Herr Gollegger, für 2026 werden weltweit Rekordernten bei Getreide prognostiziert, gleichzeitig sind die globalen Lieferketten so fragil wie selten zuvor. Wie sicher ist die Versorgung mit Mehl in Europa aktuell wirklich?
Leonhard Gollegger: Die Versorgung mit Mehl in Europa ist aktuell sehr gut abgesichert. Zentraleuropäische Länder sind traditionell Getreideüberschussländer, das heißt: Für die physische Versorgung steht lokal ausreichend Getreide zur Verfügung. Internationale Ereignisse – etwa geopolitische Spannungen – wirken sich zwar über die Agrarbörsen auch auf regionale Märkte aus, doch was die tatsächliche Verfügbarkeit betrifft, besteht kein Anlass zur Sorge. Die Versorgungssicherheit in Europa ist gewährleistet.
Inwiefern beeinflussen Krisenherde wie in der Ukraine oder im Nahen Osten die Arbeit der GoodMills Group?
Gollegger: Internationale Krisen wirken sich vor allem über eine erhöhte Volatilität an den Rohstoffbörsen auf unser Unternehmen aus. Der Rohstoff Getreide macht rund 75 Prozent unserer Kosten aus, entsprechend sensibel reagieren wir auf Preisschwankungen. Hinzu kommen Effekte auf Energiepreise, Logistik und weitere Input-Faktoren. Durch die stark schwankenden Märkte der vergangenen fünf Jahre haben wir jedoch viel Erfahrung im Umgang mit Volatilität. Risikomanagement ist ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Krisen wie die aktuellen sind – leider – beinahe zur Normalität geworden. Entsprechend sind wir gut abgesichert und aktuell nicht unmittelbar beeinträchtigt.
In Österreich sinken die Anbauflächen für Getreide. Bereitet Ihnen der Rückgang der heimischen Produktion Sorgen?
Gollegger: Der derzeitige Rückgang der Anbauflächen bereitet mir momentan noch keine Sorgen. Zwischen den einzelnen Saisonen gibt es immer wieder Schwankungen, und aktuell sehe ich keinen strukturellen, langfristigen Rückgang. Natürlich beobachten wir diese Entwicklung sehr genau. Langfristig stellt sich jedoch die Frage, wie wirtschaftlich Landwirtschaft – insbesondere bei kleineren Anbauflächen – geführt werden kann. Entscheidend wird sein, unter welchen Rahmenbedingungen Bäuerinnen und Bauern nachhaltig und rentabel arbeiten können.
Der Klimawandel ist längst in den Erntebilanzen angekommen. Wie gehen Sie damit um, dass die Getreidequalität dadurch immer unbeständiger wird?
Gollegger: Den zunehmenden Schwankungen in der Getreidequalität begegnen wir vor allem mit unserem technologischen und müllerischen Know-how. In unseren Mühlen gewährleisten wir die Qualität durch eigene Labore und kontinuierliche Analysen. Zusätzlich können wir durch gezielte Mischungen sehr genau auf die gewünschte Qualität reagieren. Natürlich bleibt auch die Saatgutentwicklung nicht stehen und resistentere Getreidesorten sind in Entwicklung. Momentan und für die nähere Zukunft ist das alles noch beherrschbar.
Energie- und Düngemittelpreise sind durch geopolitische Risiken unberechenbar geworden. Wie stark kann eine Müllerei-Gruppe diese Volatilität abfedern, ohne dass die Preise für Brot und Gebäck im Supermarktregal steigen?
Gollegger: Wir sichern Energie und andere wesentliche Input-Faktoren in der Regel und entsprechend Kundenverträgen auf einen Zeitraum von zwölf Monaten ab und können Preisschwankungen damit gut abfedern. Bei Getreide hängt die Absicherungsdauer immer vom jeweiligen Kundenwunsch ab. Manche Kunden denken kurzfristig und haben bei Volatilität dann größere Herausforderungen. Für große Industrieproduzenten sind jedoch zwölf Monate – entsprechend dem Erntezyklus – ein gängiger Standard. Eine vorausschauende Absicherungsstrategie hilft diesen Herstellern, kurzfristige Ausschläge abzufedern und extreme Preissprünge entlang der Wertschöpfungskette zu vermeiden.








