Als sich vor mittlerweile acht Jahren mehrere engagierte Menschen in Ried im Innkreis zusammentaten, einte sie ein gemeinsames Interesse: die Themen Nachhaltigkeit und Regionalität in der Stadt voranzutreiben. „Wir wollten in unserer Pension etwas Sinnvolles tun“, erinnert sich Hans Moser, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Raiffeisenbank Region Ried und Mitinitiator der ersten Stunde.
Als erster Schritt wurde die „INNFAIR“ veranstaltet, eine regionale Messe für nachhaltige Produzenten aus dem Innviertel. Dass sich auf Anhieb rund 50 Aussteller präsentieren wollten, gab den Organisatoren Rückenwind – das Interesse an nachhaltigen Themen war vorhanden, die Gruppe hatte sich gefunden.
Zur besseren Vernetzung wurde ein gemeinnütziger Verein gegründet und weitere Veranstaltungen abgehalten. Was fehlte, war die passende Örtlichkeit. Eine ungeahnte Möglichkeit tat sich jedoch mitten in Ried, genauer gesagt in der Rainerstraße 5, auf: Dort fristete eine alte Zinngießerei ein trostloses Dasein. „Das Haus war eigentlich abbruchreif und wurde in der Stadt als Schandfleck gesehen. Aber es hatte Geschichte und eine schöne erhaltenswerte Fassade“, sagt Moser.
Und was wäre nachhaltiger, als einem aus dem Mittelalter stammenden Gemäuer neues Leben einzuhauchen und neuen Sinn für die Region zu geben? Die Zinngießerei bot neben 1.000 m2 Geschäftsfläche noch dazu die passende transformative Symbolik: „Altes in neue Formen gießen“, wie es Moser auf den Punkt bringt.
Breites Investment
Um Ankauf und Renovierung des Hauses zu ermöglichen, wurde im Jänner 2020 eine Genossenschaft gegründet – die Grundlage für die „GIESSEREI“ war geschaffen. Laut Moser sei von Anfang an klar gewesen, dass es nicht nur Kapital, sondern auch ehrenamtlichen Einsatz benötigen würde, um das Projekt zu realisieren. „Damals sind 35 Personen sofort der Genossenschaft beigetreten und haben sich bereit erklärt, auch einen Tag im Monat persönlich mitzuarbeiten“, erinnert sich Moser an die Gründungsversammlung.
Die Entscheidung für eine gemeinschaftliche Unternehmensform zahlte sich aus. Binnen rund eineinhalb Jahren wurde das Gebäude umfassend modernisiert und von wirtschaftlicher Abbruchreife zum Vorzeigeprojekt entwickelt. Die Generalsanierung wurde dabei als Gemeinschaftsprojekt realisiert: Bis zu 70 Genossenschafter leisteten laut Moser zigtausende unbezahlte Arbeitsstunden.
Insgesamt wurden mehr als 2 Mio. Euro investiert. „700.000 Euro davon kamen in Form eines Darlehens von der Raiffeisenbank, den Rest haben wir als Genossenschafter selbst gestemmt“, betont Moser, der dem Vorstand der Genossenschaft angehört. Neben der Zeichnung von Genossenschaftsanteilen sei dies durch nachrangige Darlehen erfolgt, hinzu kommen jährliche Mitgliedsbeiträge.

Nachhaltige Sanierung
Bei den Bauarbeiten stand der Nachhaltigkeitsgedanke stets im Vordergrund – mit dem Ziel, möglichst viel von der historischen Substanz zu erhalten und zugleich Platz für die neue Nutzung zu schaffen. Der historische Dachstuhl wurde restauriert und eine Schafwolldämmung eingebaut. Durch eine Holz-Beton-Verbunddecke wurden die alten Holzbalken statisch aktiviert. Dazu wurden 6000 massive Schrauben in das Holz eingebohrt und mit einer nur zehn Zentimeter starken Betonschicht vergossen. So konnte die Holzbalkendecke erhalten werden, während darüber und darunter Räume mit größeren Spannweiten entstanden.
