Die Idee für einen Dachverband der Spitzenfunktionäre der Raiffeisenbanken hat es vor Corona schon einmal gegeben. Warum ist damals nichts daraus geworden?
Richard Döltl: Als ich die Idee für einen Dachverband der Spitzenfunktionäre erstmals äußerte, habe ich erfahren, dass es bereits einen Anlauf dazu gab. Die Initiative ist damals auf wenig Gegenliebe gestoßen und dann kam auch noch Corona. Jetzt war offenbar der richtige Zeitpunkt. Ich bin 100-prozentig überzeugt, dass es diesen Dachverband braucht. Wir sind der letzte fehlende Baustein im Mosaik der Raiffeisen-Familie. Zum Vergleich: Der Dachverband der Geschäftsleitervereinigungen feiert heuer 50 Jahre. Der Blick über den Tellerrand und eine bundesweite Zusammenarbeit darf nicht bei Geschäftsleitern, Revisionsverbänden oder der Kooperationsgenossenschaft enden, sondern muss auch bei den gewählten Eigentümervertretern stattfinden. Dieser Dachverband war längst überfällig.
Am 27. August hat die Gründung in Linz stattgefunden. Wie viel Überzeugungsarbeit war notwendig?
Döltl: Ich bin anfangs davon ausgegangen, dass es bereits ein Erfolg wäre, wenn wir zumindest die Hälfte der Bundesländer an Bord bekommen. Mit Niederösterreich, Oberösterreich, Burgenland und Salzburg war relativ rasch eine Basis da. Kärnten, Steiermark, Tirol und Vorarlberg haben ebenfalls sehr bald signalisiert, dass sie zwar noch keine entsprechende Landesvereinigung haben, aber unbedingt dabei sein wollen. Je konkreter die Initiative wurde, desto stärker war die Zustimmung und alle haben sich mit großer Begeisterung eingebracht. Es gibt zwei Arten von Mitgliedern: Ordentliche Mitglieder sind die Landesvereinigungen der Spitzenfunktionäre. In Bundesländern, in denen es noch keine solche Vereinigung gibt, kann eine Person unterstützendes Mitglied sein. Kärnten hat sofort nach Bekanntwerden dieser Idee einen Spitzenfunktionärsverein gegründet und die Steiermark ist ebenfalls gerade dabei. Meine Stellvertreter, Roman Braun und Erich Zauner, kommen aus Oberösterreich und Salzburg.
Warum ist der Austausch der Spitzenfunktionäre unter einem Dachverband so wichtig? Was hat bisher gefehlt?
Döltl: Wir sind die gewählten Eigentümervertreter, deshalb soll es bei großen, übergreifenden Themen auch eine Stimme von unserer Seite geben. Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, einen Gegenpart zu den Geschäftsleitern zu bilden. Wir verstehen uns als Ergänzung. Ich bin davon überzeugt, Raiffeisen wird in Zukunft nur erfolgreich sein, wenn wir bundesweit zusammenarbeiten und zusammenhalten.
Wie viele Funktionäre vertritt der neue Dachverband?
Döltl: Die Raiffeisen-Bankengruppe zählt österreichweit rund 3.700 Funktionäre als gewählte Eigentümervertreter.
Welche konkreten Aufgaben soll der neue Dachverband übernehmen?
Döltl: In unseren Statuten stehen Information, Förderung und Vertretung der Mitglieder. Ein ganz zentraler Punkt ist für mich der Erfahrungsaustausch. Wir müssen nicht in jedem Bundesland das Rad neu erfinden. Genauso wichtig ist auch, offen über Dinge zu sprechen, die nicht funktioniert haben. Wenn jemand sagt: „Wir haben das probiert, das war ein Fehler, lasst die Finger davon“, dann können andere daraus lernen.
Können Sie ein paar konkrete Bereiche nennen, in denen bundesländerübergreifende Zusammenarbeit einen Mehrwert hat?
Döltl: Themen wie die Aus- und Weiterbildung der Funktionäre, die Gewinnung neuer Funktionäre und eindeutig mehr Präsenz von Frauen in den Gremien. Durch einen bundesweiten Erfahrungsaustausch können wir bei solchen Inhalten nachvollziehbare Orientierungspunkte schaffen. Und dann gibt es auch große sektorweite Bereiche, bei denen wir als Eigentümervertreter einen Beitrag leisten können, sollen und müssen. In der Vergangenheit wurden solche Entscheidungen teilweise getroffen, ohne dass wir gefragt wurden. Eine starke gemeinsame Stimme der Funktionäre hätte da durchaus sinnvoll sein können.

„Wir wollen zeigen, dass wir tatsächlich etwas bewegen.“
Worum wollen Sie sich in der ersten Phase kümmern?
Döltl: Der erste wichtige Schritt ist, dass der Dachverband rasch bundesweit bekannt wird. Ich bin überzeugt, dass dann auch sehr schnell Themen an uns herangetragen werden. Der zweite Schritt ist, dass es in allen Bundesländern entsprechende Landesvereinigungen gibt. Das ist wichtig, damit Themen von der Landesebene in den Dachverband transportiert werden können. Im November haben wir in Salzburg unsere erste ordentliche Sitzung. Bis dahin wollen wir zwei oder drei wichtige Aufgaben identifizieren, bei denen wir unsere Standpunkte vorantreiben können. Wir wollen zeigen, dass wir tatsächlich etwas bewegen.
