KI: „Die Verantwortung bleibt beim Menschen“

KI transformiert die Arbeitswelt. Sabrina Schneider von der FH Vorarlberg erklärt, wie sich die Technologie auf Unternehmen, Beschäftigte und Führung auswirkt.

KI-Bots wie ChatGPT und Modelle zur Bildgenerierung haben sich in kurzer Zeit rasant entwickelt. War das absehbar?
Sabrina Schneider: Ganz überraschend war die Entwicklung sicher nicht: Die technologischen Grundlagen wurden bereits in den Jahren zuvor gelegt, und in Expertenkreisen war Generative KI schon vor dem Markteintritt der ersten großen Modelle ein bekanntes Thema. Entscheidend für den rasanten Fortschritt waren zum einen die massive Nutzung der Systeme – jede Interaktion treibt das Lernen der Modelle weiter voran. Zum anderen flossen weltweit enorme Investitionen in die Entwicklung. Trotzdem bleibt die Dynamik komplex und schwer vorhersehbar, da viele Akteure mit teils sehr verschiedenen Geschäftsmodellen zusammenwirken.

KI wird von einigen gepriesen, von anderen verteufelt. Überwiegen die Chancen oder die Gefahren?
Schneider: KI ist da – und sie wird bleiben. Entscheidend ist nicht, ob sie „gut“ oder „schlecht“ ist, sondern wie wir als Gesellschaft, Unternehmen und Individuen mit dieser Technologie umgehen. Wir können die Risiken steuern, indem wir Verantwortung übernehmen, Transparenz schaffen und die Menschen befähigen, KI sinnvoll einzusetzen. Gleichzeitig eröffnen sich enorme Chancen, wenn wir die Potenziale effektiv nutzen. Der Fokus sollte also darauf liegen, die Bedingungen zu gestalten, unter denen KI einen positiven Mehrwert schafft – nur dann können die Chancen überwiegen. 

Wie kann ein verantwortungsvoller Umgang mit KI sichergestellt werden?
Schneider: Mit Bildung – auf allen Ebenen. Menschen müssen verstehen, welche Fähigkeiten und Grenzen die Systeme haben, welche Entscheidungen sinnvoll delegiert werden können und wo menschliche Kontrolle unbedingt notwendig ist. Dazu gehört nicht nur technisches Wissen, sondern vor allem auch ethisches Bewusstsein, kritische Reflexion und ein Gespür für gesellschaftliche Auswirkungen. Nur wer gut informiert ist, kann KI bewusst, kompetent und verantwortungsvoll einsetzen. 

Welche Kompetenzen werden in einer KI-geprägten Arbeitswelt besonders wichtig und welche verlieren an Bedeutung?
Schneider: Zahlreiche Studien zeigen, dass in Zukunft insbesondere kritisches Denken, ethische Reflexionsfähigkeit, Resilienz und Empathie an Bedeutung gewinnen werden – also Fähigkeiten, in denen Menschen der KI überlegen sind. Entscheidend ist jedoch, diese menschlichen Stärken mit jenen der KI zu kombinieren. So entsteht hybride Intelligenz – das Beste aus beiden Welten. An Bedeutung verlieren wird vor allem Fleißarbeit. Das Verständnis für gute Texte oder analytische Methoden bleibt wichtig, aber viele Routineaufgaben werden zunehmend von KI übernommen.

