Kapitalmarktausblick: Chancen trotz Unsicherheit

Historische Börsenmuster und starke Unternehmensgewinne stimmen Raiffeisen Research für die kommenden Monate optimistisch.

Der Konflikt im Nahen Osten und die dadurch gestiegenen Energiepreise haben die wirtschaftlichen Aussichten für das heurige Jahr getrübt. Dennoch zeigt sich die Konjunktur vergleichsweise robust, sagt Manuel Schleifer von Raiffeisen Research. Weder in der Industrie noch im Dienstleistungssektor seien deutliche Anzeichen einer Abschwächung erkennbar.

Anders als zu Beginn des Ukraine-Krieges 2022 könnten Unternehmen heute besser mit steigenden Energiekosten umgehen. Die Energieversorgung sei stärker diversifiziert, Lieferkettenprobleme hätten sich entspannt. Hinzu komme ein Gewöhnungseffekt: „Je länger so ein Konflikt anhält, desto resilienter wird nicht nur der Markt, sondern auch die Unternehmen“, erklärt Schleifer. 

Ganz ohne wirtschaftliche Folgen bleibt der Konflikt dennoch nicht. So wurden die Wachstumserwartungen für die Eurozone für heuer von 1,4 auf 0,8 Prozent und für 2027 von 1,9 auf 1,4 Prozent gesenkt. „Gerade aus der Perspektive der Aktienmärkte ist moderates Wachstum besser als gar kein Wachstum“, betont Schleifer. 

Gleichzeitig dürften die höheren Energiepreise die Inflation länger auf erhöhtem Niveau halten, als ursprünglich erwartet. Für 2026 wird mit einer Teuerungsrate von 2,9 Prozent gerechnet, für 2027 mit 2,5 Prozent. Erst 2028 dürfte sie wieder auf zwei Prozent zurückgehen. Vorausgesetzt, dass „sonst nichts passiert“.

Zinsen sind nicht alles

Bei den Zinsen erwartet Raiffeisen Research sowohl in Europa als auch in den USA für die kommenden zwölf Monate jeweils zwei weitere Erhöhungen um 25 Basispunkte. Während steigende Zinsen gemeinhin als Belastung für die Aktienmärkte gelten, sieht Schleifer das differenzierter. Entscheidend sei weniger das absolute Zinsniveau als vielmehr die Differenz zwischen kurz- und langfristigen Zinsen. „Solange der Spread positiv ist, also solange die Zinskurve steil ist, ist sowohl für die Konjunktur als auch für die Börsen die Welt noch weitgehend in Ordnung.“

Für Zuversicht sorgen die starken Unternehmensgewinne. In den USA sind die Gewinne je Aktie im S&P 500 in den vergangenen zwölf Monaten um 33,5 Prozent gestiegen. Auch in Europa fällt die Entwicklung positiv aus: Im Euro STOXX 50 beträgt das Gewinnwachstum 16,4 Prozent, im österreichischen ATX sogar 24,5 Prozent. 

Midterm-Rückenwind

Ein weiteres Argument für steigende Aktienkurse liefern die historischen Börsenmuster rund um die US-Zwischenwahlen Anfang November. Besonders interessant ist dabei das sogenannte Midterm-Fenster, das vom vierten Quartal des Wahljahres bis zum zweiten Quartal des darauffolgenden Jahres reicht. In diesem Zeitraum legte der S&P 500 in der Vergangenheit durchschnittlich um rund 17 Prozent zu. In 92 Prozent der untersuchten Fälle fiel die Entwicklung positiv aus. 

Entsprechend optimistisch fällt der Ausblick von Raiffeisen Research aus. Sowohl für den US-amerikanischen als auch für den europäischen Aktienmarkt wird für die kommenden zwölf Monate ein Kurspotenzial von rund 15 Prozent gesehen. In den USA bleibt vor allem die Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz ein wichtiger Wachstumstreiber. In Europa sieht Schleifer hingegen Chancen in value-lastigen Sektoren, die von der Zinskurve profitieren können.

Zertifikate profitieren

Die Zinsentwicklung wirkt sich auch auf die Konditionen von Zertifikaten aus, wie Patrick Pahl von Raiffeisen Zertifikate erläutert. So sind die Zinsen im mittelfristigen Bereich zwischen drei und sechs Jahren seit August um rund 50 Basispunkte gestiegen. Dadurch lassen sich bei Neuemissionen höhere Kapitalschutzniveaus beziehungsweise größere Ertragschancen darstellen. Bei einem Kapitalschutz-Zertifikat konnte beispielsweise das garantierte Rückzahlungsniveau am Laufzeitende von 113 auf 116 Prozent angehoben werden.

Auch bei Bonus-Zertifikaten machen sich die höheren Zinsen bemerkbar. Bei einem Produkt mit dreijähriger Laufzeit und einem Sicherheitspuffer von 51 Prozent konnte die Ertragschance von 5,7 auf 6,3 Prozent erhöht werden. Wie günstig die aktuellen Konditionen ausfallen, verdeutlicht Pahl mit einem historischen Vergleich: Ab 2015 seien die Möglichkeiten zur Ausgestaltung von Zertifikaten zunehmend eingeschränkt gewesen. Teilweise hätten Anleger längere Laufzeiten und Kapitalschutzniveaus von nur 90 Prozent in Kauf nehmen müssen. Erst mit dem Zinsanstieg ab 2022 habe sich die Situation verbessert.

AusgabeRZ43-2026

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