Am 26. Februar begeht man in den USA den „National Tell a Fairy Tale Day“. Nicht fehlen dürfen an diesem „Erzähl-ein-Märchen-Tag“ die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Schon der 1939 in die USA emigrierte österreichische Psychoanalytiker Bruno Bettelheim wusste: „Kinder brauchen Märchen.“ In seiner 1976 erschienenen Publikation richtete er sich gegen jene, die meinten, die (Grimm’schen) Märchen hätten ausgedient.
Als zu grausam und drastisch waren diese in der damaligen Zeit immer wieder kritisiert worden – manch einer befürchtete, durch die Lektüre unnötige Aggressionen und Ängste bei Kindern zu schüren. Das Vorhaben, diese aus den Kinderzimmern zu verbannen oder „gereinigte“ Versionen in Umlauf zu bringen, war – wie man an der seit Jahren anhaltenden Märchen-Renaissance sehen kann – jedoch nicht von Erfolg gekrönt.
Märchen fördern Resilienz
Kinder brauchen nicht nur Märchen, sie brauchen die den Geschichten innewohnenden Grausamkeiten – zumindest, wenn es nach Bettelheim und weiteren Befürwortern geht. Wer immer nur von Freude, Frieden, Sonnenschein und freundlichen Figuren umgeben ist, findet keine Erklärung für das eigene Unwesen. Das Kind lernt: böse Monster können besiegt, Angst kann überwunden werden. Märchen fördern demnach die Resilienz – also die Fähigkeit, sich nach Belastungen wieder zu erholen, anzupassen und oft sogar gestärkt weiterzuleben –, statt Aggressionen zu schüren.
Für die österreichische Psychoanalytikerin Josephine Bilz stellen die durch die Grausamkeiten ausgelösten Angsterlebnisse folglich eine Bedingung für die innere Reifung dar. Die Autorin des Kinderpsychologie-Klassikers „Das Märchen und die Phantasie des Kindes“ sieht gar eine Verwandtschaft zu den Initiationsriten der „Primitivkulturen“, bei der eine höhere Entwicklungsstufe nur erreicht werden kann, wenn das Alte zerstört, hinter sich gelassen wird.
Indem es Hänsel und Gretel erfolgreich gelingt, die böse Hexe zu vernichten, schaffen sie es, sich von der bösen (Stief-)Mutter – die in einer tiefenpsychologischen Sicht als Spiegelung der Hexe begriffen werden kann – abzulösen und sich als junge Menschen zu behaupten. Die Leser bekommen es hier folglich mit der Geschichte einer Pubertätsentwicklung zu tun, an deren Ende der Übergang zum Erwachsenenleben gemeistert wurde und die Kinder mit Schätzen belohnt werden.
Alles hat Konsequenzen
Eine von Erfolg gekrönte Entwicklung, die sich auch bei der Figur der Goldmarie aus „Frau Holle“ beobachten lässt. Wie bei vielen Märchen der Brüder Grimm findet sich auch hier zu Beginn der Handlung eine unvollständige Familie (man denke etwa an Aschenputtel oder Rapunzel). So heißt es auch in „Frau Holle“: „Eine Witwe hatte zwei Töchter“, doch während die eine Tochter von der Mutter verwöhnt wurde, musste die andere alle Arbeit erledigen.
Eine Erziehungssituation, die sich für die faule Tochter als fatal erweisen wird. Da die Mutter dieser nie beigebracht hat Verantwortung zu übernehmen, verfüge das Mädchen nicht nur über eine geringe Frustrationstoleranz und wenig Durchhaltevermögen, sondern auch über das Fehlen jeglichen Pflichtbewusstseins, erläutert Psychotherapeutin Anneliese Fuchs in „Verschlüsselte Botschaften. Lebensmuster in Märchen. Alte Weisheiten und neue Erkenntnisse“. Fuchs sieht in „Frau Holle“ ein „Gleichnis“ über eine „gelungene und misslungene spirituelle Entwicklung“.
