Einer Novelle des deutschen Schriftstellers Eduard Mörike zufolge soll Mozart, als er sich im Jahr 1787 auf dem Weg zur Uraufführung seines Don Giovanni in Prag befand, wohlgelaunt „noch nicht viel über dreißig Stunden Wegs von Wien entfernt, in nordwestlicher Richtung, jenseits von Mannhardsberg und der deutschen Thaya bei Schrems“ vorbeigekommen sein. Im Gegensatz zu diesem kurzen, historisch leider nicht belegbaren Aufenthalt vermochte es der griechisch-österreichische Kunstschaffende Makis Warlamis rund 200 Jahre später, in der Region Wurzeln zu schlagen.
Gemeinsam mit seiner Frau, der österreichischen Designerin und Bildhauerin Heide Warlamis, eröffnete er 1992 in Schrems das „IDEA Artcenter“. 2009 wurde es zum „Kunstmuseum“ erweitert. Gezeigt werden neben Kunstausstellungen zu wechselnden Themen mit nationalen und internationalen Künstlern regelmäßig auch ausgewählte Bilderzyklen von Warlamis selbst.
200 Meter Mozart
Der vor zehn Jahren verstorbene Architekt, Designer, Pädagoge, Dichter und Künstler hat nicht nur ein besonders reichhaltiges Œuvre hinterlassen, sondern sich in einer Vielzahl von Werken auch mit Mozart beschäftigt. Sein dem österreichischen Komponisten gewidmeter Bilder-Zyklus bringt es auf eine stolze Länge von circa 200 Laufmetern. Nach der ersten umfassenden Präsentation des Zyklus im Jahr 2006 ist dieser nun aktuell noch bis Anfang nächsten Jahres im Kunstmuseum zu erleben.
Anders als zu Mozarts 250. Geburtstag präsentieren sich die als Multimediales-Raum-Erlebnis-Konzept angelegten Arbeiten jedoch nicht in einer zusammenhängenden Bilderfolge, sondern – wie der Kurator der Ausstellung, Bernhard Antoni-Bubestinger, betont – als „Einzelbilder in neuen Kombinationen“. Gleichgeblieben zur Mozart-Schau im „IDEA Artcenter“ vor 20 Jahren ist „der Anspruch“, der Musik Mozarts „einen würdigen Raum“ zu verschaffen. Warlamis hätte es laut Antoni-Bubestinger verstanden, die „Tiefe“ und den „Emotionsreichtum“ der Tonkunst von Mozart in seinen Bildern wiederzugeben: „Das sonnig Helle, perlend Verspielte, überschäumend Leichte findet man genauso wie das Dunkle, Ernste, Tragische und Spirituelle. Mozart als Paradoxon, in dessen scheinbar genialer Mühelosigkeit so viel Intellekt zirkuliert und Herzenswärme mitschwingt. Mozart, der mit wenigen Noten einen ganzen Kosmos beschreibt.“
Eine Eigenschaft im Werk des Komponisten, die sich in besonderem Maße auch in der Zauberflöte findet. „Höchste Intellektualität und Weisheit“ treffen darin auf „Sinnlichkeit“ und stehen „gleichwertig“ nebeneinander, wie der ehemalige Vorstand des Instituts für Kultur und Geistesgeschichte an der Universität für angewandte Kunst, Manfred Wagner, in seinem im Katalog zur Ausstellung erschienenen Beitrag betont.

Musik und Bild
Tatsächlich zählt „Die Zauberflöte“ weltweit wohl nicht nur zu den bekanntesten und beliebtesten Werken von Mozart, sie ist zudem auch das einzige Werk, das Warlamis dazu veranlasste, illustrativ zu arbeiten. So findet man sich als Betrachter der Zauberflöten-Bilder mitunter Papageno & Co. gegenüberstehend, während Warlamis in den anderen Arbeiten des Zyklus (darunter in „Universum“, „Tod und Auferstehung“ oder „Weissagung“ sowie „Mythos“) eher versuchte, dem „Geist, der Universalität und der künstlerischen Substanz mozartschen Schaffens einen bildhaft räumlichen Ausdruck zu verleihen“, wie Antoni-Bubestinger es ausdrückt.
Als Besucher erhält man im Rahmen der Ausstellung die Möglichkeit, sowohl in die Welt der bildenden Kunst als auch der Musik einzutauchen – den allesamt großformatigen Bildern wurden neben Installationen und Videos auch Klangimpressionen zur Seite gestellt.
Am 23. Mai wird sich das Museum zudem mit dem Auftritt des renommierten „Amadeus Trio“ (Wolfgang David, Wolfgang Panhofer und Bernhard Parz) in einen Konzertsaal verwandeln. Die ausgewählten Stücke können freilich nur eine kleine Kostprobe aus dem schier unendlich scheinenden Kosmos mozartscher Schaffenskraft bieten. Diese diente Warlamis nach eigener Aussage als „unversiegbare Inspirationsquelle“, die weit über einen einzigen Bilderzyklus hinausreicht. „Eigentlich müsste ich ein Leben lang Mozarts Musik in Malerei umsetzen. In einem ekstatischen Traumzustand Bilder von Menschen, Pflanzen, Welten erschaffen, die im musikalischen Rhythmus ohne Grund erscheinen und vergehen“, äußerte sich Warlamis einst über seine Beschäftigung mit dem Werk des Musikgenies.
Die Musik des mit nur 35 Jahren verstorbenen einstigen Wunderkinds erschien ihm als „hörbare Manifestation der Lebensbejahung“, ein Sog hin „zum Guten, zum Schönen, zu Tiefe und Spiritualität. Jeder Ton ein Schöpfungsereignis“. Letztendlich gelinge es Komponisten gar, „eine hörbare Ahnung vom Garten Eden“ zu geben.

Mozart im Porträt
Nicht zuletzt zeugt Warlamis’ „Hommage à W.A. Mozart“ aber auch von dem (gescheiterten) Versuch, sich ein realistisches Abbild von dem Menschen Mozart zu machen. Tatsächlich wird man, wenn man einen Blick auf die existierenden Porträts des Musikers wirft, mit einer Vielzahl von Mozart-Ansichten konfrontiert. Zu den bekanntesten zählen das unvollendet gebliebene Bild von Joseph Lange (1782–1783) ebenso wie Barbara Kraffts posthum (1819) entstandenes Porträt und Dora Stocks Profilminiatur (1789). Gemeinsam haben die Bilder, dass sie Warlamis als Vorlage dienten. In der Ausstellung treffen die bewusst interpretativ und verfremdet gestalteten Mozart-Porträts von Warlamis auf die 2026 von Heide Warlamis (in Terrakotta glasiert) geschaffenen Profilansichten des Musikers.
Wer hingegen einen ganzen Mozart sucht, wird möglicherweise bald außerhalb des Museums fündig. Sofern das Sponsoring erfolgreich verläuft, können sich Schrems-Besucher schon bald neben einer im Stadtpark auf einem Stein platzierten Mozartskulptur in Szene setzen. Das Skulpturenprojekt ist Teil eines Konzepts, das darauf abzielt, Mozart auch über seinen 270. Geburtstag hinaus im Stadtgebiet sichtbar und erlebbar zu machen.







