Erneuerbare Energien auf Wachstumspfad

    Der Krieg in der Ukraine hat die Abhängigkeit vieler europäischer Länder von russischem Öl und Erdgas sichtbar gemacht. Ein noch rascheres Umdenken in Hinblick auf die Nutzung fossiler Energien ist dringend notwendig. Die Europäische Union bezieht derzeit rund 45 % ihres importierten Erdgases aus Russland. Österreich zählt mit einem Import von 80 % zu den überdurchschnittlich von Russland abhängigen Ländern, neben Tschechien, Ungarn, Bulgarien, der Slowakei und Deutschland.

    Hannes Loacker Raiffeisen Capital Management
    Hannes Loacker, RCM (c) Roland Rudolph

    Erneuerbare Energien sind dadurch noch stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt – auch bei den Investoren. Das zeigt sich auch für Hannes Loacker, den Fondsmanager des Raiffeisen-SmartEnergy-ESG-Aktien in der Raiffeisen KAG.

    Welche Folgen hat die aktuelle Situation für den zukünftigen Energiemix in Europa und welche Rolle werden die erneuerbaren Energien dabei spielen?
    Hannes Loacker: Der Krieg in der Ukraine hat die Verwundbarkeit Europas in Hinblick auf seine Abhängigkeit von Öl und Gas aus Russland sehr deutlich gemacht, auch wenn nicht alle Mitgliedstaaten gleich betroffen sind. Die Länder haben im Wesentlichen zwei Optionen: Erstens die Verlängerung der Laufzeiten von Atom- und Kohlekraftwerken und zweitens den Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Ausbau von Kohlekraft ist meiner Einschätzung nach eher unwahrscheinlich, da er mit den Zielen von „Fit for 55“ nicht vereinbar ist. Auch der Ausbau der Atomkraft erscheint aufgrund der langen Projektlaufzeiten keine wirkliche Option zu sein.

    … bleibt Option 2.
    Loacker: Ja, der rasche Ausbau der erneuerbaren Energien ist das wahrscheinlichste Szenario. Hier bieten sich vor allem Solar- und Windkraft an. Die beiden Technologien haben mit Abstand die kürzesten Projektlaufzeiten, sie stehen in Einklang mit den Klimazielen der Europäischen Union und sie sind zudem vergleichsweise kostengünstige Technologien. Es steht daher außer Frage, dass sich die Solar- und Windbranche auf einem Wachstumspfad befinden.

    Das legt nahe, dass sich dadurch auch neue Investmentchancen ergeben. Was gilt es für Anlegerinnen und Anleger zu beachten?
    Loacker: Wachstum bedeutet nicht automatisch steigende Aktienkurse. Hier gilt es sehr sorgfältig jene Unternehmen auszuwählen, die entweder eine bedeutende – wenn möglich dominante – Marktposition aufweisen und/oder dank Skaleneffekten günstiger produzieren, oder, wiederum dank einer besseren Technologie, höhere Margen als die Mitbewerber erzielen können. Weiters bedarf es auch einer nachvollziehbaren Wachstumsstrategie sowie einer gesunden Bilanz. Und zu guter Letzt müssen die aktuellen Börsenbewertungen durch zu erwartende Gewinnanstiege in den kommenden Jahren nicht nur gerechtfertigt werden können, sondern auch noch weiteres Kurspotenzial bieten. Auch unter Berücksichtigung dieser Punkte bestehen bei Investments die Risiken der Kapitalmärkte, Wertschwankungen bis hin zu Kapitalverlusten sind möglich.

    Wasserstoff gilt ebenfalls als umweltfreundliche Alternative zu Kohle, Öl und Erdgas, da es beim Verbrennen kaum Abgase hinterlässt. Welchen Stellenwert hat Wasserstoff auf der Suche nach Alternativen zu russischem Gas?
    Loacker: Den Stellenwert gibt es, aber nicht unmittelbar. Wasserstoff wird wohl erst in den nächsten 10 bis 20 Jahren eine echte Alternative sein können. Der Vorteil von Wasserstoff liegt in der breiten Einsetzbarkeit, nicht nur im Verkehr, sondern auch in der Stahlindustrie, der Zementindustrie und in der Chemieindustrie. Also genau in jenen Großproduktionen, wo derzeit die Abhängigkeit von russischem Gas beträchtlich ist und die schwer zu dekarbonisieren sind. Es laufen auch schon Projekte, beispielsweise bei der Voestalpine AG, aber das Ganze braucht natürlich Zeit. Darüber hinaus kann Wasserstoff auch bei der saisonalen Speicherung von Strom eine wichtige Rolle spielen, denn das ist mit Batterien nicht möglich. Wasserstoff bietet hier gute Möglichkeiten, ist aber derzeit einfach noch zu teuer. In einigen Jahren könnte sich das ändern, da die Entwicklung jetzt Dynamik aufnimmt.

    Nicht jeder Wasserstoff wird nachhaltig erzeugt.
    Loacker: Aus Nachhaltigkeitssicht ist nur der grüne Wasserstoff, der mittels erneuerbarer Energien im Elektrolyse-Verfahren produziert wird, relevant. Dabei wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff getrennt, wofür es natürlich grünen Strom braucht. Das ist die Zukunft und dahin muss es gehen. Derzeit sind aber nicht einmal 5 % der gesamten verfügbaren Mengen grüner Wasserstoff.