Viele Menschen sehen KI als Bedrohung für ihre Jobs. In welchen Branchen ist das tatsächlich der Fall und was raten Sie Betroffenen?
Schneider: Statt auf Branchen zu schauen, halte ich es für sinnvoller, die eigene Tätigkeit genauer zu betrachten. Mein Rat: Schauen Sie sich Ihr persönliches Aufgabenportfolio an. Welche Tätigkeiten kann KI heute schon genauso gut oder sogar besser ausführen? Wo fehlen vielleicht nur noch kleine Schritte? Energie darauf zu verwenden, mit KI hier mitzuhalten, ist wenig erfolgversprechend – der „Kampf“ wäre schwer zu gewinnen. Stattdessen lohnt es sich, den Fokus auf die anderen Tätigkeiten zu legen, bei denen wir durch unser Urteilsvermögen oder unser Kontextwissen – zum Beispiel aus langjährigen Kundenbeziehungen – einen klaren Mehrwert schaffen. Grundsätzlich gilt: Nicht wegschauen, sondern jetzt aktiv werden. Es passiert nicht alles über Nacht – wir haben noch etwas Zeit, selbst die Initiative zu ergreifen, zu experimentieren und zu lernen.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Missverständnisse im Umgang mit KI?
Schneider: Ein zentrales Missverständnis ist, dass KI „intelligent“ oder „allwissend“ sei. Tatsächlich handelt es sich um Werkzeuge, die auf Mustern aus Daten basieren – sie verstehen die Welt nicht so wie Menschen. KI trifft auch nicht automatisch bessere Entscheidungen; sie kann unterstützen, aber die Verantwortung bleibt beim Menschen. Viele unterschätzen außerdem die Notwendigkeit, KI-generierte Ergebnisse kritisch zu prüfen. Schließlich wird oft angenommen, dass KI die menschliche Arbeit vollständig ersetzt. Vielmehr geht es darum, unsere Stärken mit jenen der KI zu kombinieren. 

Sabrina Schneider im Porträt
Sabrina Schneider ist Inhaberin der Blum-Stiftungsprofessur an der FH Vorarlberg und leitet die Forschungsgruppe Digital Business Transformation. Beim Business Summit 2026, einer gemeinsamen Veranstaltung von FHV und Raiffeisen Vorarlberg, spricht sie am
30. April über die ethische Verantwortung im Umgang mit KI und die Grenzen ihrer Delegation in Organisationen. © Anna Mare Geisler

Welche Chancen eröffnet KI insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen?
Schneider: Tatsächlich überwiegen oft die Herausforderungen: KMUs fällt es – vor allem aufgrund der deutlich begrenzten Ressourcen – deutlich schwerer, im aktuellen KI-Dschungel den Durchblick zu behalten. Es ist nicht leicht zu erkennen, welche technischen, organisatorischen und rechtlichen Anforderungen zu erfüllen sind und wie die Mitarbeitenden auf dieser Reise mitgenommen werden können. Umso wichtiger sind unterstützende Formate, die Zugang zu Forschung, rechtlichen Rahmenbedingungen und Best Practices ermöglichen sowie den Austausch zwischen Unternehmen fördern.

Wie verändert KI die Führungskultur in Unternehmen und welche neuen Anforderungen stellt sie an Führungskräfte?
Schneider: KI wird zu einem neuen Akteur in der Arbeitswelt, der sich nicht motivieren und klassisch führen lässt wie Menschen. Damit steigt nicht nur die Zahl der Akteure in der Organisation, sondern auch der Koordinationsaufwand. Entscheidungen werden an anderen Stellen und deutlich schneller getroffen, Verantwortung verlagert sich. Unterstützung, Enabling und die Förderung reflektierter Urteilsfähigkeit werden damit zu zentralen Führungsaufgaben. Für moderne, partizipative Führungsstile ist das gut vereinbar, während hierarchische oder bürokratische Modelle stärker unter Druck geraten werden. Für Führungskräfte wird fachliches KI-Know-how vermutlich der kleinere Teil der Herausforderung sein. Viel entscheidender wird die Fähigkeit, eine Kultur zu gestalten, in der Menschen mit KI sinnvoll und verantwortungsvoll zusammenarbeiten. 

Welche Rolle kann KI bei der strategischen Weiterentwicklung von Banken spielen?
Schneider: Banken sind eigentlich ein idealer Anwendungsfall für verschiedene KI-Lösungen. Generative KI lässt sich hier beispielsweise für das Erstellen von Texten einsetzen und erlaubt so mehr Zeit für andere Aktivitäten. Deutlich spannender sind jedoch die Einsatzbereiche prädiktiver KI-Lösungen. Banken verfügen häufig über ungenutzte Datenpotenziale, die für datengetriebene Entscheidungen – etwa bei Risikoanalysen, Kundenanalysen oder Prozessoptimierungen – deutlich schnellere und präzisere Ergebnisse ermöglichen, als bisher möglich war. KI kann zudem neue Geschäftsmodelle und Services eröffnen, zum Beispiel personalisierte Finanzprodukte, automatisierte Beratung oder innovative Systeme zur Betrugserkennung. Einfach ist das sicher nicht: Nicht alles, was technisch möglich ist, wird auch von den Kunden und Mitarbeitenden gewünscht. Gleichzeitig sind regulatorische Anforderungen in dieser Branche besonders hoch. Ich sehe darin jedoch auch eine Chance, KI von Anfang an verantwortungsbewusst und transparent zu integrieren.

