Boden: „Resilienz hat einen Preis“

Der Boden ist nicht nur Grundlage für die Landwirtschaft, sondern als strategische Ressource auch Voraussetzung für Ernährungssouveränität, wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität, zeigte der „Vienna Soil Dialog“.

Geopolitische Verwerfungen führen zu einem fundamentalen Perspektivenwechsel auch auf die Ressource Boden. Dieser ist nicht länger nur Produktionsfaktor, sondern Teil von Sicherheits-, Industrie- und Geopolitik. Seine Bedeutung wächst – und mit ihr die Frage, wie widerstandsfähig unsere Systeme tatsächlich sind. Dies zeigte die Premiere der Fachveranstaltung „Vienna Soil Dialog“, die vom Lebensmittelkonzern Agrana gemeinsam mit dem Österreichischen Raiffeisenverband (ÖRV), FAS Research und dem Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) veranstaltet wurde.

In einer anschließenden Expertendiskussion stand das Thema Bodensicherheit im Fokus. „Sicherheit beginnt unter unseren Füßen“, waren sich die Experten dabei einig. Denn Boden sei zu einer Schlüsselgröße einer neuen geoökonomischen Realität geworden und diene nicht nur als Basis für Ernährung, sondern auch immer mehr der industriellen Wertschöpfung und der Souveränität. Seine Bedeutung wächst – und mit ihr die Frage, wie widerstandsfähig unsere Systeme tatsächlich sind.

„Wer Zugang zu fruchtbaren Böden hat, sichert sich damit nicht nur Ernährung, sondern auch Teile der industriellen Zukunft“, betonte Agrana-CEO Stephan Büttner in seiner Eröffnungsrede. Dabei gehe es nicht darum, „weniger zu produzieren, sondern weniger verletzlich zu produzieren“, also ohne große Abhängigkeiten von externen Inputs. Die letzten Wochen hätten gezeigt, wie schnell sich Rahmenbedingungen ändern können. Der Irankrieg, die Blockade der Straße von Hormus, aber auch der Ukrainekrieg wirken sich unmittelbar auf Energiepreise und Lieferketten aus. Diese Konflikte hätten sichtbar gemacht, wie Energie-, Rohstoff- und Ernährungssysteme verflochten sind. „Landwirtschaft ist heute Teil der Bioökonomie und damit auch Teil von Sicherheitsfragen, die wir lange Zeit in anderen Bereichen verortet haben“, strich Büttner hervor. In der Bioökonomie sollen fossile Rohstoffe durch verschiedene nachwachsende Ressourcen ersetzt werden. 

Das sei kein Trend, der vorbeigehe, sondern „die Realität der nächsten Jahrzehnte“. Nachwachsende biogene Rohstoffe gewinnen im Bewusstsein begrenzter fossiler Ressourcen zunehmend an Bedeutung. Umso wichtiger sei es, dort zu investieren, wo man auch den Zugang zu Rohstoffen habe. Verlässliche Rahmenbedingungen spielen dabei eine zentrale Rolle für die Investitionssicherheit. „Besonders wichtig ist es, einen Schulterschluss entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu schaffen, denn nur gemeinsam können wir die Herausforderungen meistern“, betonte Büttner mit Blick auf die Landwirtschaft.

Stephan Büttner, Erwin Hameseder, Johanna Mikl-Leitner, Moderatorin Martina Salomon und Norbert Totschnig machten die Komplexität der Bodensicherheit deutlich.
Stephan Büttner, Erwin Hameseder, Johanna Mikl-Leitner, Moderatorin Martina Salomon und Norbert Totschnig machten die Komplexität der Bodensicherheit deutlich. © NLK/Pfeffer

Neue Logik

Der Boden werde zum Gradmesser einer neuen geoökonomischen Realität – und zu einer Ressource, deren Sicherung über die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften entscheidet, betonte Netzwerkanalytiker Harald Katzmair in seinem Impulsvortrag und fügte hinzu: „Wir erleben eine Verschiebung der Logik, nach der diese Welt funktioniert.“ Jahrzehntelang dominierten Effizienz, globale Märkte und arbeitsteilige Produktion. Nun rücken Kontrolle, Zugang und Resilienz in den Vordergrund. Ressourcen werden zunehmend geopolitisch gedacht und strategisch gesichert. Dabei spielen die vier antiken Grundelemente Erde, Feuer, Wasser und Luft eine zentrale Rolle.

