Im vergangenen September erlebte Stefan Schirnhofer zwei Wochen „wie im Märchen“, wie er selbst sagt. Erst gewann er den steirischen Landesmeistertitel im Zielwettbewerb, 14 Tage später gelang ihm dann der ganz große Wurf: Erstmals in seiner Karriere wurde er österreichischer Staatsmeister, nachdem er zuvor bereits dreimal den Vize-Titel abgestaubt hatte (2017, 21 und 22). „Das war die Erfüllung eines langgehegten Traumes“, erinnert er sich zurück. „Den größten Einzel-Wettkampf, den es in Österreich gibt, zu gewinnen, ist mein absolutes Karriere-Highlight.“
Dazu muss man wissen, dass die bisherige Laufbahn des Mannes aus Hartl bereits einige Glanzlichter zu bieten hatte. 2019 wurde er Europameister in der U23, ein Jahr später gewann er die Silbermedaille bei der Junioren-WM in Bayern. In Summe sind es fünf Medaillen bei Nachwuchs-Europameisterschaften, die er sich erkämpfte. „Ich bin sehr dankbar dafür, was ich in meiner Junioren-Karriere alles erleben durfte. Bis auf WM-Gold habe ich im Zielwettbewerb praktisch alles gewonnen.“
An dieser Stelle lohnt es sich, einen Blick auf die Feinheiten des Stocksports zu werfen. Denn prinzipiell wird er in drei Disziplinen unterteilt: Mannschaftsspiel, Weitenwettbewerb und Zielwettbewerb. Bei Ersterem versuchen vier Spieler eines Teams, ihren Stock so nah wie möglich an der Daube zu platzieren. Zweiteres zielt darauf ab, wer den Stock am weitesten wirft, ähnlich einer Wurfdisziplin in der Leichtathletik. Schirnhofer hat sich dagegen auf den Zielwettbewerb spezialisiert. „Hier geht es darum, vier unterschiedliche Aufgaben zu lösen, für die es jeweils null bis zehn Punkte gibt. Die Punkte werden addiert, wer die meisten sammelt, gewinnt den Wettkampf.“ Für all diese Disziplinen gibt es eine Sommer- und eine Winter-Variante, wobei sich Schirnhofer auf die wärmere Jahreszeit eingeschossen hat. „Weil es logistisch mit dem Training für mich einfacher ist und ich dadurch bessere Bedingungen habe.“
Frühes Talent
Schirnhofer begann bereits im Alter von acht Jahren mit dem Stocksport. Über eine Schnuppereinheit mit seiner Volksschule kam er erstmals mit Stock und Daube in Berührung. Weil er aber auch begeisterter und talentierter Fußball- und Tennisspieler war, betrieb er über sechs Jahre drei Sportarten parallel. „Da blieb neben der Schule kaum Zeit für etwas anderes“, erinnert er sich. Schnell stellten sich erste Erfolge ein: Mit zwölf Jahren gewann er seine erste Medaille bei Landesmeisterschaften, mit 14 den ersten Titel auf Landesebene, im gleichen Jahr holte er die Bronzemedaille bei den Staatsmeisterschaften der U16. „In dieser Zeit wurde schnell klar, dass ich irgendwann in der Nationalmannschaft landen werde, wenn ich verletzungsfrei bleibe und nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt.“
Parallel zu dieser Erkenntnis wuchs allerdings auch eine weitere. Stocksport mag ein wunderbares Hobby sein, reich werden kann man damit allerdings nicht. Preisgelder gibt es – wenn überhaupt – nur im Mannschaftsbewerb, Sponsoren sind rar gesät. „Selbst wenn man im Einzelbewerb zur absoluten Spitze gehört, ist es aus finanzieller Sicht maximal kostendeckend, mehr nicht“, erklärt er.

Umso froher ist Schirnhofer, dass er schon seit 2017 von Raiffeisen unterstützt wird. Und ebenso darüber, dass diese Partnerschaft mittlerweile auch Teil seines Berufslebens ist. „Gleich nach meinem Zivildienst bin ich zur Raiffeisenbank Hartberg gestoßen, die heute nach der Fusion Raiffeisenbank Region Hartberg heißt. Am Anfang war ich in der Buchhaltung tätig, durch viele Umstände und Ausbildungen bin ich seit Dezember 2023 in der Firmenkundenbetreuung.“
Und das mit ähnlichem Enthusiasmus wie bei seiner Sportkarriere. Der ist auch nötig, denn viermal die Woche stehen Trainingseinheiten auf dem Programm. Denn wer glaubt, man könnte einen Wettkampf ohne sportliche Fitness überstehen, der irrt gewaltig. „Wir haben mit diesem Vorurteil durchaus zu kämpfen“, kann Schirnhofer darüber schmunzeln. Und zählt auf, was es braucht, um ein guter Stocksportler zu sein: „Vier Komponenten sind entscheidend: Technik, Kraft, Ausdauer und mentale Stärke, die sollte man definitiv nicht unterschätzen.“ Da sich Schirnhofer schon immer gerne mit Trainingslehre befasste und alle Möglichkeiten, die sich ihm boten, aufsog wie ein Schwamm, führt er diesbezüglich viele Übungen in Eigenregie durch. Denn auch Vielseitigkeit gehört zu den Stärken, die es braucht, um ganz vorne mitzuspielen. „Ich bin Sportler, Trainer und Manager in einer Person“, sagt er mit einem Augenzwinkern.
Titel verteidigen
Wer in seinem Sport so erfolgreich ist, weckt natürlich Begehrlichkeiten. Da ist es fast logisch, dass große Vereine immer mal wieder anfragten, ob Schirnhofer den fünf Kilo schweren Stock nicht mit ihren Klub-Logo auf dem Trikot werfen möchte. „Bis jetzt habe ich jede Anfrage demütig und dankend abgelehnt“, sagt Schirnhofer, der seit knapp zehn Jahren für den ESV Wagenbach antritt. Der spielt mit seiner Mannschaft zwar „nur“ in der Unterliga – aber dafür muss der begeisterte Skifahrer und Tennisspieler nicht auf all seine anderen Hobbys verzichten und kann noch ein Leben außerhalb des Sports und des Berufes führen.
An sportlichen Zielen mangelt es ihm trotzdem nicht. Zum Beispiel das, seinen Titel bei der nächsten Staatsmeisterschaft im kommenden Sommer zu verteidigen. „Das wird unglaublich schwer, weil die Dichte an hervorragenden Spielern in Österreich außerordentlich hoch ist“, sagt er. 15 Spieler können seiner Einschätzung nach mit dem Meistertitel liebäugeln, allerdings schaffen es immer nur neun Athleten in den Finaldurchgang. „Daran erkennt man, dass der Stocksport hierzulande ein absoluter Volkssport ist. In der Steiermark gibt es mehr als 400 Vereine, allein in Hartl stehen für eine 2.000-Einwohner-Gemeinde drei Eisstockhallen zur Verfügung.“
Und trotz dieser Vielzahl hat sich Schirnhofer ganz an die Spitze gearbeitet. Ohne familiäre „Vorbelastung“ im Stocksport oder besondere Protektion, sondern mit viel Ehrgeiz, Beharrlichkeit und Einsatzbereitschaft. Und einem Motto, das er gerne an jüngere Sportler weitergeben möchte, weil er es selbst immer gelebt hat: „Mit Ehrlichkeit, Fairness und Professionalität zum Erfolg – dafür lohnt es sich zu arbeiten.“









