Kocher: „Alles für mehr Produktivität tun“

Die Inflation in Österreich sieht OeNB-Gouverneur Martin Kocher auf einem guten Weg. Die EU steht vor zahlreichen Hausaufgaben, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Der überraschend deutliche Rückgang der Inflation in Österreich auf 2 Prozent im Jänner stimmt den Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, Martin Kocher, positiv. „Wir haben gewusst, dass die Inflationswarte sinken wird, aber es war dann doch etwas stärker als erwartet“, sagte Kocher im Klub der Wirtschaftspublizisten. Der Dezemberwert hatte noch 3,8 Prozent betragen und war lange Zeit doppelt so hoch wie im Euro-Schnitt.

Aufgrund eines Basiseffekts hatten Ökonomen für heuer eine Teuerung über zwei Prozent erwartet, die OeNB sei zuletzt von 2,4 Prozent ausgegangen. Nun werde man die Prognose für 2026 senken, erklärte der Gouverneur. Die bessere Entwicklung werde dazu führen, „dass wir im Laufe des Jahres weiter eine gute Inflationsentwicklung“ haben werden. Zur Entwicklung der Teuerung hätten neben der Bundesregierung und den Sozialpartnern auch die niedrigeren Energiepreise beigetragen. 

Dämpfende Wirkung

Zu der niedrigeren Inflationsrate dürfte auch der neue Warenkorb der Statistik Austria beigetragen haben, der turnusgemäß alle fünf Jahre angepasst und seit heuer angewendet wird. Dieser berücksichtigt, dass Konsumenten bei hohen Preisen auf günstigere Produkte ausweichen (Substitutionseffekt), was inflationsdämpfend wirkt. Wie stark sich der Warenkorb-Effekt ausgewirkt habe, werde man Ende Februar wissen. „Wenn dieser Warenkorb-Effekt substanziell war, dann heißt das auch, dass wir in den letzten Monaten die Inflationsrate überschätzt haben“, sagt Kocher.

In Richtung Politik betont der OeNB-Gouverneur, dass man aus dem Auslaufen der sogenannten „Strompreisbremse“ die richtigen Schlüsse ziehen sollte. So hätten befristete Preissubventionen zwar einen kurzfristigen positiven Effekt auf die Teuerung, beim Auslaufen seien sie aber preistreibend.

Trotz der sinkenden Inflation rechnet Kocher mit keinem sofortigen Anspringen des Konsums. Die Stimmung sei weiterhin gedrückt, da sich das Preisniveau in den letzten Jahren „massiv erhöht“ habe. Zwar seien auch die Einkommen gestiegen, psychologisch wirke der Preisschock aber noch nach, was zu einer Kaufzurückhaltung und einer Sparquote führe, die „viel, viel höher ist als normalerweise“. Bis dieser „Preisniveau-Effekt“ verdaut ist und sich die Konsumstimmung wieder vollständig erholt, könnte es laut dem Nationalbank-Gouverneur noch „durchaus ein, zwei Jahre dauern“.

Geringeres Wachstumspotenzial

Beim Konjunkturausblick dämpfte Kocher die Erwartungen: „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass die Wachstumszahlen geringer sein werden als in den letzten zehn, zwanzig Jahren.“ Als Hauptgrund nannte der Gouverneur die Demografie, da das Bevölkerungswachstum als Treiber der Wirtschaftsleistung in Europa „gegen null geht“. Das sogenannte Potenzialwachstum – also das langfristig mögliche Wachstum bei normaler Auslastung – liege in Österreich derzeit bei „0,8 bis 0,9 Prozent“. 

In der EU liege der Fokus auf der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, bei der man hinterherhinke. Das habe nur zum Teil mit den Kosten zu tun, da diese nicht vollkommen beeinflussbar seien. „Umso wichtiger ist es, Dinge zu tun, die man klar beeinflussen kann“, sagt der Gouverneur. Es gehe darum, alles dafür zu tun, dass man produktiver werde, also Forschung und Entwicklung zu forcieren, aber auch die rasche Umsetzung von Innovationen. „Wir werden bei der generativen KI in Europa nicht ganz vorne dabei sein. Aber das heißt nicht, dass man die Produktivitätsgewinne nicht generieren kann, indem man die Dinge schnell anwendet“, so Kocher. Das sei ein Hebel, um das Wachstum zu erhöhen.

Die starke Fragmentierung und die damit einhergehende Bürokratie hindere Europa daran, wirtschaftlich dynamischer zu sein. Deshalb müsse man auch an einer stärkeren Vereinheitlichung des Binnenmarktes arbeiten. Realistisch sei es in gewissen Bereichen wie der Kapitalmarktunion. Das sei „ein ganz wichtiger Schlüssel für mehr Wachstum in Europa“, weil viele Dinge daran scheitern, dass man nicht genügend Investitionen habe.

Digitaler Euro

Darüber hinaus plädiert Kocher für die Einführung des digitalen Euro. Ein Beschluss des EU-Parlaments werde für Mai erwartet, erste Transaktionen könnten dann nach einer Testphase 2029 möglich sein. Die OeNB gehört zu sechs Notenbanken, die Vorbereitungsarbeiten wie Programmierung leisten. Der digitale Euro sei kein Ersatz für Bargeld, sondern eine Ergänzung, um die europäische Souveränität im Zahlungsverkehr zu sichern. Derzeit hänge man auch in Österreich fast vollständig von US-Kreditkartenanbietern ab. Hier wünscht sich der Notenbanker mehr Wettbewerb durch eine europäische Lösung.

Angesprochen auf den gestiegenen Goldpreis stellte Kocher klar, dass die OeNB ihre Bestände (280 Tonnen) derzeit weder aufstocken noch reduzieren wolle. Die Gewinne durch den Preisanstieg würden nicht in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung aktiviert, sondern blieben als „stille Reserven“ in der Bilanz. Gold zu verkaufen, um die Staatsschulden zu tilgen, erteilte der Gouverneur eine Absage.

AusgabeRZ07-2026

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