„Energie ist die Währung der Welt“, sagte Katzmair, der damit auf das Element Feuer anspielt. Die Dominanz über die Atmosphäre und des Luftraums kann massive geopolitische und ökonomische Auswirkungen haben, wie man am Satellitensystem Starlink von US-Milliardär Elon Musk sieht. Wasser stehe für Zugang, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in Form der Kontrolle von Wasserwegen oder Engstellen und damit von weiten Teilen des Handels. Die Bedeutung der Ressource Boden veranschaulichte Katzmair mit der Wirtschaftspolitik Chinas, das über rund 20 Prozent der Weltbevölkerung, aber lediglich über 8 Prozent der landwirtschaftlichen Anbaufläche verfüge. Daher kauft China vor allem in Afrika und Südamerika Böden auf, um diese für eigene Wertschöpfung zu nutzen. 

Neues Bewusstsein

„Was jetzt passiert, ist, dass wir von einer offenen, globalisierten Marktökonomie immer mehr zu strategischen, militärischen Räumen übergehen, in denen Kernressourcen kontrolliert werden“, so der Netzwerkexperte. Und alle, die einen Zugang haben wollen, müssten Renten zahlen, wie es das Beispiel der US-Zollpolitik zeige. Die Weltwirtschaft habe jahrzehntelang von einer Friedens- und Effizienzdividende profitiert. „Wir hatten stabile Verhältnisse und konnten daher mit kooperativen Kostenvorteilen dort produzieren, wo es am günstigsten war, und sind damit reich geworden“, erinnerte Katzmair. Die Konsequenz war, dass man nicht in Resilienz investieren musste. „Und genau das ändert sich jetzt – nicht aus moralischen Gründen, sondern aus geoökonomischen Notwendigkeiten.“

Daher sei ein neues Bewusstsein notwendig, das Resilienz als Wert anerkennt und sich im System niederschlägt. „Resilienz hat einen Preis und kostet, schafft aber Handlungsfähigkeit“, erklärte Katzmair weiter. Wer das Verständnis des Bodens verliere, verliere nicht nur früher oder später die Ressource selbst, sondern auch vor allem das Maß. „Und Maßlosigkeit ist gewissermaßen eines der zentralen Themen dieser Welt“, strich der Netzwerkexperte hervor. 

Harald Katzmair
Harald Katzmair © J. Christandl

Fokus auf Autonomie

Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig wies auf die unterschiedlichen Herausforderungen für die Landwirtschaft hin. Infolge der letztjährigen guten Ernten sei man mit niedrigen Preisen konfrontiert. Nun würden steigende Kosten den Druck weiter erhöhen. So hat Österreich etwa den vierthöchsten Dieselpreis in der EU. Auch beim Dünger sei man nahezu völlig vom Import abhängig. Und seit Jahren mache der Landwirtschaft der Klimawandel zu schaffen. In diesem Umfeld arbeite man laufend an Lösungen wie etwa einer „standortangepassten Landwirtschaft“, die möglichst unabhängig von Importen sei.

Das Denken in komparativen Kostenvorteilen habe sich seit der Corona-Pandemie, als es zu massiven Lieferengpässen kam und der Binnenmarkt aufgrund nationaler Alleingänge auch nicht funktionierte, geändert. „Das war eine scharfe Kehrtwende in Richtung strategischer Autonomie“, so Totschnig. Der Irankrieg bringe diesen Punkt wieder ganz zentral in den Fokus. „Wir müssen den Bodenverbrauch weiter reduzieren und die Bodenqualität verbessern, um gerade in Zeiten des Klimawandels die Fruchtbarkeit unserer Böden zu halten und so die Produktion sicherzustellen“, resümierte Totschnig.

Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner warnte vor alten Denkmustern nach dem Motto: „Je mehr Flächenverbrauch, desto mehr wirtschaftliche Dynamik.“ Die Wiederverwendung von Industrieflächen oder die Zusammenarbeit von Gemeinden bei Betriebsansiedelungen rücke man in Niederösterreich daher noch stärker in den Fokus. Das Motto müsse lauten: „So viel Bodenverbrauch wie notwendig und so wenig Bodenverbrauch wie möglich.“ Dabei sei auch klar: „Bodenschutz und wirtschaftliche Dynamik sind keine Gegensätze. Es braucht beides“, sagte Mikl-Leitner. Ein zentrales Instrument für die Steuerung sei die Raumordnung. 250.000 Hektar seien als agrarische Schwerpunkträume gesichert. 94 Prozent der Fläche Niederösterreichs seien Äcker, Wiesen, Wälder, Berge und Gewässer, nur 6 Prozent verbaut. 

