In Österreich ist es das Spiel der Spiele. Kein Duell hat eine höhere Brisanz oder stärkere Anziehungskraft als das Wiener Derby. Am Sonntag (17 Uhr, live auf Sky) treffen Austria und Rapid zum bereits 348. Mal aufeinander, öfter gab es in Europa nur das Glasgower Stadtduell Celtic gegen Rangers. Und zum zweiten Mal tritt die Raiffeisen Stadtbank Wien als offizieller Matchday-Sponsor auf.
„Wir freuen uns sehr, Derby-Presenter zu sein und einen Beitrag zur ruhmreichen Geschichte dieses besonderen Spiels leisten zu dürfen“, sagt Michael Höllerer, Generaldirektor Raiffeisen NÖ-Wien: „Die Partnerschaft ist für uns eine große Ehre und echte Herzensangelegenheit, denn mit der Stadtbank sind wir tief in Wien verwurzelt. Wir freuen uns auf viele großartige Fußball-Feste.“
31 Mal hautnah dabei
Vor dem Spiel, bei dem es sportlich darum geht, sich einen Platz in den Top 6 (also der Meistergruppe) zu sichern, sprachen wir mit Helge Payer. Der 20-fache Nationalteam-Tormann, heute unter anderem Experte beim ORF, spielte 31 Derbys im Trikot von Rapid Wien und hat am eigenen Leib gespürt, wie groß die Bedeutung dieses Duells ist.

Wenn Sie jemandem, der mit Fußball nichts am Hut hat, erklären müssten, was das Wiener Derby zu so etwas Faszinierendem macht …
Helge Payer: … dann würde ich sagen: Schau es dir an, das ist das Spiel der Spiele! Ich kann mich gut erinnern, als ich als Kind Rapid-Fan war. Wenn du Montag in die Schule kamst und am Wochenende davor das Derby verloren hast, wurdest du eine Woche lang damit aufgezogen. Das Match lässt keinen Fußball-Anhänger in Wien kalt, und wenn du Spieler bist, geht das genauso weiter. Du willst dem größten Rivalen zeigen: Wien gehört uns!
„Meistens gewinnt das Team, das am Tag X gefestigter ist und die bessere Tagesverfassung hat.“
Helge Payer
Es gibt ja die Floskel: Ein Derby hat eigene Gesetze. Ist das wirklich so?
Payer: Ja, das stimmt! Man muss sich nur anschauen, wie oft der Außenseiter dieses Spiel gewinnt. Deswegen ist das Derby für mich auch ein Kopf-Spiel. Du gehst als Favorit ins Spiel, weißt, dass du es nicht verlieren darfst – und schon fehlen dir die entscheidenden Prozentpunkte. Das ist ein bisschen wie bei Olympia, wo es ja auch oft Außenseiter-Erfolge gibt. Auf dieses Spiel wirkt viel mehr ein als die fußballerischen Qualitäten der beiden Mannschaften. Und meistens gewinnt das Team, das am Tag X gefestigter ist und die bessere Tagesverfassung hat. Die Tabelle spielt da kaum eine Rolle.
Sie selbst haben 31 Derbys gespielt, gegen kein Team standen Sie öfter im Tor als gegen die Austria. Können Sie sich an Ihr erstes Mal erinnern?
Payer: Als wenn es gestern gewesen wäre. Wir haben 1:0 geführt und haben ganz spät den Ausgleich kassiert. Ich kann sogar die Emotionen dieses Tages noch ganz genau nachfühlen. Wenn mich jemand nach meinen größten Spielen fragt, ist das erste Wiener Derby immer dabei. Wobei ich ja gleich zu Beginn eine schreckliche Serie hatte …
Stimmt, von Ihren ersten zwölf Wiener Derbys haben Sie keines gewonnen. Acht Unentschieden und vier Niederlagen stehen in der Bilanz.
Payer: Allein die Zahl an Unentschieden ist ein Wahnsinn! Als ich in die Kampfmannschaft von Rapid kam, standen wir unter Trainer Lothar Matthäus schlecht da, die Austria hatte mit Frank Stronach als großem Geldgeber dagegen eine richtig gute Mannschaft. Vergleichbar mit der von Red Bull Salzburg später. Erst als Pepi Hickersberger kam und die Zeit bekam, eine neue Mannschaft aufzubauen, wurde es besser.
Welches der 31 Derbys ist Ihnen noch in Erinnerung geblieben?
