Wer meint, die Geschichte Europas ist umfassend bekannt, dokumentiert und niedergeschrieben, der irrt. Es gibt sogar einige Völker bzw. Perioden, über die man bis heute nur sehr wenig weiß. Die Iberer gehören eindeutig dazu. Mit der aktuellen Ausstellung im Mamuz Museum Mistelbach „Die geheimnisvolle Welt der Iberer“ möchte man ein wenig Licht auf diesen fast blinden Fleck der spanischen bzw. südeuropäischen Geschichte bringen.
„Die Iberer gibt es so nicht“, wie die Kuratoren Laurent Gorgerat vom Antikenmuseum Basel und Carme Rovira Hortalà vom d’Arqueologia de Catalunya in Barcelona festhalten. In Kooperation mit den beiden Museen nähert man sich in Mistelbach der komplexen Thematik. Auch wenn Spanien als die Iberische Halbinsel bekannt ist, so waren die Iberer, die sich aus einer ganzen Reihe unterschiedlicher Völker zusammensetzten, nur vom südlichen Andalusien über die Ostfassade Spaniens über die Pyrenäen hinaus bis an die südwestliche Küste Frankreichs, das heutige Languedoc, verbreitet.
Der Beginn der Kultur liegt zwischen der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit – also zwischen dem 6. und 1. Jahrhundert vor Christus, mit einem Höhepunkt von 550 bis 400 v. Chr. Bezeichnend für die Iberer ist der Einfluss anderer Völker, der Etrusker, Phönizier, Kelten oder Griechen, die die vermeintlichen Vorgänger der Spanier beeinflusst und geprägt haben. Anhand von 300 ausgestellten Originalobjekten aus Nekropolen und alten Siedlungen stellt man erstmals in Österreich diese geheimnisvolle Kultur in den Mittelpunkt.
Geheime Schrift
„Die Iberer hatten zwar eine Sprache, aber wir verstehen sie nicht“, erklärt Laurent Gorgerat das Hauptproblem, warum wir bis heute nur wenig über das Volk wissen. Alle Quellen stammen von außen, von Griechen oder Römern, die ihre subjektive Sicht festgehalten haben und nur bedingt ein objektives Bild des iberischen Lebens zeichnen. Die Sprache ist trotzdem ein gemeinsames Element aller Völker, die sich zu den Iberern zählen lassen. Die Schriftzeichen wurden von den Phöniziern übernommen und angepasst, wodurch eine Silben- und Alphabetschrift entstanden ist.
„Wir kennen die Schriftzeichen und können sie lesen, verstehen aber die Sprache nicht, die dahintersteht“, sagt Gorgerat. Denn das Iberische ist eine isolierte Sprache, die nicht mit anderen Sprachen in Beziehung gesetzt werden kann. Zu sehen ist die Schrift auf einigen Bleitafeln, die als Handelsbriefe dienten, sowie auf Importstücken aus Athen. Da es sich dabei um luxuriöse Gefäße handelt, geht man davon aus, dass sich die Besitzer namentlich verewigt haben. Insgesamt sind die bisher bekannten Texte bzw. Inschriften allesamt zu kurz, um sie entschlüsseln zu können. Man verspricht sich aber von der Künstlichen Intelligenz mögliche Lösungsansätze.


Kunst und Handwerk
Auch der Wein scheint etwas zu sein, das nicht aus Spanien stammt, sondern seinen Weg aus Griechenland zu den Iberern gefunden hat. Die Trinksitte und die Form der Gefäße scheinen die Iberer ebenfalls von den Griechen übernommen zu haben. Doch sie kopieren nicht nur, sie rezipieren, wie Carme Rovira Hortalà betont. So wurde etwa die Gestaltung des Mischgefäßes übernommen, aber mit eigenen Verzierungen versehen.
Das weit verzweigte Handelsnetz vieler Völker rund um das Mittelmeer hat also nicht nur die Sprache, sondern auch die Kunst und das Handwerk der Iberer beeinflusst. Kupfer, Eisen, Gold und Silber waren Bodenschätze, die im Siedlungsgebiet der Iberer abgebaut wurden und aus denen kunstvolle, mitunter sehr filigrane Schmuckstücke und prunkvolle Gefäße gearbeitet wurden – auch zu Handelszwecken.
Etwas ganz Besonderes sind die iberischen Skulpturen, die bis heute viele Rätsel aufgeben. Allen voran die weltweit berühmte Frauen-Büste „Dama de Elche“, die in der Stadt Ilici (Elche) gefunden wurde und die als Replik in der Ausstellung zu sehen ist. Weder ihre Funktion ist bekannt noch ob sie das Abbild einer Sterblichen war oder im religiösen Kontext verehrt wurde. Trotzdem ist sie das bekannteste Kunstwerk der iberischen Kultur, das Spanien nie verlassen darf und im Madrider Museo Arqueológico Nacional im Original zu sehen ist.
Mit dem Silberschatz von Tivissa, ein Hortfund, der 1928 von einem spanischen Landarbeiter entdeckt worden ist, zeigt man in Mistelbach ein besonderes Highlight iberischer Handwerkskunst. Es ist erst das zweite Mal, dass der Schatz das archäologische Museum in Barcelona verlässt – und wahrscheinlich auch das letzte Mal, wie Hortalà erklärt. Zu filigran sind die goldenen Buckelschalen und silbernen Schmuckstücke, um sie wiederholt den Strapazen einer Reise auszusetzen.


Mitmachen und entdecken
Der Besuch der Ausstellung soll ein Erlebnis für die ganze Familie sein. Daher werden Kinder und ihre Eltern an mehreren Stationen dazu eingeladen, aktiv mitzumachen. Welche Nahrung stand den Iberern zur Verfügung? Wie wurde Purpur gewonnen? Welche Tiere können ertastet werden? Bei der Gestaltung von eigenen Fabelwesen kann man der Fantasie freien Lauf lassen und, und auch eine Verkleidestation gibt es für den kurzweiligen Museumsbesuch. Ausgestattet mit einem Rätselheft, können sich die kleinen Besucher der Thematik Stück für Stück selbst nähern. Und an mehreren Hörstationen gibt es Wissenswertes über Sprache, Zusammenleben oder Heiligtümer der Iberer – für Groß und Klein.
Nicht nur für junge Besucher interessant ist die Rekonstruktion der iberischen Stadt Ullastret, die sich im hohen Nordosten der Iberischen Halbinsel befand und die vom 6. bis 2. Jahrhundert vor Christus bewohnt war. In einer aufwendig virtuell rekonstruierten Animation kann man eine Reise durch die Straßen und Häuser der einstigen Metropole unternehmen.
Das Ende der Iberer naht im 1. Jahrhundert v. Chr., als es nach den Punischen Kriegen und dem Untergang Karthagos zur Romanisierung der Iberischen Halbinsel kam. „Die Iberer lösten sich in den Romanisierungsprozessen auf“, beschreibt Laurent Gorgerat das Ende des geheimnisvollen Volkes.








