2026 sind die Aktienmärkte erneut mit Rückenwind gestartet, der ihnen schon über weite Strecken des Vorjahres kräftigen Auftrieb verliehen hatte. Zahlreiche Einzeltitel ebenso wie bedeutende Börsenindizes, darunter der österreichische Leitindex ATX oder der deutsche DAX, notieren aktuell auf oder nahe ihren historischen Höchstständen.
„Die Erwartungen für 2025 wurden übererfüllt und 2026 läuft gut an“, erklärt Helge Rechberger, Senior Aktienanalyst bei Raiffeisen Research, beim Jahresauftakt der Raiffeisen Zertifikate. Selbst das erhebliche Börsenbeben, das US-Präsident Donald Trump Anfang April 2025 mit seiner erratischen Zoll- und Handelspolitik ausgelöst hatte, ist an den Finanzmärkten mittlerweile vollständig verarbeitet. Die zwischenzeitlichen Kursverluste wurden mehr als kompensiert. Auch die anhaltenden geo- und handelspolitischen Eskapaden Trumps, etwa der Einfall in Venezuela samt Entführung von Präsident Nicolás Maduro oder die Beschlagnahme von Öltankern, führen derzeit zu keinen nennenswerten Reaktionen an den Börsen. „Die Kapitalmärkte sind resilienter geworden. Sie haben sich 2025 an US-Präsident Donald Trump gewöhnt und legen seine Worte nicht mehr auf die Goldwaage“, betont Rechberger.
Den aktuellen Bullenmarkt sehen die Experten bei Raiffeisen Research zwar „in seiner Spätzyklusphase“ angekommen, dennoch spreche „rein fundamental viel dafür, dass auch 2026 ein gutes Aktienjahr wird“. Die globale Konjunkturentwicklung beschreibt Rechberger als „nicht brüllend, aber relativ vernünftig“. Auf weltweiter Ebene werde das Wachstum weiterhin maßgeblich von den USA und China getragen, auch wenn sich die Dynamik gegenüber dem Vorjahr leicht abschwächt. 2026 dürfte die US-Konjunktur um rund 1,8 Prozent zulegen, während für die chinesische Wirtschaft ein Wachstum von 4,3 Prozent erwartet wird. Für die Aktienmärkte sei es entscheidend, dass eine Rezession in den USA ausbleibe. Dies wäre ein Kipppunkt für die bullische Marktentwicklung.
Auch in der Eurozone nimmt die Wachstumsdynamik laut Prognosen wieder zu. Für heuer wird ein Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent erwartet. „Jene Länder, die in den letzten Jahren besonders schwach performt haben, werden am meisten zulegen können“, ist der Finanzexperte überzeugt. Dies sei einerseits auf die niedrige konjunkturelle Ausgangsbasis und andererseits auf Maßnahmen wie das deutsche Infrastrukturpaket oder das europäische Rüstungsprogramm zurückzuführen. Zusätzlich könnten die aktuell hohen Sparquoten privater Haushalte sowie die Schwäche in zinssensitiven Bereichen wie den Wohnbauinvestitionen künftig wieder einen positiven Wachstumsbeitrag leisten. Zwar dürfte ein stärkeres Wachstum mittelfristig auch mit höherer Inflation einhergehen, kurzfristig seien die Aussichten derzeit jedoch nicht inflationär.

Wir sehen das ganze nächste Jahr keinen Grund für eine Zinsanhebung.
Valentin Hofstätter
Stabile Zinsen
Unterstützung für das positive Marktumfeld kommt auch von der Zinsseite. „Wir hatten bis Juni letzten Jahres Zinssenkungen, die noch eine Zeit lang nachwirken. Ein Beispiel dafür sind die Immobilienmärkte, die langsam wieder in Schwung kommen“, erklärt Valentin Hofstätter, Finanzexperte der Raiffeisen Capital Management, in seinem aktuellen Marktausblick. Die geldpolitischen Impulse würden das Wirtschaftswachstum stützen und seien zugleich ein positiver Faktor für die Aktienmärkte.
In der Eurozone ist die Inflation mittlerweile auf rund 2 Prozent gesunken und liegt damit auf dem Zielniveau der Europäischen Zentralbank (EZB). Dies ermöglichte es der EZB, den Leitzins (Hauptrefinanzierungssatz) auf 2,15 Prozent zu senken. „Wir gehen davon aus, dass es das ganze nächste Jahr keinen Grund für eine Zinsanhebung geben wird“, so Hofstätter.
In den USA stellt sich die Situation etwas anders dar. Dort besteht grundsätzlich Spielraum für sinkende Zinsen, allerdings von einem höheren Ausgangsniveau. Die Federal Funds Rate, also der Zinssatz, zu dem sich die Banken Geld untereinander leihen, könnte im Laufe des Jahres in der oberen Bandbreite um 100 Basispunkte von 3,75 auf 2,75 Prozent sinken. Dies würde dem US-Aktienmarkt zusätzlichen Rückenwind verleihen.
