2026 steht kein einziges Unternehmen im ATX unter weiblicher Führung. Auch im erweiterten Kreis der 55 im Wiener Börse Index (WBI) gelisteten Unternehmen findet sich keine Frau als CEO. Darüber hinaus haben 30 WBI-Unternehmen keine einzige Frau im Vorstand und auch bei neun von zwanzig ATX-Unternehmen gibt es keine Vorständin. Der Frauenanteil liegt in den ATX-Vorstandsteams bei 13,8 Prozent. Etwas ausgewogener ist die Situation im Aufsichtsrat, wo der Frauenanteil bei ATX-Unternehmen bei 37 Prozent liegt. Die gesetzliche Quotenregelung bei 30 Prozent wird damit momentan erfüllt, allerdings gilt für börsenotierte Unternehmen ab 30. Juni 2026 eine 40-Prozent-Quote im Aufsichtsrat.
Gemischte Stärke
Der erste Merit-Report zeigt, dass Frauen in den Führungsetagen österreichischer börsenotierter Unternehmen weiterhin stark unterrepräsentiert sind und wie langsam sich gemischte Führung in Österreich entwickelt. Die Analyse kommt zum Ergebnis, dass strukturelle Muster stärker wirken als gute Vorsätze. Als börsenotierte Unternehmen hätten sie dabei eine besondere Vorbildfunktion.
„Wir wollen mit Daten und Diskurs dafür sorgen, dass gemischte Führung schneller Realität wird. Denn wir können es uns nicht leisten, auf die Hälfte der Talente zu verzichten“, unterstreicht Ulrike Farnik, Gründerin und Vorstand von Merit Austria, die sich für Meritokratie in Führung einsetzt – also dafür, dass Führungspositionen nach Leistung, Kompetenz und Potenzial unabhängig vom Geschlecht vergeben werden.
„Seit vielen Jahren zeigen seriöse Studien, dass gemischte Teams in der Wirtschaft auf allen Ebenen nachweislich erfolgreicher performen. Merit will mit einer regelmäßigen Bestandsaufnahme nicht nur Bewusstsein schaffen, sondern auch gezielt Unternehmen ansprechen“, erklärt Maria Rauch-Kallat, Beirätin von Merit Austria. Mit dem erstmals veröffentlichten Ranking liege nun eine belastbare Ausgangsbasis vor, anhand derer die Entwicklung in den kommenden Jahren systematisch nachvollzogen werden soll. Der Bericht soll künftig jährlich erscheinen.
Transparenz auf einen Blick
Der Bericht dokumentiert die Geschlechterverteilung in Vorständen und Aufsichtsräten und ordnet die Unternehmen nach einer Skala in grüne, gelbe und rote Bereiche. So soll auf einen Blick klar sein, welchen Unternehmen die Umsetzung gemischter Führung bereits gelingt und wo noch deutlicher Aufholbedarf besteht. Die Systematik orientiert sich an der Methodik der AllBright-Stiftung und ermöglicht damit eine internationale Vergleichbarkeit, dabei liegt Österreich mit knapp 14 Prozent Frauenanteil im Vorstand weit zurück. In Großbritannien sind es rund 34 Prozent, gefolgt von Frankreich mit 31 Prozent, USA mit 31 Prozent und Schweden mit 27 Prozent. In Deutschland liegt der Frauenanteil bei rund 26 Prozent.
Finanzbranche ist Spitzenreiter
In Österreich erreicht derzeit keine Branche ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen in Vorständen. Selbst die führende Branche „Finanz & Immobilien“ weist nur 19 Prozent Frauenanteil auf. Schlusslicht ist die Technologie- und Kommunikationsbranche, dort liegt der Frauenanteil überhaupt bei null Prozent.
Meritokratie als Zielbild
Ziel sind ausgewogene Führungsteams aus Frauen und Männern als Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit. „Gemischte Führungsteams sind kein Selbstzweck, sie verbessern Entscheidungen, erhöhen die Resilienz von Organisationen und machen es wahrscheinlicher, dass die besten Talente bleiben und wachsen können“, unterstreicht Merit-Vorstand Jakob Ehrenbrandtner.