Nach welchen Kriterien sollten Unternehmen entscheiden, wo KI sinnvoll eingesetzt werden kann?
Schneider: Es lohnt sich die kombinierte Betrachtung von fünf Dimensionen:
1. Risiko: Welche Risiken entstehen durch den Einsatz von KI – und wie können wir sie wirksam begrenzen?
2. Aufwand: Wie hoch sind Implementierungs-, Integrations- und Veränderungsaufwände?
3. Impact: Welche Wirkung verspricht eine KI-Lösung und wo entsteht ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil?
4. Fit: Passt der geplante Einsatz zu unserer DNA, zu unseren Werten und unserer strategischen Ausrichtung?
5. Faktor Mensch: Was bedeutet der Einsatz von KI für unsere Mitarbeitenden, ihre Arbeit, ihre Fähigkeiten und ihr Vertrauen?

Wie muss sich das Bildungssystem verändern?
Schneider: Wir wissen noch zu wenig darüber, wie Lernen mit KI wirklich wirksam gestaltet werden kann. Momentan erleben wir einerseits große Begeisterung über überraschend gut funktionierende Anwendungen, andererseits Frustration, weil viele erhoffte Effekte ausbleiben. Die Veränderung wird bei den Lehrenden ebenso wie bei den Lernenden stattfinden müssen. Das macht die kommenden Jahre zu einer anspruchsvollen, aber auch sehr spannenden Transformationsphase für das gesamte Bildungssystem. Dabei dürfen wir eines nicht übersehen: Diese Entwicklung muss aktiv zur sozialen Gerechtigkeit beitragen und darf keinesfalls dazu führen, dass die Schere weiter auseinandergeht.

Wie sollen Unternehmen mit Fragen der Verantwortung umgehen?
Schneider: Die Verantwortung für den Umgang mit KI können wir nicht allein den Unternehmen zuschieben, sie wird für jeden relevant – beruflich wie privat. Die Verantwortung für Entscheidungen und deren Folgen muss immer beim Menschen bleiben. Und wir sollten über die gesetzlich geforderte Transparenz hinaus klar kommunizieren, wann, wie und warum KI eingesetzt wird. Nur so können sowohl Individuen als auch Organisationen langfristig Vertrauen aufbauen und erhalten. Denn je technologischer unsere Interaktionen werden, desto wichtiger ist die Glaubwürdigkeit der Menschen und Institutionen dahinter.

Welche Rolle wird KI in fünf bis zehn Jahren in unserem Arbeitsalltag spielen?
Schneider: Das wird stark variieren, je nach Rolle, Branche und Organisation. Ich erwarte, dass KI in fünf bis zehn Jahren viele einfache und wiederkehrende Aufgaben deutlich effizienter unterstützt und wir alle routinierter im Umgang mit diesen Tools sind. Zuverlässigkeit und Leistungsumfang werden weiter steigen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass unsere menschlichen Fähigkeiten weiterhin den entscheidenden Unterschied machen werden.

Diese Fragen wurden mithilfe von KI erstellt. Wo nutzen Sie persönlich KI?
Schneider: Beruflich kann und will ich heute gar nicht mehr auf KI verzichten. Sie nimmt mir viele repetitive Aufgaben ab und schafft Freiräume für Tätigkeiten, in denen ich mehr Wirkung erzielen kann. Gleichzeitig spüre ich aber auch den wachsenden Druck, KI effizient einzusetzen, um mit den neuen Standards Schritt halten zu können. Privat hingegen hat KI deutlich weniger Einfluss und zumindest aktuell fühlt sich das richtig an. In meiner freien Zeit bin ich am liebsten in den Bergen unterwegs und plane diese Touren weiterhin selbst. Da hat KI (noch) kein Mitspracherecht.

AusgabeRZ03-2026

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