Pensionisten im Dienst der Digitalisierung

Die digitale Welt gilt gemeinhin als Domäne der Jungen. Bei der Raiffeisenbank Wr. Neustadt-Schneebergland sind es hingegen Pensionisten, die ein umfangreiches Digitalisierungsprojekt vorantreiben.

Rund 10.000 Kreditaktordner, weit mehr als 500.000 einzelne Dokumente, die teilweise 30 Jahre zurückreichen: Nach der Fusion der Raiff­eisenbanken Wr. Neustadt und Schneebergland im Jahr 2022 stand das neu formierte Finanzinstitut vor einer gewaltigen Aufgabe. Während die Raiffeisenbank Wr. Neustadt bereits auf digitale Kundenakten gesetzt hatte, arbeitete die Raiffeisenbank Schneebergland noch mit physischen Unterlagen. Die unterschiedlichen Aktenbestände mussten auf einen einheitlichen digitalen Stand gebracht werden – neben dem laufenden Bankbetrieb war das mit dem bestehenden Personal nicht zu bewältigen.

„Wo kriegst du jetzt Leute her, die von einem Kreditakt eine Ahnung haben, die wissen, was ein Kreditvertrag, ein Zessionsvertrag oder ein Pfandvertrag ist? So bin ich auf die Idee gekommen, unsere Pensionisten zu fragen“, erinnert sich Gerhard Gabriel, Geschäftsleiter der Raiffeisenbank Wr. Neustadt-Schneebergland.

Gesagt, getan. Rund ein Dutzend ehemaliger Mitarbeiter, die bereits im Ruhestand waren, wurden für die Tätigkeit angefragt. Im Fokus standen gezielt Personen, die bereits in ihrer aktiven Zeit mit Kreditakten befasst waren – von Bankstellenleitern über Kundenbetreuer bis hin zu Mitarbeitern im Marktfolgebereich. Die Resonanz war besser als erwartet, berichtet Gabriel: „Ich habe gehofft, dass sich vier oder fünf Leute dazu bewegen lassen. Aber dass es auf einmal neun geworden sind, hat mich besonders überrascht.“

Wichtige Wertschätzung

Der finanzielle Zuverdienst war dabei laut dem Geschäftsleiter zweitrangig – vielmehr sei die Chance auf Abwechslung und Beschäftigung in der Pension sowie das gute Verhältnis zum ehemaligen Arbeitgeber entscheidend gewesen. „Die Begeisterung war riesengroß. Sie haben sich sehr wertgeschätzt gefühlt, weil man an sie gedacht hat“, so Gabriel. Selbst jene, die wegen familiärer Verpflichtungen absagten, hätten sich über die Anfrage gefreut.

Seit Jahresbeginn 2026 sind die neun Pensionisten nunmehr teilzeitbeschäftigt zurück im Dienst der Raiff­eisenbank. Das Team besteht aus sechs Frauen und drei Männern, der älteste Mitarbeiter ist 66 Jahre alt. Für ihre Tätigkeit sind sie in einem eigenen Gebäude untergebracht, wo die Kreditakten in Schachteln angeliefert werden. Die Mitarbeiter prüfen jedes einzelne Dokument: Benötigte Unterlagen werden nach einer vordefinierten Systematik geordnet, nicht mehr benötigte Dokumente werden aussortiert. Danach kommen die vorbereiteten Akten in Container und werden anschließend nach Wien gebracht, wo sich die ZHS Office-Facility Management GmbH um den finalen Digitalisierungsschritt kümmert. Das Dienstleistungsunternehmen der Raiffeisen Bank International erfasst die Kreditakten mit Hochleistungsscannern.

Das Projekt ist bis Jahresende befristet, bei der Abarbeitung sei man laut Gabriel gut im Soll. Obwohl die Rückkehrer bereits bis zu sechs Jahre aus dem Berufsleben ausgeschieden waren, verlief die Einarbeitung aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung problemlos. „Das ist ruckzuck gegangen“, sagt Gabriel. Zudem könnten sich die Pensionisten durch die Arbeit in einem gemeinsamen Raum bei fachlichen Fragen gegenseitig unterstützen.

Fachkundige Personalreserve

In der Vergangenheit hat die Raiffeisenbank Wr. Neustadt-Schneebergland bereits mehrmals projektbezogen erfolgreich auf junge Studenten gesetzt – nun wurde man am anderen Ende der Karriereleiter fündig. Dass nun erstmals ehemalige Mitarbeiter im Ruhestand reaktiviert wurden, hat einen entscheidenden Vorteil: „Du brauchst Fachleute – und die Pensionisten haben das Fachliche noch aus ihrer aktiven Zeit“, betont Gabriel, der darin auch eine mögliche Antwort auf den Fachkräftemangel sieht.

Wenn die Digitalisierung der Kredit­akten mit Jahresende abgeschlossen ist, plant der Bankchef bereits das nächste Projekt: „Ich möchte die Passivunterlagen, also die Kontoführungsunterlagen, einscannen lassen.“ Auch dabei sollen wieder die pensionierten Mitarbeiter zum Einsatz kommen. Das Erfolgsmodell könnte auch über Wiener Neustadt hinaus Schule machen: Auch andere Raiffeisenbanken hätten laut Gabriel bereits Interesse gezeigt, ehemalige Mitarbeiter aus dem Ruhestand für bestimmte Tätigkeitsbereiche zurückzuholen. Damit bringen ausgerechnet jene die digitale Zukunft der Bank voran, die das Berufsleben eigentlich schon hinter sich gelassen hatten.

AusgabeRZ37-2026

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