Nachhaltigkeit heißt auch Barrierefreiheit: Ein verglaster Aufzug erschließt sämtliche Ebenen bis zum Dachgeschoß. Bei den Stiegen setzte die Genossenschaft auf Holz aus der unmittelbaren Umgebung: Gewachsen am Knittlingerhof, geschnitten und vorbereitet in Hohenzell sowie schließlich eingebaut in Ried legte das massive, sägeraue Eschenholz keine 20 km bis ins Haus zurück.
Die historischen Kastenfenster wurden nicht ausgetauscht, sondern von Mitgliedern abgeschliffen und mit Leinölfarbe neu gestrichen. Ein Workshop vermittelte dabei den Umgang mit den natürlichen Farben.


Wachsende Gemeinschaft
Heute versteht sich die „GIESSEREI“ als Impuls- und Kompetenzzentrum für Menschen, die in der Region etwas bewegen wollen. Und davon gibt es einige: Mittlerweile zählt die Genossenschaft über 300 Mitglieder, in diesem Jahr kamen laut Moser bereits mehr als 70 dazu. Ein Veranstaltungsraum mit Platz für bis zu 100 Gäste wird regelmäßig genutzt: 145 Veranstaltungen, Workshops und Seminare fanden allein 2025 statt.
Dazu bietet im ersten Stock ein Gastronomiebetrieb Speisen und Getränke aus regionalen und biologischen Zutaten an, darunter ein eigenes „GIESSEREI“-Bier. Röstfrischen Kaffee gibt es in der Rösterei Beco des gebürtigen Brasilianers Afranio Simoes. Auf den Geschäftsflächen im Erdgeschoß ist darüber hinaus ein Weltladen für fair produzierte und gehandelte Waren untergebracht, der etwa Waldviertler-Schuhe von GEA anbietet. Nachhaltige Alternativen für verschiedene Bereiche des täglichen Lebens – von Honig über Naturkosmetik bis hin zu Brettspielen – findet man außerdem im hauseigenen Marktplatz. Zehn Co-Working-Arbeitsplätze und ein regelmäßig stattfindendes Repair-Café runden das Angebot ab.
Getragen vom Ehrenamt
Wirtschaftlich stützt sich das Haus vor allem auf die Vermietung und Verpachtung seiner Flächen. Die Einnahmen daraus dienen in erster Linie zur Rückzahlung der Kredite, während die inhaltliche Arbeit hauptsächlich über die Mitgliedsbeiträge finanziert wird. Diese reicht von Projekten mit Schulen über politische Diskussionsformate bis hin zu einem aktuellen Demokratie-Schwerpunkt.
Die „GIESSEREI“ ist jedenfalls kein Selbstläufer. „Ohne ehrenamtliches Engagement wäre das alles wirtschaftlich nicht darstellbar“, sagt Moser. Die Genossenschaft selbst habe bis heute keine angestellten Mitarbeiter, sondern werde nach wie vor von der Community getragen – von Menschen unterschiedlicher Berufsgruppen und Interessen. Sie organisieren Veranstaltungen, betreuen Arbeitsgruppen und bringen ihr berufliches Wissen ein. Auch jedes Vorstandsmitglied übernimmt operative Aufgaben: Moser verantwortet als früherer Raiffeisen-Geschäftsleiter etwa das Rechnungswesen. Die Zuständigkeiten können nach einigen Jahren wechseln. So kommen regelmäßig neue Personen, Ideen und thematische Schwerpunkte hinzu – ganz im Sinne des Transformationsgedankens.
Inzwischen ist vor kurzem auch das Haus weiter gewachsen. Eine Brücke über die Eislaufgasse erschließt nun das ebenfalls zur Liegenschaft gehörende Nebenhaus und damit einen zusätzlichen Seminarraum sowie eine Dachterrasse. Auch dieses Bauvorhaben wurde mit viel Eigenleistung umgesetzt.
Für Moser zeigt die „GIESSEREI“ an vielen praktischen Beispielen, „wie auch der Einzelne etwas zu einer guten, nachhaltigen Entwicklung eines Ortes und der Gesellschaft beitragen kann“. Dabei gehe es nicht darum, bloß Missstände aufzuzeigen: „Gegen etwas zu sein, gehört nicht zu unserer DNA. Wir möchten für etwas sein und dazu kreative Lösungen suchen.“