Payer: Viele. Aber mir persönlich vor allem zwei, die jeweils 0:0 ausgingen und bei denen ich über mich hinausgewachsen bin. Einmal habe ich einen Freistoß von Michi Wagner (Anm.: heute Sportdirektor bei der Austria) aus dem Winkel gefischt, eine meiner besten Paraden ever. Und einmal ist mir eine Vierfach-Parade gegen Štěpán Vachoušek gelungen, danach war ich sogar auf dem Titelbild der SportWoche. Wobei ich auch sagen muss: Das ist alles Teil einer Vergangenheit, mit der ich abgeschlossen habe, ich identifiziere mich nicht mehr damit. Man kann seine aktuelle Rolle nur dann wirklich gut ausfüllen, wenn man mit seiner alten abgeschlossen hat.
„Kein Zuschauer und erst recht keine Kinder dürfen im Stadion Angst haben. Ab da ist eine Grenze überschritten.“
Helge Payer
Dann kommen wir zur Gegenwart. Zuletzt waren bei vier Derbys aus Sicherheitsgründen keine Auswärtsfans erlaubt, das ist jetzt aber wieder der Fall. Wie wichtig ist das für eine prickelnde Derby-Atmosphäre?
Payer: Ich habe es geliebt: Je mehr Fans beider Mannschaften im Stadion waren, desto lieber habe ich gespielt. Einmal (Anm.: 2007) haben Austria-Fans eine Fackel in meinen Strafraum geworfen, wobei ich mir eine Verbrennung an der Wade zugezogen habe. Ich habe die Fackel genommen, vom Spielfeld geworfen und ganz normal weitergespielt. Das war der Zeitpunkt, ab dem mir die Austria-Fans, die wahrlich nicht zimperlich mit mir umgegangen sind, Respekt gezollt haben. Weil sie wussten, dass viele sich behandeln lassen und einen Spielabbruch provoziert hätten. Das wollte ich aber nicht. Das Derby ist ein großes Spiel, das sportlich entschieden werden soll. Nur eines ist mir ganz wichtig …
Und zwar?
Payer: Anspannung und Rivalität im Derby ist gut und schön – aber kein Zuschauer und erst recht keine Kinder dürfen im Stadion Angst haben. Ab da ist eine Grenze überschritten.
Das Derby am Sonntag findet in Favoriten statt. Wie wichtig ist der Heimvorteil in diesem Match?
Payer: Viele können sich ja noch an die ganz besondere Atmosphäre im St. Hanappi erinnern (Anm.: Trainer Pepi Hickersberger gab dem Vorgänger des Allianz Stadions diesen Namen). Da war das Heimspiel gegen die Austria nochmal die Kirsche auf der Torte. Aber Derby ist Derby, und das bedeutet noch mehr Adrenalin, noch mehr Geilheit auf dieses Spiel – egal wo es stattfindet.
„Wer gewinnt ist aus meiner Sicht nicht zu prognostizieren, da kann man genauso gut würfeln.“
Helge Payer
Aktuell steht auch sportlich für beide Mannschaften sehr viel auf dem Spiel, Austria und Rapid kämpfen um die Meistergruppe und sind tabellarisch auf Tuchfühlung.
Payer: Ganz klar: Beide Mannschaften können es sich nicht leisten, das Derby zu verlieren und in der unteren Tabellenhälfte zu stehen. Und das meine ich dreifach: vom Prestige, vom Sportlichen und vom Finanziellen aus gesehen. Das macht die Partie noch einmal mehr zu einem großen Showdown.
Sie als Rapidler sind natürlich befangen. Aber trotzdem die Frage: Wer gewinnt?
Payer: Die wachere, die klügere Mannschaft, die, die es an diesem Tag mehr auf den Rasen bekommt. Aus meiner Sicht ist das nicht zu prognostizieren, da kann man genauso gut würfeln.
Wenn es beide Teams in die Meistergruppe schaffen, kommt es im Frühjahr zum 350. Derby, ein großes Jubiläum. Sind Sie stolz, mit 31 Spielen ein so großer Teil dieser Geschichte zu sein?
Payer: Wie ich schon gesagt habe: In meinem Alltag spielt das heute keine Rolle mehr. Aber wenn Sie mich fragen und ich mich damit beschäftige, dann macht es mich schon stolz. Aber es ist weit davon entfernt, mein Leben zu bestimmen.









