Orientierung in stürmischen Zeiten

Die aktuelle Energiekrise mit all ihren Unsicherheiten dominierte den diesjährigen Verbandstag des Raiffeisenverbandes Steiermark. Als Antwort wurde die erste steirische Energiegenossenschaft gegründet.

Justus Reichl, Peter Weissl, Moderatorin Kathrin Ficzko und Franz Titschenbacher skizzierten beim steirischen Verbandstag die Chancen für Genossenschaften in unsicheren Zeiten.
Justus Reichl, Peter Weissl, Moderatorin Kathrin Ficzko und Franz Titschenbacher skizzierten beim steirischen Verbandstag die Chancen für Genossenschaften in unsicheren Zeiten. (c) Werner Krug

„In der Seefahrt hat es sie immer gegeben, die Leuchttürme. Sie sind Wegweiser bei Sonnenschein und geben Orientierung in stürmischen Zeiten, das gilt auch für Raiff­eisen und die Genossenschaften“, eröffnete Franz Titschenbacher, Obmann des Raiff­eisenverbandes Steiermark die Festveranstaltung in Raaba-Grambach. Der Verbandstag stand heuer unter dem Titel „sicher nachhaltig“. Ohne Rufzeichen und ohne Fragezeichen lässt das Motto bewusst Interpretationsspielraum. Aber eines ist für Titschenbacher klar: „Sicherheit und Nachhaltigkeit sind zwei Themen, die mit der Raiffeisen-Idee seit jeher untrennbar verbunden sind, aber aktuell nicht herausfordernder sein könnten.“ Mit der „Kraft des Miteinanders“ werde man aber die derzeitigen Herausforderungen meistern, ist Titschenbacher überzeugt. 

Die Kraft der steirischen Genossenschaften zeigt sich in „beeindruckenden Zahlen“ für 2021, wie der Obmann berichtete. Im Bankensektor konnten die 45 selbständigen Raiffeisenbanken im Verbund mit der Raiffeisen-Landesbank Steiermark ihre Ersteinlagen auf 16,2 Mrd. Euro steigern. Mit Ausleihungen in Höhe von 13,4 Mrd. Euro sind die steirischen Raiffeisen-Primärbanken bei einer Gesamtbilanzsumme von 19,8 Mrd. Euro weiterhin klarer Marktführer. Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) 2021 lag bei 184 Mio. Euro und erhöhte sich dank einer verbesserten Konjunkturlage im Vorjahr um 57 Mio. Euro.

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Der Lagerhausbereich konnte nach einem starken coronabedingten Einbruch im Jahr 2020 im Vorjahr Umsatzsteigerungen von 14,6 Prozent auf 883 Mio. Euro verzeichnen. Das Ergebnis vor Steuern in Höhe von 21,3 Mio. Euro lag über dem Wert von 2020. Die Molkereisparte wurde mit 539.000 Tonnen Rohmilch beliefert. Damit blieb die Anliefermenge konstant, obwohl die Zahl der Milchlieferanten zurückgegangen ist, liefern diese aber mehr Milch. Die Betriebsleistung der steirischen Molkereien erhöhte sich 2021 um 6,5 Prozent auf rund 233 Mio. Euro. Das operative Ergebnis blieb jedoch im negativen Bereich. Einen Gesamtumsatz von 21,2 Mio. Euro erwirtschafteten die 79 Biowärme- und Hackschnitzelbetriebe und versorgten dabei 5.400 Kunden mit natürlicher Wärme. Im Sinne des genossenschaftlichen Fördergedankens wurden in diesem Bereich mit einem Ergebnis vor Steuern in der Höhe von 1,5 Mio. Euro nur die notwendigen Gewinne erwirtschaftet. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote beträgt rund 40 Prozent. Mit einem Volumen von 12,6 Mio. Euro für Neu-, Aus- und Umbauten wurde von den Heizwerken abermals ein zweistelliger Millionenbetrag zur Stärkung der regionalen Wärmeversorgung investiert.