Die Themen einer kleinen Raiffeisenbank sind mitunter ganz andere als jene großer Institute. Wie wollen Sie diese unterschiedlichen Positionen zusammenführen?
Döltl: Das muss aus meiner Sicht über die jeweiligen Landesverbände funktionieren. Der Funktionär bringt sein Anliegen in seiner Landesvereinigung ein, dort werden die Themen gebündelt. Wenn sich daraus Fragen ergeben, die über das Bundesland hinaus relevant sind, werden sie an den Dachverband herangetragen. Genau deshalb ist es essenziell, dass es in jedem Bundesland eine entsprechende Vereinigung gibt.
Wie intensiv soll der Austausch im Dachverband stattfinden?
Döltl: Wir wollen uns zumindest zweimal im Jahr persönlich und zweimal online treffen. Die persönlichen Treffen sollen bewusst in unterschiedlichen Bundesländern stattfinden. Das jeweilige Bundesland soll dabei auch die Möglichkeit haben, ein regionales Projekt oder ein spezielles Thema vorzustellen. Der Verband soll lebendig sein und die Erfahrungen aus den Regionen aufnehmen.
„Wir möchten aber nicht nur dabei sein, sondern auch mit einer starken gemeinsamen Stimme auftreten.“
Wie und wo will sich der Verband in die bestehenden Gremienstrukturen bei Raiffeisen einordnen?
Döltl: Wir wollen dort vertreten sein, wo es um für uns relevante Themen geht. Wir möchten aber nicht nur dabei sein, sondern auch mit einer starken gemeinsamen Stimme auftreten. Der Vorteil des Dachverbandes ist, dass wir Anliegen vorab strukturieren und ein Positionspapier erstellen. Aber wir können nicht einfach mehr Mitsprache verlangen, sondern das bedeutet auch, dass Funktionäre entsprechend ausgebildet sein müssen und sich intensiv mit relevanten Bereichen beschäftigen. Wir stehen ganz am Anfang, aber möchten zeigen, dass wir mit konkreten Antworten punkten können.
Wie stark soll der neue Dachverband nach außen sichtbar werden – etwa gegenüber der Aufsicht?
Döltl: Wir beabsichtigen überall dort dabei zu sein, wo es notwendig ist. Auch die Aufsicht könnte beispielsweise ein Aspekt sein. Was erwartet die Aufsicht von uns Funktionären? Daraus könnten wiederum spezielle Schulungen für Aufsichtsratsvorsitzende entstehen. Ich möchte das nicht auf interne Themen beschränken. Wir wollen durchaus offensiv nach außen gehen.
Die Anforderungen an Funktionäre einer Bank sind insgesamt gestiegen. Wie hat sich die Rolle verändert?
Döltl: Die Zeiten, in denen ein Obmann im Wesentlichen gefragt wurde, wohin der Funktionärsausflug geht und wo die Weihnachtsfeier stattfindet, sind zum Glück längst vorbei. Wer diese Funktion heute übernimmt, muss sich bewusst sein und auch bereit sein, sich mit vielen Inhalten auseinanderzusetzen und vor allem Weiterbildungen – Stichwort: fit & proper – zu machen. Wir sind keine hauptberuflichen Bankfachleute, aber wir müssen uns intensiv damit beschäftigen. Wenn man sich darauf einlässt, wird die Aufgabe interessant. Man erkennt, dass man etwas bewirken kann, bekommt dadurch Bestätigung und bringt sich automatisch verstärkt ein.

„Es geht ausdrücklich nicht um Spitzenfunktionäre gegen Geschäftsleiter. So funktioniert eine Bank nicht – und Raiffeisen schon gar nicht.“
Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit dem Dachverband der Raiffeisen-Geschäftsleitervereinigungen vor?
Döltl: Sehr eng. In Niederösterreich machen wir es bereits so, dass sich Spitzenfunktionäre und Geschäftsleiter zweimal im Jahr gemeinsam treffen. Beide Seiten haben zunächst ihre eigenen Sitzungen und kommen anschließend zusammen. Dieses Modell habe ich auch für die Bundesebene vorgeschlagen und das ist sehr gut angekommen. Damit wollen wir demonstrieren, dass wir eine Einheit sind. Es geht ausdrücklich nicht um Spitzenfunktionäre gegen Geschäftsleiter. So funktioniert eine Bank nicht – und Raiffeisen schon gar nicht.
Wie intensiv soll die Zusammenarbeit mit anderen Gremien und Verbänden aussehen?
Döltl: Grundsätzlich wollen wir überall dort dabei sein, wo unsere Perspektiven gefragt sind, und unsere Standpunkte vertreten, wenn es notwendig ist. Unser Anspruch ist, möglichst rasch ein fixer Bestandteil der bundesweiten Raiffeisen-Familie zu werden. Ich hoffe, dass wir innerhalb eines Jahres sichtbar und voll funktionsfähig sind. Wir können nicht weitere 50 Jahre warten, bis wir Fuß fassen.