Die Pechmarie möchte Erleuchtung, Genuss „ohne Leistung und Konsequenz“. So bleibt das Mädchen bis zum Ende, als das Pech (nicht zuletzt sinnbildlich in Schwarz als Farbe der Depression) über sie hereinbricht, in „ihrer Selbstüberschätzung und Selbsttäuschung verhaftet“ und erlebt „zum ersten Mal in ihrem Leben, dass die Dinge anders laufen“. Die Moral aus der G’schicht: „Man darf einem Jugendlichen nie die Konsequenzen seines Handelns vorenthalten, ganz gleich, ob das angenehm oder unangenehm ist“, so Fuchs.
Freud und der Froschkönig
Letzteres eine Botschaft, die einem nur allzu offensichtlich auch im Märchen vom Froschkönig ins Auge springt. Noch ganz im kindlichen Übermut beziehungsweise im Lustprinzip verhaftet, und somit gänzlich darauf ausgerichtet, ihren Ball wiederzubekommen, verspricht die junge Prinzessin dem Frosch, ihn mit nach Hause zu nehmen, wenn er ihr den in den Brunnen gefallenen Ball wieder beschaffe. Doch das Mädchen denkt gar nicht daran, ihr Versprechen einzulösen – erst als der Vater (freudianisch als Über-Ich zu deuten) sie darauf hinweist, dass man die Verpflichtungen, die man eingegangen ist, auch erfüllen muss, darf der Frosch „vom Tellerchen essen“ und im „Bettchen schlafen“.
Laut psychologischer Deutung steht der Frosch hier eindeutig für die Sexualität. Das Mädchen, zuerst angewidert von dem Frosch, wirft diesen an die Wand, worauf er auf den Boden (in früheren Versionen noch eindeutiger auf das Bett) fällt und sich dort in einen wunderschönen Prinzen verwandelt. Letztendlich kommt etwas Schönes, das zunächst abstoßend erscheint, zum Vorschein. Gleichzeitig vollführe die Prinzessin, laut der deutschen Germanistin und Märchenforscherin Ursula Heindrich, mit ihrer aggressiven Handlung einen Akt der Emanzipation, indem sie zum ersten Mal nicht das tut, was der Vater von ihr verlangt.
Märchen heute
Doch ob der Frosch nun an die Wand geworfen wird, drei Mal im Bettchen schlafen oder „schlicht“ geküsst werden muss, wie in zahlreichen Filmen vermittelt, der Frosch entpuppt sich am Ende als schöner Prinz. Oder doch nicht? Wirft man einen Blick in die von Wolfgang Mieder in „Der Froschkönig“ abgedruckten Karikaturen, merkt man nicht nur, dass manchmal ein Frosch ein Frosch bleibt, sondern vor allem auch die enorme Popularität und Verbreitung der Geschichte.
Märchen sind ein nicht mehr wegzudenkender Teil unserer modernen Popkultur. Die Palette reicht von unzähligen Aschenputtel-Verfilmungen bis hin zu jeder Menge literarischer Neuerzählungen und Verarbeitungen in Musical-Adaptionen, Graphic Novels bis hin zu zahllosen Memes in Social-Media-Plattformen.
Zielgruppe Kinder
Nicht zu vergessen ist deren Präsenz in Form von klassischen Theateraufführungen, Opern (aktuell: Rotkäppchen – Kinderoper in der Krypta) und Lesungen für Kinder: Sei es auf der Wiener Märchenbühne „Apfelbaum“, im Rahmen des Märchensommers auf Schloss Poysdorf, beim Märchen-Jahresschwerpunkt 2026 in der Stadtbücherei Lienz oder bei den regelmäßig geführten Märchenspaziergängen von Helmut Wittmann – auf dessen Antrag hin das Märchenerzählen auch in Österreich auf die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde.
Märchen werden seit Jahrhunderten erzählt und haben auch über 200 Jahre nach der Niederschrift und Bearbeitung durch die Brüder Grimm nichts an Beliebtheit eingebüßt – sie sind vielleicht sogar so lebendig wie noch nie.









