2026 wird für die österreichischen Fußballfans ein wahnsinnig spannendes Jahr: im Sommer die WM der Männer, dazu die WM-Qualifikation der Frauen. Spüren Sie schon die Vorfreude?
Viktoria Schnaderbeck: Ja, auf jeden Fall. Man kann es überall spüren, an der Werbung, an den Gesprächen und auch an der medialen Berichterstattung.
Viele Fans trauen dem Männerteam unter Ralf Rangnick zu, eine Überraschungsmannschaft der WM zu werden – Sie auch?
Schnaderbeck: Ja, dazu haben sie als Kollektiv das Zeug, und das haben wir bereits in 2024 bei der EM gesehen. Allerdings werden wir einen fitten Kader bei 100 Prozent, einen Flow und ein bisschen Glück brauchen.
Ab welchem Abschneiden wäre die WM aus Ihrer Sicht ein Erfolg?
Schnaderbeck: Erfolg wäre für mich, wenn Österreich mit attraktivem Fußball überzeugt, wieder Euphorie erzeugt und viele Kinder danach zum Fußballspielen beginnen. Sportlich ist das Überstehen der Gruppenphase sicherlich der Anspruch. Dann eine weitere K.o.-Runde zu überstehen, wäre sicherlich riesig und auch eine K.o.-Runde mehr als bei der EM.
Das Frauen-Team des ÖFB hat bei Europameisterschaften bereits Ausrufezeichen gesetzt, unter anderem mit Ihnen als Kapitänin, es aber noch nie zu einer WM geschafft. Welche Gründe sehen Sie dafür?
Schnaderbeck: Während dieses Jahr 16 europäische Teams bei der Männer-WM vertreten sind, waren es bei der letzten Frauen-WM nur zwölf europäische und bei meiner letzten WM-Quali für die WM 2019 nur neun europäische Teams. Also circa die Hälfte im Vergleich zur diesjährigen Männer-WM. Dementsprechend war der Quali-Modus viel schwieriger für uns.
Es wirkt so, als ob es zuletzt eine kleine Stagnation gab, obwohl immer mehr Spielerinnen in großen europäischen Ligen unter Vertrag stehen … Oder ist das zu kritisch betrachtet?
Schnaderbeck: Von außen betrachtet und gemessen an den Ergebnissen und der gescheiterten EM-Teilnahme für 2025 kann man das so bestätigen. Aber ich denke, dass man auch ganz ehrlich und transparent kommunizieren darf und muss, dass das Frauennationalteam in einem Umbruch steckt. Und jeder Neuanfang passiert nicht von heute auf morgen und braucht Zeit für Erfolg.
Erfolgsteamchef zu Ihrer Zeit war Dominik Thalhammer, danach übernahm mit Irene Fuhrmann eine Frau, jetzt ist mit Alexander Schriebl wieder ein Mann in der Verantwortung. Gibt es auf dem Trainersektor einfach noch zu wenige Frauen?
Schnaderbeck: Es gibt mittlerweile schon deutlich mehr als vor zehn Jahren, aber immer noch zu wenige Frauen. Aber die nationalen Förderprogramme, unter anderem durch Staatssekretärin Michaela Schmidt angeschoben, oder auch die Top UEFA-Programme zur Förderung weiblicher Trainerinnen werden erst in den nächsten fünf bis zehn Jahren richtig Früchte tragen. Fakt ist, wir brauchen Erfolgsstorys wie es sie international mit Sarina Wiegman (Anm.: aktuelle Teamchefin Englands) oder Emma Hayes (Teamchefin der USA) gibt. Sie haben maßgeblich das Trainergeschäft im Frauenfußball geprägt und tun es immer noch.

Wäre Trainerin für Sie eine Option gewesen?
Schnaderbeck: Nein. Ich habe in England meine Trainerlizenz gemacht, aber schon da gemerkt, dass ich nicht das nötige Feuer besitze. Mein Anspruch ist, immer zu den Besten zu gehören. Und als Trainerin brauchst du eine gewisse Besessenheit, um zur Elite zur gehören. Diese Besessenheit besitze ich nicht, vor allem nicht nach 16 Jahren Profifußball mit acht Operationen – meine Fußballbatterie ist ein Stück weit leer. Aber so voll, dass ich meinen Job als TV-Expertin liebe.
In der aktuellen Kampagne geht es unter anderem auch gegen Deutschland, gegen das es teils empfindliche Niederlagen gab. Hat das Team diesmal eine Chance? Die weiteren Gegner heißen Norwegen und Slowenien.
