Der Dornröschenschlaf der Kunstwerke, die momentan im Kunstdepot der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien schlummern, soll ein Ende haben. Hunderte Gemälde namhafter Künstler sind es, die seit den 1950er-Jahren Stück für Stück von der Bank erworben wurden. Darunter ein Frühwerk von Egon Schiele, ein Werk von Pablo Picasso sowie ein umfangreicher Sammlungsblock von Josef Engelhart – um nur einige Highlights zu nennen. Nun möchte man die Sammlung professionalisieren und mit Blick in die Zukunft strukturiert weiterentwickeln. Eine Initiative, die Obmann Erwin Hameseder und Generaldirektor Michael Höllerer zu verdanken ist.
Feuer für die Kunst
Ihren Ursprung hat die Kunstsammlung in der Nachkriegsphase, als die Raiffeisen-Holding begonnen hat, situativ Kunst zu kaufen. „Für uns haben Kunst und Kultur etwas Verbindendes. Man kann damit Brücken bauen“, beschreibt Erwin Hameseder das Engagement des Unternehmens für den Kunst- und Kulturbereich. Als Genossenschaft sei es wichtig, auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und gerade in geopolitisch angespannten Zeiten den Menschen ein Tor zu Kunst und Kultur zu öffnen.
Einen wesentlichen Anteil an den Zukäufen der Sammlung hatte Christian Konrad in seiner Funktion als Generalanwalt, doch auch seine Vorgänger sorgten dafür, dass immer mehr Kunstwerke in den Besitz der Bank kamen – übrigens nur vier davon im Rahmen der Kreditsicherung. Heute kann man auf ein sehr breites Spektrum mit unterschiedlichen Kunstrichtungen blicken.
„Die Sammlung ist unglaublich charmant, auch was diese Unterschiedlichkeit betrifft“, sagt Carl Aigner, ehemaliger Museumsdirektor, der gemeinsam mit Galeristin Lisa Kandlhofer mit der Weiterentwicklung der Sammlung beauftragt wurde. „Es berührt mich sehr, wenn hochkarätige Persönlichkeiten aus der Wirtschaft so ein Feuer für die Kunst haben“, freut sich der Kunstexperte auf diese Aufgabe.


Große Namen
Mehr als 600 Kunstwerke sind im Lauf eines Dreivierteljahrhunderts zusammengekommen. Einer der berühmtesten Namen ist Egon Schiele, der mit einem Frühwerk vertreten ist: Seine Farbkreidezeichnung „Stadtkirche von Bozen“ ist 1906 entstanden und zeugt von den Anfängen des großen Malers. Außerdem nimmt Josef Engelhart einen besonderen Rang in der Raiffeisen-Kunstsammlung ein. Der Mitbegründer der Wiener Secession ist mit einem Werkblock von 61 Ölgemälden vertreten. Auch die Kunstgruppe Retz wird durch ein umfangreiches Konvolut repräsentiert. Die Liste geht prominent weiter, etwa mit Markus Prachensky, Christian Ludwig Attersee, Tina Blau oder Pablo Picasso, dessen Farblithografie „Bacchanalische Szene“ Teil der Sammlung ist.
Carl Aigner, der frühere Direktor der Kunsthalle Krems und des Museums Niederösterreich, ist schon seit langem mit der Sammlung vertraut. Er war es auch, der im Zuge der Errichtung des neuen Raiffeisenhauses 2012 mit der Installierung eines professionellen Kunstdepots betraut worden ist. Bisher waren die Werke dort gut verwahrt und teilweise in den Büros der Bankmitarbeiter zu sehen. Nun geht man einen Schritt weiter und startet zusammen mit Aigner und Kandlhofer in eine neue Phase.
Die Experten haben die Sammlung gesichtet und einen ersten Bildband zu den Kunstwerken erarbeitet. Rund 200 Werke sind darin abgebildet, die einen repräsentativen Ausschnitt des Bestandes zeigen. Doch man möchte auch die Öffentlichkeit einbeziehen – daher hat man sich dazu entschieden, ausgewählte Exponate im April im Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels zu präsentieren.


Start in neue Phase
Aktuell liegt das Hauptaugenmerk auf der Weiterentwicklung der Sammlung. „Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, die Sammlung, die sich über Jahrzehnte angesammelt hat, zu vermessen und dem Thema Kunst einen strukturierten, dauerhaften Stellenwert zu geben“, unterstreicht auch Michael Höllerer. Einen mittleren sechsstelligen Betrag möchte man dafür jährlich in die Hand nehmen. Mit Kunsthistoriker Carl Aigner und Galeristin Lisa Kandlhofer legt man diese verantwortungsvolle Aufgabe in professionelle Hände.
Das neue Sammlungsprofil hat mehrere Stoßrichtungen und legt den Schwerpunkt auf heimische Kunst aus Wien und Niederösterreich. Die Kunstkenner möchten den Fokus auf performative Kunst und Aktionismus setzen. Aus diesem Grund wird auch Hermann Nitsch eine große Rolle in der Sammlung spielen, wie Kandlhofer in Aussicht stellt. Auch die Blindzeichnungen von Arnulf Rainer gehen in diese Richtung. Diese Tradition der österreichischen Performancekunst soll mit jungen Künstlern fortgeführt werden. „Es gibt neue Tendenzen wie Malerei, Skulptur, Installation und Video, die wir mit in Betracht ziehen, und die gesellschaftlichen Themen Identität, Digitalisierung und Ökologie“, beschreibt Aigner die Pläne.
Auf die Suche nach neuen Talenten macht man sich an den Akademien, Hochschulen oder in Galerien. „Unser Ziel ist es, junge Künstler unterstützen zu können und sie in ihrer Karriere zu begleiten“, freut sich Kandlhofer auf das Projekt. Dabei sollen die Natur und der Mensch, die schon in der bestehenden Sammlung ein zentrales Thema darstellen, auch künftig eine Rolle spielen. „Für uns stehen die Natur und der Mensch im Mittelpunkt. Und das soll auch in Zukunft verbunden sein, auch mit unserer christlich-sozialen Wertewelt als Raiffeisen“, erklärt Hameseder.








