Unter dem Motto „Tradition trifft Transformation“ widmete sich der heurige Verbandstag des Raiffeisenverbandes Steiermark der Frage, wie die bewährten Stärken von Genossenschaften mit den Herausforderungen und Chancen des technologischen Wandels verbunden werden können.
Mehr als 300 Gäste aus der steirischen Wirtschaft und Gesellschaft sowie aus der Raiffeisen-Organisation – darunter zahlreiche Ehrengäste wie der ehemalige Vizekanzler Josef Riegler, der neue Raiffeisen-Generalanwalt Erwin Tinhof, ÖRV-Generalsekretär Johannes Rehulka und RLB-Chef Martin Schaller – sind der Einladung von Verbandsobmann Franz Titschenbacher und Verbandsdirektor Peter Weissl gefolgt.
Für Titschenbacher ist das Motto „Tradition trifft Transformation“ weit mehr als eine Momentaufnahme. Gerade im Jubiläumsjahr „140 Jahre Raiffeisen in Österreich“ zeige sich, dass Beständigkeit und Veränderung keine Gegensätze seien. Werte wie regionale Verwurzelung, solidarisches Miteinander sowie Eigenständigkeit und Eigenverantwortung vor Ort hätten über Generationen hinweg Bestand, müssten aber immer wieder an die Herausforderungen der Zeit angepasst werden. Wie tragfähig dieses Fundament sei, hätten die steirischen Raiffeisenbanken und Genossenschaften auch unter den schwierigen Rahmenbedingungen des vergangenen Jahres bewiesen. Umso wichtiger seien Kompetenz, Kontinuität und die Bereitschaft zur Weiterentwicklung. Das entscheidende gemeinsame Kapital bleibe dabei das Vertrauen, betonte Titschenbacher.

Auch Generalanwalt Tinhof strich die Werte und die Beständigkeit von Raiffeisen Österreich hervor. Die Raiffeisen-Organisation habe stets Veränderung mitgestaltet und mitgeprägt. „Wir zeigen Verantwortung, engagieren uns und sind Vorbild“, fasste er zusammen. Dabei gehe es nicht nur um Wertschöpfung, sondern immer auch um Wertschätzung.
Mit Blick auf die Zukunft sieht Verbandsobmann Titschenbacher insbesondere in der Ernährungs- und Energieversorgung, der Regionalentwicklung sowie der Digitalisierung zentrale Handlungsfelder. Dabei gelte es, regionale Stärken mit neuen Möglichkeiten zu verbinden. Gerade bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz dürften regionale Nähe und technologische Innovation kein Widerspruch sein. Entscheidend sei, auch künftig „das gute Bewährte, das bewährte Gute mit dem Aktuellen, mit dem zukunftsgewandten Neuen zu verbinden“ und damit Zukunft aktiv zu gestalten.
Anker für Stabilität
Die Rolle von Raiffeisen als Anker für Stabilität und Vertrauen unterstrich auch Verbandsdirektor Weissl. Zugleich verwies er auf den tiefgreifenden technologischen Wandel, der Gesellschaft und Wirtschaft zunehmend prägt: „Diese Entwicklung muss als Chance verstanden werden“, betonte er. Eine zentrale Herausforderung bestehe darin, die digitale Transformation innerhalb der bestehenden Strukturen erfolgreich zu gestalten.
„Wir brauchen zum einen ein deutlich verbessertes digitales Angebot, zum anderen höhere Flexibilität bei den Produkten und Dienstleistungen. Mit einem stärker personalisierten Angebot kann den Kunden ein konkreter Mehrwert geboten werden“, so Weissl. Gleichzeitig gelte es, jene Stärken auszuspielen, die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nicht ersetzen könnten: persönliches Vertrauen und regionale Verbundenheit. Genau darin liege ein wesentlicher Vorteil des genossenschaftlichen Modells.
Umso wichtiger sei es, den Mehrwert einer Mitgliedschaft bei Raiffeisen noch sichtbarer zu machen, neue Mitglieder zu gewinnen und den Beitrag der Genossenschaften zur Entwicklung der Regionen stärker ins Bewusstsein zu rücken. Auch dem Raiffeisenverband Steiermark komme in diesem Veränderungsprozess eine wichtige Rolle als Anwaltschaft und Vertretung der Interessen unserer Mitglieder zu.