Schnaderbeck: Die direkte Qualifikation als Gruppenerster wird schwierig. Aber ich sehe eine Qualifikation über das zweistufige Play-off als realistisch und hoffentlich auch als große Motivation für die Spielerinnen. Das Positive ist: Du kannst rein theoretisch eine schlechte Gruppenphase spielen und im Endspurt im Play-off überzeugen, da sich auch die Vierten dafür qualifizieren. Dennoch würde Gruppenplatz zwei oder drei helfen, um einen ranglistenschwächeren ersten Play-off Gegner zu bekommen.
Sie sind als TV-Expertin des ORF bei beiden Events hautnah dabei, machen den Job seit mittlerweile knapp drei Jahren. Was macht den Reiz der Aufgabe aus?
Schnaderbeck: Ein paar Dinge. Erstens durch die Übertragungen im Stadion noch so nah dran zu sein und regelrecht das Rasenadrenalin zu riechen. Zweitens ist es spannend, Fußball aus einer externen Brille zu sehen und dementsprechend eine andere Rolle als die der Spielerin kennenzulernen. Drittens liebe ich nach wie vor die Tatsache, dass man auch bei Live-Übertragungen als Expertin auf den Punkt abliefern muss.
Werden Sie die Spiele in Übersee analysieren oder vom Küniglberg aus?
Schnaderbeck: Ich werde aus dem Studio in Wien berichten. Persönlich hat es Vor- und Nachteile. Ein klarer Vorteil für mich als Mutter und meine Familie, so kann ich in beiden Rollen präsent sein. Ein kleiner Wermutstropfen ist es dennoch, dass man ein WM-Erlebnis nicht vor Ort erlebt. Da kann selbst das größte und schönste Studio nicht mithalten.
Was braucht es in erster Linie, um eine gute TV-Expertin zu sein?
Schnaderbeck: Ich glaube, es braucht persönliche Erfahrungen und dadurch Perspektiven, die andere Zuseher schlichtweg nicht haben. Es braucht eine klare Linie, wobei es unterschiedliche Typen an Experten gibt. Das ist gut und schön – aber man muss seine eigene Linie finden. Rhetorisches Geschick würde ich fast als Voraussetzung nennen, um das eigene Gedankengut dementsprechend auch zu transportieren.

Als Frau waren Sie eine Pionierin in dem Job, Sie waren die erste, die Männerspiele analysiert hat … Wir glauben ja, in modernen Zeiten zu leben: Aber gab’s oder gibt’s trotzdem Anfeindungen, weil Sie eine Frau sind?
Schnaderbeck: Ja, gab es und gibt es immer noch. Der Unterschied zu vor drei Jahren ist, dass es mir großteils egal ist. Ich habe bewiesen, dass die Qualität und der Zugang zur Expertise und Analyse nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Ich bin viel als Speakerin unterwegs und bekomme von Jung bis Alt, von Frauen bis Männer und alles dazwischen bei jeder Veranstaltung einige positive Rückmeldungen. Das ist für mich der schönste Beweis, dass ich offensichtlich eine breite Zielgruppe anspreche.
Sehen Frauen Fußballspiele aus einem anderen Blickwinkel als Männer?
Schnaderbeck: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich nur den Blickwinkel als Frau kenne (lacht). Aber was ich feststellen kann, ist, dass Emotionen im Fußball wie Freude, Enttäuschung, Aufregung, Vorfreude universell sind – unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung und Behinderung. Fußball ist und muss immer ein Ort für alle sein.
Seit Herbst 2023 sind Sie Partnerin der Raiffeisen KAG und widmen sich besonders dem Thema Geldanlage und Frauen. Haben Sie das Gefühl, dass das Thema Geldanlage bei Frauen seitdem stärker ins Bewusstsein vorgedrungen ist?
Schnaderbeck: Ich hoffe, dass ich jedenfalls Bewusstsein für das Thema erzeugen konnte. Mir liegt das Thema sehr am Herzen. Es gibt in Österreich immer noch einen großen Gender-Pay-Gap, Frauen sind stärker von der Altersarmut betroffen, und es gibt immer noch stereotypische Beziehungen, wo nur Männer für Geld und Finanzen verantwortlich sind. Das sind nur wenige Beispiele, wieso mir das Thema so wichtig ist.
Wenn ich 100 Euro übrighätte – lieber in einen Fonds investieren oder ins Wettbüro tragen, um auf Österreich als Weltmeister zu setzen?
Schnaderbeck: 100 Prozent Fonds. Ich gehe außerdem in keine Wettbüros.








