Manchmal braucht es einen langen Atem und viel Geduld, bis aus einer Idee ein Projekt wird. Denn es ist schon fast zehn Jahre her, dass Gerhard Kapeller erstmals den Gedanken hatte, das erfolgreiche Konzept des Tirol KTM Cycling Teams der Männer auch auf ein Frauen-Team zu übertragen. „Doch damals war die Zeit einfach noch nicht reif“, sagt der Teammanager des Rennstalls.
Doch der Wind hat sich gedreht. Mittlerweile bekommen Frauen im Radsport die Beachtung, die sie verdienen, die großen Rundfahrten wie die Tour de France oder der Giro d’Italia haben längst auch eine Version für Damen. Und das Thema Gender-Gerechtigkeit, verbunden mit der Notwendigkeit, Frauen-Sport zu fördern, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Wobei wir das Projekt nicht umsetzen, weil wir auf einen Zeitgeist-Trend aufspringen wollen“, betont Kapeller. „Uns geht es um den Sport und die Chance, den besten Fahrerinnen die Chance zu geben, in die World Tour zu kommen.“ Also in die höchste Klasse weltweit, die es im Radsport überhaupt gibt.
Professionelle Bedingungen
Dafür wurde so richtig in die Hände gespuckt. In weniger als einem halben Jahr wurde ein hochkarätiges Team von Fahrerinnen zusammengestellt, mit dem Rennen in ganz Europa bestückt werden. Dazu wurde an der Infrastruktur mit Top-Trainingsmöglichkeiten und dem ganzen Drumherum von Medienbetreuung bis medizinische Versorgung gearbeitet, um mit professionellen Bedingungen aufwarten zu können. „Unser Vorteil war, dass wir unser Männer-Team seit 20 Jahren höchst erfolgreich betreiben und genau wissen, worauf es ankommt“, sagt Kapeller. Und verweist darauf, dass es dort seit geraumer Zeit gelingt, jedes Jahr zwei, drei Fahrer in die World Tour zu bringen. Also genau das zu schaffen, was man jetzt auch mit dem Women Cycling Team vorhat. Mit diesem Ansatz war es gar nicht so schwer, die Top-Talente des Landes davon zu überzeugen, für das neue Team an den Start zu gehen.
Zum Beispiel Tabea Huys. Die heute 20-Jährige hat als Triathletin bereits beachtliche Erfolge gefeiert, aber jetzt die Entscheidung getroffen, sich voll auf den Radsport zu konzentrieren. „Der Entschluss fiel mir nicht leicht“, sagt sie. Und wollte vergangenes Jahr sogar das Schicksal entscheiden lassen und sich für die Sportart entscheiden, bei der sie das bessere Ergebnis bei der Europameisterschaft bekommt. „Doch dann wurde ich sowohl im Zeitfahren als auch beim Triathlon Siebente.“ Geworden ist es dennoch der Radsport, sehr zur Freude von Gerhard Kapeller. „Wir haben lange mit ihr gesprochen und ihr aufgezeigt, welche Möglichkeiten wir ihr bieten können. Das hat sie überzeugt. Sie ist sicherlich eines unserer Zugpferde, um unsere Ziele zu erreichen.“
Aus zehn Athletinnen besteht das Team in der Premierensaison, fünf gehören zu den Top-Talenten Österreichs, fünf weitere kommen aus dem Ausland. Eine Grenzgängerin ist dabei die 20-jährige Britin Amalie Cooper, die zwar in England geboren wurde, aber schon länger in Innsbruck lebt und 2025 Zweite der Women Cycling League Austria wurde. „Ich sehe dieses Projekt als riesige Chance, die ich unbedingt nutzen will“, sagt sie. „Wir kennen uns schon und wissen, dass wir als Team gut funktionieren.“
Keine Einzelgänger
Wobei man ohnehin keine Ressourcen darin investiert hat, teure Sternchen aus dem Ausland zu verpflichten, um so mit schnellen Erfolgen aufwarten zu können. „Da haben wir sogar einige Anfragen abgelehnt“, sagt der 63-jährige Kapeller, der im zivilen Leben eine große Spedition betreibt. „Mir ging es darum, eine homogene Gruppe zusammenzubringen, die weiß, worauf sie sich einlässt. Und auf dieser Gruppe bauen wir dann das Team auf, das am Ende aus zwölf bis 14 Fahrerinnen besteht. Wir wollen aber keinen Star, der vielleicht das Gefüge gefährdet.“
Diese Gefahr besteht beim aktuellen Personal nicht. Auch nicht bei der Luxemburgerin Liv Wenzel, die schon einige Top-Ten-Ergebnisse bei größeren Rennen einfuhr und auch beim Saisonauftakt im kroatischen Porecˇ Anfang März mit Platz vier gleich aufzeigte. „Sie gehört sicherlich zu den vielversprechendsten Talenten“, sagt Kapeller, der keinen Hehl daraus macht, dass zu so einem Projekt auch starke Partner und Sponsoren gehören. „Unsere Mission ist es, mit unseren Partnern und Sponsoren den Weg in die World Tour zu ermöglichen“, sagt er. „Da spielt Raiffeisen eine herausragende Rolle. Legenden wie Rudi Mitteregger oder Wolfgang Steinmayr werden mit dem Giebelkreuz in Verbindung gebracht, da steckt eine 50-jährige Tradition dahinter. Das ist schon beachtlich.“
Im Gegensatz dazu fängt der Weg des Women Tirol Cycling Teams gerade erst an. Dass man dabei einen langen Atem hat, hat man ja bereits unter Beweis gestellt.