Beim EY Mixed Leadership Barometer kommt die Studienautorin Rosemarie König zur Erkenntnis: „Quotenregelungen sind – wie die Vergangenheit zeigt – ein notwendiger Impuls, aber keine alleinige Lösung. Es braucht weitergehende Maßnahmen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – etwa bei Gehaltstransparenz, der Reform der Kinderbetreuung oder der gleichberechtigten Einbindung von Männern in Vereinbarkeitsmaßnahmen.“
Herausfordernde Zeiten
Auch 2026 hat sich der grundsätzliche Stellenwert von Gleichstellung in vielen Unternehmen kaum verändert. Laut Deloitte-Umfrage verfolgt jedes zweite Unternehmen in Österreich einen strategischen Gleichstellungsansatz. Ein Viertel setzt sich zumindest mit dem Thema auseinander, indem punktuelle Maßnahmen ohne strategische Verankerung getroffen werden. Befragt wurden rund 600 Unternehmensvertreterinnen und -vertreter.
Auch wenn sich in den vergangenen Jahren Fortschritte beobachten ließen, verliert das Thema in den österreichischen Unternehmen aktuell an Bedeutung. Geopolitische Spannungen und die anhaltende Inflation haben dazu geführt, dass 18 Prozent der befragten Unternehmen ihren Fokus derzeit auf andere Themen verlagern. In kleinen Unternehmen ist die Situation dabei besonders herausfordernd.
Dabei hält Elisa Aichinger, Partnerin bei Deloitte Österreich, fest: „Gerade in unsicheren Zeiten lohnt es sich für Unternehmen, jeden Wettbewerbsvorteil zu nutzen, um ihre langfristige wirtschaftliche Beständigkeit abzusichern.“
Benachteiligung allgegenwärtig
Spürbar wird die aktuelle Zurückhaltung vor allem bei den Karrierechancen. Die Fortschritte der vergangenen Jahre gingen teilweise wieder verloren. Aktuell gehen nur 45 Prozent der Befragten davon aus, dass Frauen und Männer unabhängig vom Beschäftigungsausmaß über gleiche Aufstiegschancen verfügen. Zum Vergleich: Vergangenes Jahr waren es immerhin noch 50 Prozent. Gleichzeitig ist ein Drittel der Ansicht, dass gleiche Chancen für berufliches Weiterkommen für Frauen weiterhin an eine Vollzeitbeschäftigung geknüpft sind.
„Viele Fortschritte der letzten Jahre in Sachen Gleichstellung kehren sich wieder um – das ist problematisch. Jede zweite Frau gibt an, mindestens einmal aufgrund ihres Geschlechts im Berufsleben Benachteiligung erlebt zu haben“, betont Aichinger. Es gelte hier Rahmenbedingungen zu schaffen, die insbesondere unbewusste Vorurteile frühzeitig beseitigen und berufliche Weiterentwicklung trotz privater Verpflichtungen in allen Lebensphasen ermöglichen.
Die Deloitte-Umfrage zeigt auch, dass fast die Hälfte der Unternehmen (46 Prozent) keine Erhöhung des Frauenanteils im Top-Management plant. „Die meisten Unternehmen sehen generell das Fehlen ausreichend qualifizierter Kandidatinnen als wesentliche Ursache. Wenn man bedenkt, dass seit Jahren mehr Frauen als Männer hierzulande Universitäten abschließen, ist das objektiv nicht nachvollziehbar“, betont Elisabeth Hornberger, Diversity-Expertin bei Deloitte Österreich. Vielmehr zeigten sich auch hier strukturelle Barrieren, insbesondere in der Rekrutierung und Karriereentwicklung von Frauen. Hornberger: „Karrieresprünge für Frauen sollten im Jahr 2026 nicht mehr an den Rahmenbedingungen scheitern. Der Fokus sollte auf Qualifikation und Potenzial gelegt werden.“ Für eine Trendwende und einer Frau als CEO eines börsenotierten Unternehmens bedarf es noch einiger Anstrengungen.








