Seit dem vergangenen Wochenende sind die ohnehin schon zahlreichen geopolitischen Konflikte mit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran um ein blutiges Kapitel reicher. Beobachter und Kenner der Lage im Nahen Osten haben mit so einem Vorgehen der USA und Israels gerechnet. Ein mehrwöchiger Krieg scheint angesichts der dramatischen Ereignisse und Kräfteverhältnisse vorprogrammiert zu sein, was eine Gratwanderung mit einem deutlich höheren Eskalationsrisiko bedeutet als der Venezuela-Coup der USA am Jahresanfang. Wie stark die globalen Finanzmärkte in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, hängt laut einer Einschätzung von Raiffeisen Research primär von der Dauer der militärischen Auseinandersetzung ab.
„Wir sehen am Finanzmarkt keine ganz dramatischen Reaktionen. Es haben sich viele Investoren darauf vorbereitet und Risiko rausgenommen. Insofern ist es gut, dass von den Finanzmärkten kein zusätzliches Risiko dazukommt“, erklärt Gunter Deuber, Raiffeisen-Chefökonom und Leiter von Raiffeisen Research. Jegliche Anzeichen, dass Israel und die USA nicht die klare militärische und strategische Dominanz hätten, würden allerdings für Unsicherheit sorgen. Bisher sehe es nicht danach aus.
„Es herrscht ein relativ hoher Grad der Rationalität an den Börsen“, kommentiert der Kapitalmarktexperte die Entwicklung. Während die US-Börsen kaum Verluste verzeichneten, fiel die erste Reaktion an den europäischen Aktienmärkten zwar deutlich negativer aus, blieb damit aber nach wie vor in einem verkraftbaren Rahmen. So verlor etwa der Wiener Leitindex ATX am ersten Börsetag nach dem Angriff 1,19 Prozent, der deutsche DAX 2,42 Prozent und der Euro Stoxx 50 2,47 Prozent. Aktien geben tendenziell nach und auch Staatsanleihen stehen leicht unter Druck.
Die deutlichsten Ausschläge sieht man bei Energiepreisen: Der Ölpreis legte seit vergangenem Freitag um rund 15 Prozent zu, der europäische Gaspreis um etwa 70 Prozent. Letzterer Anstieg sei allerdings durch den angekündigten Produktionsstopp einer großen LNG-Anlage in Qatar und die momentan sehr angespannte Lage rund um die Meeresstraße von Hormus bedingt, betonte Kepler Fonds.
Keine Panik
Es herrsche an den Märkten keine Panik wie bei früheren vergleichbaren Ereignissen, konstatiert der Finanzmarktexperte. Man habe mittlerweile viel bessere Mechanismen, um solche Situationen zu managen. Auch die erwarteten Risk-Off-Bewegungen primär in sichere Häfen wie Gold seien zwar beobachtbar, fielen aber bisher nicht so drastisch aus. Und auch auf den Energiemärkten scheinen sich große Player wie China mit Vorräten eingedeckt zu haben.
Wenn nichts Neues und komplett Unvorhergesehenes mehr dazukomme, dann dürften die globalen Auswirkungen überschaubar bleiben, ist Deuber überzeugt. Das gelte auch für den Ölpreis, der seit Jahresbeginn ganz gut zugelegt und auch eine geopolitische Risikoprämie von 15 bis 20 US-Dollar bereits eingepreist habe. Der Schiffsverkehr auf der Straße von Hormus – durch die Meerenge zwischen dem Oman und dem Iran wird rund ein Fünftel der globalen Öl- und Gasexporte verschifft – steht seit Samstag still. Der Iran droht mit Angriffen auf Tanker, sollten sie die Route passieren. „Bei der erdrückenden militärischen Überlegenheit der USA und Israels tue ich mir schwer, zu sehen, wie der Iran die Straße von Hormus nachhaltig blockieren kann“, sagt Deuber. Das gefährlichere Szenario für die Ölpreisentwicklung wäre laut Deuber, wenn es dem Iran irgendwo gelingen würde, Teile einer wichtigen Ölinfrastruktur zu beschädigen.
Keine Rezession
„Sollte der Konflikt länger als ein paar Wochen dauern, dann wird es eindeutig belastender für die Weltwirtschaft“, ist Deuber überzeugt. Es würden in so einem Szenario Verspannungen auf dem Energiemarkt und in den Lieferketten auf globaler Ebene drohen. Das hätte zwar spürbare Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und die Inflation, eine tiefe Rezession drohe aber auch in so einem Fall nicht. Denn: „Es gibt sowohl in den USA als auch in Europa eine binnenwirtschaftliche Stärke“, betont Deuber.