Hohe Bewertungen
Aktienseitig beginnt 2026 mit nahezu denselben Vorzeichen wie das Vorjahr. Bereits Anfang 2025 dominierten Diskussionen über hohe Bewertungen sowie über eine mögliche Blase beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) das Marktgeschehen – und auch 2026 gibt es ähnliche Befürchtungen. Mit weit über 20 liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) im US-Index S&P deutlich über dem langfristigen Durchschnitt von etwa 16. Die Bewertungen an den Aktienmärkten sind nicht nur in den USA, sondern auch in Europa auf hohe Niveaus gestiegen.
Trotz der bereits weit fortgeschrittenen Kursanstiege ist es langfristigen Untersuchungen zufolge keine gute Strategie, bei Höchstständen vollständig aus den Märkten auszusteigen. „Das kann man nur denjenigen raten, die genau wissen, wo der Markt hinfällt“, so Rechberger. Analysen der vergangenen fünf Jahrzehnte zeigen, dass ein solcher Schritt langfristig gesehen Rendite liegen lässt, da die Aktienmärkte immer wieder ihre Höchststände toppen konnten. Rechberger: „Crash-Propheten sind allgegenwärtig und die Bewertungen sind nach wie vor ambitioniert. Nichtsdestotrotz erwarten wir in unserem Basisszenario ein konstruktives Aktienmarktumfeld.“ Für 2026 geht Raiffeisen Research von Aktienmarktrenditen zwischen 8 und 10 Prozent aus, wobei ein Großteil der Erträge bereits im ersten Halbjahr erzielt werden dürfte.

Wir erwarten ein konstruktives Aktienmarktumfeld.
Helge Rechberger
Für intensive Diskussionen nicht nur auf den Aktienmärkten sorgt die Verunsicherung darüber, ob und wie sich die hohen Investitionen der Unternehmen in die KI lohnen. Trotz dieser Skepsis dürften die großen Tech-Unternehmen wie Meta, Alphabet und Microsoft weiterhin ein starker Wachstumsmotor für den US-Markt bleiben. So treibt der KI-Boom auch den Wert der 100 wertvollsten börsennotierten Konzerne weiter nach oben. Im Vorjahr stieg dieser laut einer Untersuchung des Beratungsunternehmens EY um 23 Prozent auf 54,4 Billionen US-Dollar. Zudem löste der US-Chiphersteller Nvidia im laufenden Jahr den langjährigen Spitzenreiter Apple als teuerstes Unternehmen der Welt ab.
In Europa dagegen sei das Gewinnwachstum der Unternehmen bisher noch nicht so stark ausgeprägt, wie es die aktuellen Bewertungen vermuten ließen, so Rechberger. Ein wesentlicher Teil dieser Bewertung sei eine Vorwegnahme der erwarteten Gewinne aus den angekündigten Investitionen in Deutschland sowie auf EU-Ebene.
Politische Risiken
Zu den relevanten Unsicherheitsfaktoren an den Aktienmärkten zählt 2026 unter anderem die Ernennung des Nachfolgers von Jerome Powell, Präsident der US-Notenbank Fed. Powells Mandat endet Mitte Mai 2026. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit es der Fed gelingen wird, das Vertrauen der Märkte in ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Derzeit gilt der Trump-treue Kevin Hassett als Favorit für Powells Nachfolge. Über dessen ökonomische Ausrichtung ist bisher wenig bekannt, weshalb er für die Märkte eine „Black Box“ darstellt. Überraschungen gelten jedoch als Markenzeichen des US-Präsidenten.
Sollten die Märkte den Glauben an eine unabhängige Fed verlieren, könnte dies rasch Druck auf US-Staatsanleihen ausüben. Darüber hinaus dürfte auch das französische Politik- und Fiskaldrama die Märkte über das gesamte Jahr 2026 hinweg begleiten. In der zweiten Jahreshälfte werden dann die sogenannten Midterms im November, also die Wahlen zum US-Kongress zwischen zwei Präsidentschaftswahlen, verstärkt in den Fokus der Investoren rücken.
Branchenseitig setzen die Experten von Raiffeisen Research insbesondere auf klassische Bankenwerte. „Längerfristig gibt es einen Aufwärtsdruck bei den Kapitalmarktzinsen“, so Rechberger. Hintergrund sei, dass die Inflation infolge eines stärkeren Wirtschaftswachstums mittelfristig tendenziell wieder anziehen dürfte. Eine steilere Zinskurve wirke sich positiv auf die Profitabilität von Finanzwerten aus. Ebenfalls attraktiv erscheinen Unternehmen aus den Bereichen Grundstoffe und zyklischer Konsum. Wenig Bewegung dürfte es in der Ölbranche geben: „Unsere Ölpreisschätzungen implizieren ein nur geringes Kurssteigerungspotenzial für Energiewerte“, so Rechberger.








