Europa braucht China-Speed

Die Flottentage 2026 von Raiffeisen Leasing zeigten nicht nur die neuesten Entwicklungen am Fahrzeugmarkt, sondern auch die aktuellen Herausforderungen der Branche.

Mobilität ist ein essenzieller Bestandteil des Alltags und berührt Private wie Unternehmen gleichermaßen, sagt Alexander Schmidecker, CEO von Raiffeisen Leasing, bei der Eröffnung der Flottentage 2026 im ÖAMTC-Fahrtechnikzentrum in Teesdorf. Deshalb folgten auch mehr als 1.200 interessierte Kunden und Partner – so viele wie noch nie – der Einladung zum zweitätigen Event, um sich über Innovationen und Angebote im Bereich der Mobilität zu informieren.

Dass Elektromobilität und chinesische Hersteller die Kräfteverhältnisse in der globalen Automobilindustrie immer weiter verschieben, wurde auch auf der Teststrecke deutlich. Bei den Flottentagen vor 14 Jahren wurden gerade einmal drei E-Autos ausgestellt. „Zum Anschauen, weil es noch keine Lademöglichkeit gab“, schmunzelt Schmidecker. Mittlerweile sind mehr als die Hälfte der 135 Testfahrzeuge elektrifiziert und neben den altbekannten Marken auch neue, chinesische Player wie BYD, XPENG, Omoda & Jaecoo, Chery oder Leapmotor am Start. 

Welche Herausforderungen diese Entwicklungen für den europäischen Markt mit sich bringen, diskutierten Branchenvertreter im Rahmen der Flottentage. Automotive-Experte Tobias Talmon l’Armée, Director bei Strategy&, sieht die Branche an einem Wendepunkt. China setze bei Digitalisierung, Konnektivität und Elektromobilität zunehmend die Maßstäbe. Ein sichtbares Zeichen dafür sei die jüngste Autoshow in Peking gewesen. Mit rund 1.500 Fahrzeugen und mehr als 180 Weltpremieren habe China seine Bedeutung als Innovationsstandort unterstrichen. 

Fehlende Geschwindigkeit

Deutlich sichtbar sind die Veränderungen auch bei den Marktanteilen. Chinesische Hersteller gewinnen kontinuierlich hinzu, während zahlreiche europäische und insbesondere deutsche Autobauer Marktanteile verlieren. Gleichzeitig nimmt der Import von Fahrzeugen und Komponenten aus China weiter zu. „Die Handelsbilanz ist gekippt, sehr stark getriggert durch den Import von Batterien“, weiß Talmon l’Armée.

Für europäische Hersteller entscheide sich die Zukunft jedoch nicht allein an der Technologie, sondern vor allem an der Geschwindigkeit, mit der Innovationen auf den Markt gebracht werden. „Europäische Unternehmen müssen ihre Strukturen hinterfragen, um schneller zu werden, ohne dabei ihre Qualitätsansprüche zu verlieren“, so Talmon l’Armée und hält fest: „Mobilität ist für europäische Unternehmen nicht verloren. Es gibt nach wie vor sehr gute Chancen“, sagte er. Gerade im Premiumsegment spiele neben Technologie zudem die emotionale Bindung an Marken eine wichtige Rolle.

Auf E-Kurs

Positive Signale gebe es wieder bei der Elektromobilität zu verzeichnen. Steigende Ölpreise und dadurch höhere Treibstoffkosten würden das Interesse an alternativen Antrieben vor allem in Europa wieder erhöhen. In China ist laut Talmon l’Armée die E-Mobilität bereits fest etabliert.

In Österreich werde die Dynamik bei der Elektromobilität vor allem von den Unternehmen getragen, wie Renato Eggner, Geschäftsführer von Raiffeisen-Leasing Fuhrparkmanagement, weiß. „Unternehmen treffen ihre Fuhrparkentscheidungen vor allem nach Wirtschaftlichkeit, Praxistauglichkeit und Nachhaltigkeit.“ Dabei würden neben Anschaffungskosten auch Wartung, Versicherung, Energieverbrauch und Wiederverkaufswerte berücksichtigt. Hier punktet in vielen Fällen klar die E-Mobilität.

Die oft diskutierte Reichweite sei mittlerweile deutlich weniger relevant als noch vor einigen Jahren, vor allem wegen den heute höheren Ladegeschwindigkeiten. Entscheidend sind aktuell viel mehr die privaten Lademöglichkeiten, da es privat oder beim Arbeitgeber immer noch günstiger ist als an öffentlichen Ladepunkten. Die geplante Einführung eines Sachbezugs für Elektrofahrzeuge ab 2027 sei laut Eggner „natürlich ein Gegenwind, aber kein Wendepunkt“. Die Elektromobilität stehe mittlerweile auf einem breiten Fundament und die Elektrifizierung der Fuhrparks bleibe auf Kurs.

Gruppenfoto: Christian Pesau, Niklas Hanusch, Renato Eggner, Tobias Talmont l’Armée, RBI-Vorstand Rainer Schnabl und Alexander Schmidecker
Christian Pesau, Niklas Hanusch, Renato Eggner, Tobias Talmont l’Armée, RBI-Vorstand Rainer Schnabl und Alexander Schmidecker © Dominic Göbel

Standort unter Druck

Wie herausfordernd das Umfeld für die Industrie bleibt, verdeutlichte Niklas Hanusch, CFO und Geschäftsführer von Melecs EWS, ein international tätiger österreichischer Elektronikdienstleister, der unter anderem elektronische Steuerungen und Beleuchtungssysteme für zahlreiche Premium-Fahrzeughersteller fertigt. „Die Elektronik im Auto wird immer wichtiger, ganz unabhängig von der Antriebsform.“ Umso wichtiger seien intakte, verlässliche Lieferketten, die – wie die vergangenen Jahre gezeigt haben – immer anfälliger und instabiler werden. 

Die Chipkrise nach der Pandemie, geopolitische Spannungen, US-Zölle, chinesische Exportbeschränkungen bei seltenen Erden und die steigende Nachfrage nach Halbleitern wegen des KI-Booms würden den Markt zusätzlich unter Druck setzen, so Hanusch: „Und Hersteller orientierten sich zunehmend an jenen Branchen, in denen höhere Margen erzielt werden können.“

Hanusch sieht die Politik gefordert. Weniger einzelne Förderprogramme als vielmehr stabile und langfristig planbare Rahmenbedingungen seien entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Europa. Kritik an den politischen Rahmenbedingungen kam auch von Christian Pesau, Geschäftsführer des Verbands der Automobilimporteure. Der Wegfall von Förderungen sowie steuerliche Änderungen würden Investitionen erschweren. Zudem würden regulatorische Prozesse bei Zukunftsthemen wie etwa dem autonomen Fahren zu lange dauern. Hier wäre der chinesische Zugang wünschenswert: Dort werden neue Technologien häufig zuerst in die Praxis gebracht und erst anschließend regulatorisch eingeordnet, während Europa meist den umgekehrten Weg wählt.

AusgabeRZ25-2026

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