Seit zehn Jahren gibt es Raiffeisen Immobilien Tirol. Welche Geschichte steckt hinter diesem Jubiläum?
Gerhard Cramer: Vor zehn Jahren wurde die heutige Raiffeisen Immobilien Tirol GmbH aus der Immobiliengesellschaft der Raiffeisen-Landesbank Tirol herausgelöst und als 100-prozentige Tochter der RLB weitergeführt. Wir sind in Innsbruck ein sechsköpfiges Team, bestehend aus vier Maklern, einer Assistentin und mir als Geschäftsführer. Zudem arbeiten wir eng mit unseren Kooperationspartnern in Schwaz, Kitzbühel, Kundl, Kufstein-Wörgl, Telfs und Lienz zusammen. Zum Leistungsspektrum gehört die Vermittlung von Wohnungen, Häusern und Grundstücken. Hinzu kommen Immobilienbewertungen sowie die Vermarktung von Neubau- und Entwicklungsprojekten. Die einzelnen Raiffeisen-Immobiliengesellschaften der Länder wurden 2016 österreichweit ebenfalls unter der gemeinsamen Marke Raiffeisen Immobilien Österreich vernetzt.
Was sind die Vorteile dieser Struktur?
Cramer: Wir sind eng mit dem Bankgeschäft und gleichzeitig mit dem österreichweiten Raiffeisen-Immobiliennetzwerk verzahnt, können also auch über den Tellerrand schauen. Wir sind sehr gut vernetzt und erfahren oft frühzeitig, wenn ein Kunde eine Immobilie verkaufen oder eine andere Immobilie kaufen möchte.
Wenn Sie die vergangenen zehn Jahre betrachten: Wie hat sich der Immobilienmarkt verändert?
Cramer: Das waren turbulente Jahre. In dieser Zeit hat sich der Markt mehrfach grundlegend verändert. Wir haben die Boom-Jahre erlebt, in denen Immobilien knapp waren, die Zinsen niedrig, die Nachfrage enorm hoch und gute Objekte oft innerhalb kürzester Zeit verkauft wurden. Wir haben die Pandemie erlebt, die den Wunsch nach mehr Wohnraum noch verstärkte. Dann kam die Zinswende mit deutlich steigenden Zinsen – und damit veränderten sich auch die Kräfteverhältnisse: Aus dem Verkäufermarkt wurde ein Käufermarkt. Heute haben Käufer wieder mehr Auswahl und können genauer abwägen, welche Immobilie zu ihren persönlichen Vorstellungen und Möglichkeiten passt. Wir spüren wieder mehr Bewegung, der Markt erholt sich.
Woran machen Sie diese Erholung fest?
Cramer: Die Zahl der Transaktionen nimmt zu und zugleich ist die Nachfrage deutlich gestiegen. Auch bei den Verbücherungen – also den Eintragungen von Eigentumsrechten an einer Immobilie ins Grundbuch – sehen wir eine positive Entwicklung. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die Verbücherungen in Tirol beispielsweise um rund 29 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Wir haben gute Immobilien im Portfolio und merken, dass Angebot und Nachfrage wieder deutlich besser zusammenpassen. Das war in den vergangenen Jahren nicht immer so.
2025 haben Sie rund 240 Transaktionen mit einem Volumen von 70 Millionen Euro begleitet. Zeichnet sich für dieses Jahr demnach eine Zunahme ab?
Cramer: Für dieses Jahr sehen wir bis August 2026 schon rund 170 Transaktionen mit einem Volumen von rund 52,4 Millionen Euro.

„Wir spüren wieder mehr Bewegung,
Gerhard Cramer
der Markt erholt sich.“
Tirol gehört zu den teuersten Pflastern in Österreich. Wie schwer ist es für Familien inzwischen, sich den Traum vom eigenen Zuhause zu erfüllen?
Cramer: Das Bundesland ist aufgrund der begrenzten Flächen, der hohen Lebensqualität und der landschaftlichen Attraktivität ein besonderer Immobilienmarkt. In Tirol ist der Wunsch nach den eigenen vier Wänden groß. In Innsbruck und insbesondere in zentralen Lagen sind Preise von rund 10.000 bis 12.000 Euro pro Quadratmeter keine Seltenheit. Da stellt sich natürlich die Frage, wie sich das eine durchschnittliche Familie noch leisten kann. Besonders gefragt sind deshalb derzeit Bestandsimmobilien, vor allem Bestandswohnungen. Sie sind für viele Käufer leistbarer als ein Neubau und deshalb interessant. Auch das Modell „Kauf – Sanierung – Verkauf“ wird immer beliebter. Beim Neubau haben wir dagegen in den vergangenen ein bis zwei Jahren eine gewisse Zurückhaltung gesehen.
Und wie wird sich die Preisdynamik künftig entwickeln?
Cramer: Wir sehen keine flächendeckende Preiskorrektur in Tirol. Leistbare, gute Immobilien sind nach wie vor gefragt. Regionale Unterschiede gibt es aber sehr wohl, an der Spitze des Preisniveaus steht Kitzbühel, gefolgt von Innsbruck. Wer in Tirol vergleichsweise günstig Eigentum erwerben möchte, findet im Bezirk Lienz die niedrigsten Preise.
Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?
Cramer: Der Markt ist anspruchsvoller und differenzierter geworden. Je nach Region, Lage, Immobilientyp und Qualität können sich Preise und Nachfrage sehr unterschiedlich entwickeln. Unsere Kunden wissen auch deutlich mehr. Sie können sich selbst über Immobilienangebote informieren. Gleichzeitig haben Themen wie Nachhaltigkeit und Energieeffizienz an Bedeutung gewonnen. Damit hat sich unsere Rolle verändert: Wir sind nicht mehr nur klassische Immobilienvermittler, sondern Berater und Begleiter. Unsere Aufgabe geht weit über das Aufsperren und Zeigen einer Wohnung hinaus. Es geht darum, zu verstehen, in welcher Lebenssituation der Kunde sich befindet. Und herauszufinden, was zu ihm passt. Von der Größe über die Lage und Infrastruktur bis hin zu seinen Vorstellungen und Möglichkeiten.
Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie persönlich?
Cramer: Ich bin stolz auf die Arbeit meines Teams – und denke dabei nicht zuerst an die Anzahl der abgewickelten Transaktionen, sondern an die Begegnungen mit unseren Kunden. Jede Immobilie erzählt ihre eigene Geschichte. Hinter jedem Verkauf, jedem Kauf und jeder Vermittlung stehen persönliche Entscheidungen. Erst kürzlich hatten wir so einen Fall: Da suchte eine junge, wachsende Familie ein neues Zuhause. Wir vermittelten eine entsprechende Wohnung. Wenige Wochen später rief mich die Frau an und erzählte, dass sie Drillinge zur Welt gebracht habe und alle froh über die neue Wohnung seien. Das sind Geschichten, die bleiben in Erinnerung.








