5 Gigawattstunden pro Jahr, die den Verbrauch der österreichischen Standorte decken. Zukünftig soll das Modell aber auch außerhalb von SOS-Kinderdorf-Familien unterstützen, die unter Energiearmut leiden.
„Unsere Energiefamilie ist mehr als nur eine Energiegemeinschaft – sie ist ein solidarisches Netzwerk. Wer Strom erzeugt und nicht selbst braucht, kann ihn weitergeben und so Familien in Not direkt helfen“, betont Schweighofer. Die SOS-Kinderdorf-Energiefamilie verbindet ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Da der überschüssige Strom aus erneuerbaren Quellen effizient verteilt wird, reduziert sich die Nutzung fossiler Energie. Durch die Stromspende werden Familien in Krisenzeiten vor Energiearmut geschützt und durch die genossenschaftliche Struktur profitieren die Beteiligten von fairen und stabilen Strompreisen.
Vom Mitglied zum Spender
Österreichweit kann der überschüssige Strom gespendet werden, dazu muss man sich einmalig registrieren und einen Anteilsschein in Höhe von einem Euro zeichnen. Für das Genossenschaftsmitglied wird der Zählpunkt schließlich freigeschaltet. Über ein Onlineportal kann der Spender frei festlegen, welchen Anteil er spenden will und diesen auch unkompliziert ändern. Mit vier Wochen Kündigungsfrist kann man auch jederzeit aus der Energiefamilie der Kinderhilfsorganisation wieder austreten.
Die Stromspende wird auch in Geld umgerechnet, die steuerliche Absetzbarkeit sollte ab dem kommenden Jahr möglich sein. „Wir müssen ein Geschäftsjahr existieren, um diesen Antrag stellen zu können“, erklärt Schweighofer. Unabhängig davon beginnt SOS-Kinderdorf schon jetzt mit der Anwerbung von Genossenschaftsmitgliedern. Der Projektleiter rechnet damit, dass nicht nur private Haushalte Strom spenden, sondern auch Unternehmen die Möglichkeit als CSR-Maßnahme nutzen.
Raiffeisen als Begleiter
Die Genossenschaft wurde im Dezember 2024 beim Raiffeisenverband Tirol gegründet. „Wir sind stolz darauf, dieses wegweisende Projekt begleiten zu dürfen“, betont Alexander Büchel, Direktor des Raiffeisenverbandes Tirol. Der Raiffeisenverband Tirol bringt seine langjährige Expertise bei Genossenschaftsgründungen ein und sorgt für eine stabile rechtliche und wirtschaftliche Grundlage der Energiefamilie. Die enge Zusammenarbeit mit SOS-Kinderdorf unterstreiche auch die Werte des Verbandes: Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Innovationskraft.