Den wichtigen Beitrag Raiffeisens zur Versorgungssicherheit und zur nachhaltigen Ausrichtung der Wirtschaft unterstrich auch Landesrat Johann Seitinger in seinen Grußworten: „Sicherheit ist ein gewichtiger Teil unserer Lebensqualität. Und die Sehnsucht nach der DNA Raiffeisens spürt man. Wenn man Menschen fragt, dann schätzen sie die Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit der Lagerhäuser und Raiffeisenbanken.“ 

Gastreferent Justus Reichl beim Verbandstag des Raiffeisenverbandes Steiermark
Gastreferent Justus Reichl (c) Werner Krug

Strategische Reserve

Justus Reichl, Generalsekretär-Stellvertreter des Österreichischen Raiffeisenverbandes, stimmt Johann Seitinger zu: „Wären die Umstände nicht so erdrückend, könnten wir als Raiffeisianer in Genugtuung verfallen, dass unsere Werte plötzlich wieder die Wertschätzung einer breiten Öffentlichkeiten finden.“ Nachhaltig? „Wir können gar nicht anders.“ Sicher? „Jedes Lagerhaus, jede Raiffeisenbank, jede Wärmegenossenschaft und auch die erste Energiegenossenschaft in der Steiermark ist eine Sicherheitsinsel“, bedient sich Reichl eines militärpolitischen Begriffs, der für autarke regionale Versorgungszentren steht, die im Krisenfall eine Grundversorgung bereitstellen können. Reichl zieht auch einen Vergleich zur Miliz: „Freiwillige, die in ihrer Region verwurzelt sind, die für das Gemeinsame einstehen und die zusammenarbeiten zur Absicherung ihres jeweiligen Lebensraums – so gesehen gehören auch unsere Haupt- und Ehrenamtlichen in den Genossenschaften zur strategischen Reserve.“ ­Sicherheit und Nachhaltigkeit waren von Beginn an ein zentraler Baustein der Raiffeisenorganisation. Angesichts der enormen He­rausforderungen gelte es jedoch, diese traditionellen Stärken wieder neu zu interpretieren, zu schärfen und auch viel deutlicher zu kommunizieren. 

Krisenfester Lebensstil

Ob im kommenden Winter die Sicherheitsinseln und strategischen Reserven aktiviert werden müssen, das analysierte Klimaökonom Stefan Schleicher in seinem Vortrag. Seiner Meinung könnte Energie nicht nur teurer, sondern auch mengenmäßig knapp werden und in weiterer Folge zu einer wirtschaftlichen Krise und gravierenden gesellschaftlichen Konflikten führen. Da aus Schleichers Sicht die Politik nicht in der Lage sein werde, alle Auswirkungen bei Haushalten und Unternehmen auszugleichen, brauche es eine gemeinsame Kraftanstrengung aller, den Wirtschafts- und Lebensstil krisenfester zu machen. Beispielhaft hierfür nannte der Experte die Bildung von Energiegemeinschaften, die bewusste Revitalisierung von Städten, Gemeinden und Dörfern sowie die bewusste Vorbereitung auf schwere Krisen wie Blackouts und den Ausfall von Lieferketten für den Basisbedarf. Dabei seien nicht nur die Einrichtungen der Politik, sondern alle Institutionen unserer Gesellschaft und jeder Bürger gefordert.

Gründungswelle erwartet

Wie Bürger ihre Energiezukunft selbst in die Hand nehmen können, das zeigt die erste in der Steiermark gegründete Energiegenossenschaft „EnergiePunkt Ausseerland“. Gründungsobmann Herbert Hansmann aus Bad Mitterndorf und Verbandsdirektor-Stellvertreter Wolfgang Potocnik sehen in Energiegemeinschaften in Form von Genossenschaften einen wesentlichen Beitrag, um die notwendige Energiewende herbeizuführen und Sicherheit zu gewähren. Hier bietet der Raiffeisenverband Steiermark als Genossenschaftsrevisionsverband aktive Unterstützung bei Neugründungen an und erwartet sich auch eine „Gründungswelle“ in den kommenden Monaten. 

„Die Gründung von Energiegenossenschaften stellt für den gesamten Raiffeisensektor – Banken und Lagerhäuser – eine große Chance dar, um einen nachhaltigen Beitrag zur Energieunabhängigkeit zu leisten, aber auch um sich in den Regionen als unverzichtbarer Partner zu positionieren“, ist Verbandsdirektor Peter Weissl überzeugt.