„Sie sind gefilmt worden …“

... hieß es in der späten Zwischenkriegszeit regelmäßig auf manch europäischer Straße. Auch in der steirischen Landeshauptstadt wurden Passanten von sogenannten Gehfotografen abgelichtet. Das Grazer „Museum für Geschichte“ zeigt eine Auswahl von 600 historischen Bildstreifen.

Durch die Straßen flanierende Paare, eine Dame mit Hund, ein Mann mit Fahrrad, Mütter mit Kinderwägen – es sind unterschiedliche Menschen, die auf den mittlerweile knapp 100 Jahre alten Fotografien zu sehen sind. Neben der Tatsache, dass sie alle unaufgefordert im Alltag auf offener Straße von einem Fotografen fotografiert worden sind, haben die Abgelichteten vor allem eines gemeinsam: Sie haben „ihr“ Bild mit ziemlicher Sicherheit nie zu Gesicht bekommen.

Warum der Erwerb der gezeigten Aufnahmen bei den Fotografierten auf kein Interesse stieß? Darüber kann heute freilich nur spekuliert werden: War es schlicht Desinteresse oder hätten sich die Kosten mit eineinhalb Schilling (was in etwa einem Mittagessen entsprach) für manchen mitunter zu teuer gestaltet? 

Krise macht erfinderisch

Mit ihrer kurzen Blüte von 1927 bis 1935 fiel die Tätigkeit der Gehfotografen immerhin nicht zufällig in die Zeit der Wirtschaftskrise. Auch auf manchen Berufsfotografen hatten sich die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen negativ ausgewirkt. Vermehrt gingen ihnen Aufträge abhanden und viele waren gezwungen, sich nach neuen Einnahmequellen umzusehen. Inwiefern sich das Fotografieren von zufällig vorbeikommenden Passanten für den Fotografen als ein lukratives Geschäftsmodell erweisen sollte, auch darüber lässt sich aufgrund mangelnder Informationen nur schwer eine Aussage treffen.

Zumindest einen gewissen kommerziellen Erfolg dürften diese durchaus gehabt haben, sonst hätte es keine „Nachahmungstäter“ gegeben, weiß Mila Palm, die die Ausstellung im Grazer Museum für Geschichte nicht nur kuratierte, sondern aus deren Besitz die Aufnahmen auch stammen.

Dreiersequenzen

Die studierte Restaurateurin im Bereich Papier/Foto/Buch- und Archivmaterial betreibt in Wien das Foto-Antiquariat „Milaneum“ und ist Expertin für Alltags- und Amateurfotografie im Zeitraum von 1840 bis 1940. Auf das Thema der Gehfotografie ist Palm während dem Sortieren diverser Fotografien gekommen. Die Bilder stechen allein schon aufgrund der Dreiersequenz – in rascher Abfolge wurden jeweils drei Bilder pro Passant aufgenommen – heraus. 

© Sammlung Mila Palm

Erreichen konnten die Fotografen ihr Alleinstellungsmerkmal mit Hilfe spezieller Kameras für serielle Aufnahmen wie beispielsweise die „Debrié Sept“, die zwischen 1922 und 1927 in Frankreich hergestellt wurde, oder die in Deutschland ab 1928 von Gerhard Steinborn patentierte „AKICE – Steinborn’s Geh-Film-Aufnahmen“. Dadurch, dass es sich bei den zum Verkauf angebotenen Bildern zumeist um mehrere vertikal angeordnete Einzelbilder mit sichtbarem Perforationsrand handelte, stellte sich zudem eine gewisse Nähe zum populären Medium des Films ein.

Dass dieser Eindruck natürlich gewollt war, davon zeugt auch das Verkaufsargument der Gehfilmer. Nachdem der Passant fotografiert worden war, erhielt dieser einen Zettel mit dem Vermerk „Sie sind gefilmt worden“ und einer Adresse, wo die Aufnahmen in den nächsten zwei Werktagen abzuholen seien beziehungsweise die Möglichkeit, sich diese auch zuschicken lassen zu können. 

In der Ausstellung markiert dementsprechend passend ein Abholschein den Anfang eines aus 600 (aus einem Bestand von insgesamt 1200 ausgewählten) Bildstreifen bestehenden Panoramas. Zu sehen sind nicht nur Menschen unterschiedlichen Alters und sozialer Schichten, sondern auch wie diese auf die Kamera reagierten. Die Palette der Reaktionen reicht von überrascht über irritiert bis hin zu bewusst posierend. Für Palm steht es außer Frage, dass das Medium von einigen auch bewusst zur Selbstinszenierung benutzt worden sei – eine Form der Selbstdarstellung, die, wenn man so will, bis heute in unserer Selfie-Kultur weiterlebt. 

Wiedererkennungswert

In vielen Fällen dürften die Bilder eine Rolle als Souvenir gespielt haben. So wurden beispielsweise ausgewählte Aufnahmen zur Postkarte verarbeitet und an Freunde und Familie versandt oder in Fotoalben eingeklebt. Oftmals waren die Gehfotografen dort anzutreffen, wo es vermehrt Tourismus gab, wie etwa in spanischen oder französischen Badeorten. „In allen anderen Ländern, wo ich dieses Phänomen bisher festmachen konnte, ist es ausschließlich im Sommer praktiziert worden. Das ist natürlich viel angenehmer für den Fotografen, als wenn man sich im Winter rausstellt“, gibt Palm einen Einblick in ihr Wissen. 

© Sammlung Mila Palm

Gerade diesbezüglich stellt der Grazer Bestand eine Ausnahme dar, da die Abgelichteten allesamt in herbstlicher Kleidung zu sehen sind. Ein Umstand, der darauf zurückzuführen ist, dass die gezeigten Bilder aller Wahrscheinlichkeit nach im Rahmen der seit 1906 in Graz stattgefundenen Herbstmesse entstanden sein dürften. Für die Ausstellung wurden sie nach ihrem Entstehungsort – vom Hauptplatz bis zum Burgtor – geordnet und auf Sichthöhe in Leisten eingeklemmt. Dies hätte laut Palm den Vorteil, dass man die Fotos auch ganz nahe ansehen kann und dass es einen hohen Wiedererkennungswert der Orte für die Bevölkerung gibt. Die Besucher seien zudem auch dazu eingeladen, die Bilder zu fotografieren. 

Kein Comeback

Dass man als Fotograf heutzutage auf der Straße so einfach die Kamera zückt, ist in den letzten Jahren aufgrund der Verletzung der Privatsphäre jedoch immer schwieriger geworden. Im Gegensatz zur Automatenfotografie, die in den letzten Jahren ein Revival erlebt hat, dürfte dem Gehfotografen in dieser Form also kein Comeback mehr beschieden sein. 

Die Dreiersequenzen zeigen Momentaufnahmen von Menschen, die ihr Foto meist nie selbst gesehen haben. © Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Doch so ganz ohne Aufregung ging das offensichtliche Fotografieren im öffentlichen Raum schon damals nicht vonstatten. Immer wieder hat die Tätigkeit der Gehfotografen auch den Missmut bei den Kollegen der fotografischen Genossenschaft hervorgerufen. Viele der Namen, die uns heute bekannt sind, sind es aufgrund von Anzeigen, weiß Palm. 1939 sollte es schließlich hierzulande mit dem Argument des Verkehrshindernisses endgültig zum Aus für die Tätigkeit der Gehfotografen kommen. Der Street Photography freilich war damit noch kein Ende beschieden. Diese erfreut sich als Kunstform nach wie vor großer Beliebtheit.

AusgabeRZ06-2026

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