Vertrauen im KI-Zeitalter
Die Keynote beim heurigen Verbandstag hielt der Hamburger Zukunftsforscher Oliver Leisse. Künstliche Intelligenz verändere Wirtschaft und Alltag in atemberaubendem Tempo. Die Währung des digitalen Zeitalters sei Vertrauen, so Leisse. Effizienz allein genüge nicht, es brauche auch Empathie. „Humanoide Roboter gehen in Serie, Robotaxis fahren bereits in fünf US-Städten, und eine KI hat ein mathematisches Problem gelöst, das 80 Jahre unlösbar erschien“, analysiert er die rasante Entwicklung immer leistungsfähigerer KI-Systeme und deren Potenzial als digitale Assistenten.
Zugleich warnte Leisse vor Kontrollverlust, Desinformation und dem Wegfall von Einstiegsjobs. Wer sein Erfahrungswissen teilt und neugierig bleibt, gehört für ihn zu den Gewinnern der Ära der kreativen Generalisten. Den Unternehmen gab er drei Leitgedanken mit auf den Weg: Commitment, Coaching und Connection. Commitment bedeute, Haltung zu zeigen und Orientierung zu geben. Gerade in Zeiten rascher Veränderungen seien Unternehmen gefordert, gegenüber Kunden und Partnern klar Position zu beziehen, Verantwortung zu übernehmen und ihre regionale Verbundenheit sichtbar zu leben.
Coaching gehe wiederum über das Angebot hochwertiger Produkte und Dienstleistungen hinaus: Beratung werde künftig noch stärker zur Begleitung. Aus Produktexperten sollten Partner werden, die ihre Kunden mit Kompetenz und persönlicher Beratung auch durch Veränderungen begleiten.
Connection schließlich rücke die menschliche Beziehung in den Mittelpunkt. Nähe zu den Kunden ebenso wie ein starkes Miteinander im Unternehmen würden in einer zunehmend von KI geprägten Welt zu einem entscheidenden Vertrauensanker. Sein Fazit: Die Verbindung von genossenschaftlichen Werten, regionaler Verwurzelung und digitaler Stärke könne zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.

Wirtschaftliche Entwicklung der steirischen Genossenschaften
Die 39 selbständigen Raiffeisenbanken haben sich im Verbund mit der RLB Steiermark auch 2025 als stabiler Partner der Wirtschaft erwiesen. Die Ersteinlagen sind um 0,8 Mrd. auf 18,2 Mrd. Euro gestiegen. Trotz herausfordernder konjunktureller Rahmenbedingungen sind die Ausleihungen leicht auf 14,9 Mrd. Euro angewachsen. Das Betriebsergebnis von 407 Mio. Euro oder 1,89 Prozent der durchschnittlichen Bilanzsumme war erneut solide. Das EGT lag bei 325 Mio. Euro oder 1,51 Prozent, konnte aber trotz moderater Risikokosten das Niveau der beiden starken Vorjahre nicht mehr ganz erreichen. Damit hat die Raiffeisen-Bankengruppe Steiermark 2025 ihre stabile Eigenkapitalsituation weiter kräftig gestärkt.
Der Lagerhausbereich konnte nach merklichen Rückgängen in den beiden Vorjahren im Geschäftsjahr 2025 seine Umsätze stabil bei 955,4 Mio. Euro halten. Belastend wirkten vor allem die schwierige Marktsituation in der Landwirtschaft, schwankende Preise, steigende Kosten sowie eine zurückhaltende Nachfrage in einzelnen Geschäftsbereichen. Das Ergebnis vor Steuern aller Warengruppen-Betriebe ist erneut zurückgegangen, war aber letztlich ausgeglichen. Dennoch können die steirischen Lagerhäuser auf eine solide Eigenkapitalausstattung verweisen. In den Aus- und Umbau sowie in die Sanierungen der Lagerhaus-Genossenschaften wurden steiermarkweit im Vorjahr 30,8 Mio. Euro investiert.
Die Molkereisparte wurde 2025 mit 567.000 Tonnen Rohmilch beliefert. Die Anliefermenge stieg um 4,1 Prozent, die Anzahl der Milchlieferanten reduzierte sich abermals um fast vier Prozent auf 3.225. Die Betriebsleistung der steirischen Molkereien ist 2025 um 8,1 Prozent auf 313,8 Mio. Euro angestiegen. Das operative Ergebnis war erneut leicht negativ. Ursachen dafür waren weiterhin hohe Kostenbelastungen sowie der anhaltende Druck auf die Margen in der Verarbeitung und Vermarktung. Im September 2026 fiel zudem die Entscheidung, den Molkereibetrieb der Obersteirischen Molkerei in die Berglandmilch einzubringen.
Einen kräftigen Umsatzzuwachs im Ausmaß von 12,2 Prozent auf 33,5 Mio. Euro erwirtschafteten die 78 Biowärme- und Hackschnitzelbetriebe und versorgten dabei knapp 6.700 Kunden mit natürlicher Wärme. Die bis heute anhaltenden Volatilitäten und Unsicherheiten am Energiemarkt haben zu einer enormen Nachfrage nach erneuerbarer Energie geführt. In der Steiermark wurden in Summe 21,2 Mio. Euro in den Ausbau des Leitungsnetzes sowie in neue Betriebsanlagen investiert und weitere 300 Wärmebezieher angeschlossen. Das Ergebnis vor Steuern betrug insgesamt fast 4,2 Mio. Euro und hat sich im Vergleich zum Vorjahreswert klar verbessert.