    Sind erneuerbare Energien überhaupt wettbewerbsfähig?
    Loacker: Die Wettbewerbsfähigkeit steht außer Zweifel, da Wind- oder Solarstrom vielfach bereits deutlich günstiger in der Produktion sind als jener aus fossilen Energiequellen. Die Frage ist eher, ob es genug davon gibt bzw. sich produzieren lässt. In Österreich hat die Voestalpine errechnet, dass sie für eine komplette Umstellung auf Wasserstoff-basierte Stahlproduktion – anstelle von Kohle und Gas – einen zusätzlichen Bedarf von 33 Terrawattstunden (TWh) im Jahr hätte. Zum Vergleich: Ganz Österreich verbraucht im Jahr 74 TWh. Und das Erneuerbare-Energien-Gesetz zielt auf zusätzliche Kapazitäten von 27 TWh bis 2030 ab. Man sieht also, dass es sehr schwierig werden und Österreich ganz ohne Importe nicht auskommen wird.

    Der Raiffeisen-SmartEnergy-ESG-Aktien setzt unter anderem auch sehr stark auf erneuerbare Energien. Welche Schwerpunkte werden im Fonds gesetzt?
    Loacker: Der Fonds konzentriert sich hauptsächlich auf die Themen erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Energiespeicherung, Energietransport und Kreislaufwirtschaft. Alle diese Themen sollten von den sehr traurigen Entwicklungen im Zusammenhang mit der Russland-Invasion profitieren. Wir setzen derzeit sehr stark auf die Themen Solar- und Windenergie. Die Solarenergie-Gewinnung boomt. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Ähnlich verhält es sich bei Windkraftanlagen. Die Devise bei der Dimensionierung der Windturbinen lautet hier: Immer höher, immer größer, immer leistungsfähiger. Onshore-Windturbinen sind in klimatisch begünstigten Gebieten ebenfalls mehr als wettbewerbsfähig.
    Offshore-Wind profitiert zwar von höheren und konstanteren Windgeschwindigkeiten sowie einer größeren gesellschaftlichen Akzeptanz, allerdings sind die Kosten gegenüber den Windturbinen an Land aktuell noch höher, da sich zusätzliches Equipment (Transformatorstation, Kabel etc.) sowie höhere Montagekosten negativ zu Buche schlagen. Nichtsdestotrotz werden auch hier die Kosten weiter nach unten gehen. Anlegerinnen und Anlegern bieten sich hier – bei den bereits erwähnten Kapitalmarktrisiken – interessante Investmentmöglichkeiten.

    Auch wenn die Erneuerbaren Fahrt aufnehmen, wird sich das nicht ausgehen. Brauchen wir wieder Atomenergie?
    Loacker: Europa ist nicht mehr das Europa, das wir noch vor wenigen Wochen gekannt haben. Wenn wir uns von fossilen Energieträgern und somit auch vom russischen Gas deutlich unabhängiger machen wollen, gilt es, an vielen Stellschrauben zu drehen. Für manche Staaten bedeutet dies auch, dass die Atomkraft als eine Art Brückentechnologie auf dem Weg zu einem CO2-neutralen Stromsektor dient. Dennoch lehnen wir als Raiffeisen KAG Atomkraft ab. Das Problem der Endlagerung ist hier nicht gelöst, diese Thematik wird lediglich auf zukünftige Generationen abgeschoben. Zudem gehen, wie man auch gerade jetzt am Krieg in der Ukraine sieht, sehr viele Gefahren von Atomkraftwerken aus.
    Die aktuelle Situation zeigt eindrucksvoll, wie wichtig die Energiepolitik in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein wird.


    Ein Fonds ist kein Sparbuch und unterliegt nicht der Einlagensicherung. Fonds sind mit höheren Risiken verbunden, bis hin zu Kapitalverlusten. Die veröffentlichten Prospekte sowie die Kundeninformationsdokumente (Wesentliche Anlegerinformationen) der Raiffeisen Nachhaltigkeitsfonds stehen unter www.rcm.at unter der Rubrik „Kurse & Dokumente“ in deutscher Sprache (bei manchen Fonds die Kundeninformationsdokumente zusätzlich auch in englischer Sprache) bzw. im Fall des Vertriebs von Anteilen im Ausland unter www.rcm-international.com unter der Rubrik „Kurse & Dokumente“ in englischer (gegebenenfalls in deutscher) Sprache bzw. in ihrer Landessprache zur Verfügung. Eine Zusammenfassung der Anlegerrechte steht in deutscher und englischer Sprache unter folgendem Link: https://www.rcm.at/corporategovernance zur Verfügung. Beachten Sie, dass die Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H. die Vorkehrungen für den Vertrieb der Fondsanteilscheine außerhalb des Fondsdomizillandes Österreich aufheben kann. Bitte beachten Sie, dass manche Fonds besondere („fondsspezifische“) Hinweissätze haben (etwa betreffend erhöhte Kursschwankungen, Derivateeinsatz, Master-Feeder bzw. Dachfonds-Strukturen). Diese findet man beim jeweiligen Fonds unter www.rcm.at/fondsuebersicht am Produktblatt.