Selbstversorgung wichtig

Raiffeisen-Generalanwalt Erwin Hameseder erinnerte daran, dass knappe Güter immer „machtpolitischen und in letzter Konsequenz militärischen Bedrohungen“ unterliegen. Dazu gehöre selbstverständlich auch der Boden, bei dem es vor allem um die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung der österreichischen Bevölkerung gehe. „Wir haben von der Globalisierung sehr gut gelebt, aber heute wissen wir: Globalisierung ist nicht das Allheilmittel. Sie hat uns viel Wohlstand, aber auch unglaubliche Abhängigkeiten gebracht. Wir müssen nun dafür sorgen, dass wir so viel wie möglich im eigenen Land produzieren können. Das gilt grundsätzlich für die gesamte Industrie, aber besonders für die Landwirtschaft“, so Hameseder. Das koste zwar Geld, sollte aber wie eine Versicherungsprämie betrachtet werden. Denn: „Ich zahle lieber die Versicherungsprämie, anstatt plötzlich keine Produkte mehr zu bekommen“, verdeutlichte Hameseder die strategische Relevanz dieser Weichenstellung. 

Dabei nutzte Hameseder, der auch Milizbeauftragter des österreichischen Bundesheeres ist, die Gelegenheit, die geopolitischen Entwicklungen klar anzusprechen: „Wir leben in einem hybriden Krieg.“ Nicht nur der Staat, sondern auch Unternehmen werden etwa durch laufende Cyberangriffe bedroht. Um eine bestmögliche Widerstandsfähigkeit aufzubauen, müsse man „von der Kaskomentalität“ wegkommen, dass der Staat alle versorge. Es gehe auch ganz stark um Selbstversorgung. „Jeder ist selber für eine gewisse Grundversorgung mit Nahrungsmitteln verantwortlich“, so Hameseder. In der wirtschaftlichen Landesverteidigung sollte wieder Vorsorge für Verknappung von lebenswichtigen Gütern in den Fokus rücken, wie es in der Vergangenheit üblich war. „Man muss nur einen Blick in die Ukraine werfen. Es ist bewundernswert, wie man in so einem langen Krieg den Staat am Laufen hält. Das ist unabdingbar, sonst gibt man die Souveränität auf“, betonte der Generalanwalt. 

Lieferten spannende Einblicke in die Ressource Boden: Harald Katzmair, Stephan Büttner, Erwin Hameseder, Johanna Mikl-Leitner, Moderatorin Martina Salomon, Norbert Totschnig, Bischof Alois Schwarz und Christian Wehrschütz
Lieferten spannende Einblicke in die Ressource Boden: Harald Katzmair, Stephan Büttner, Erwin Hameseder, Johanna Mikl-Leitner, Moderatorin Martina Salomon, Norbert Totschnig, Bischof Alois Schwarz und Christian Wehrschütz © Agrana

ORF-Journalist und Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz wies darauf hin, dass der Boden in der Ukraine, die als Kornkammer Europas gilt, zwar nicht ausverkauft, aber von den Kriegshandlungen massiv zerstört werde. Seiner Meinung nach sei es kein Kalkül des russischen Präsidenten Wladimir Putin gewesen, diese Kornkammer zu destabilisieren, um Europa wirtschaftlich und politisch in diesem Bereich erpressbar zu machen. „Dieser Krieg war nie ein Raubkrieg, sondern dieser Krieg war auf die Unterwerfung eines Gebietes aus“, so Wehrschütz.

Damit Europa zu einem aktiven Mitspieler beim Thema Rohstoffe werde, müsse man vom Reden mehr ins Handeln kommen – „und in eine langfristige Planung übergehen“, rät der Journalist. Dieses Umsetzungsdefizit habe auch der Ukrainekrieg gezeigt, insbesondere im militärischen Bereich, wo die Diskrepanz zwischen dem, was erzählt wird, und der Realität enorm sei. „Da gibt es für Europa noch viel Luft nach oben“, kommentierte Wehrschütz.

AusgabeRZ13-20206

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Mehr lesen

Aktuelles

Die Welt der Raiffeisenzeitung

Banner für die Newsletter Anmeldung
Banner: