Seit Juli sind Sie neuer Chief Investment Officer der Kathrein Privatbank. Wie war die Startphase?
David Schrottenbaum: Ich bin sehr gut aufgenommen worden. Die Zusammenarbeit mit dem sehr erfahrenen und fachlich top ausgebildeten 14-köpfigen Asset Management Team, das sowohl die Portfolien von institutionellen als auch von Privatkunden managt, hat vom ersten Tag an Spaß gemacht. Die Performanceentwicklung über den Sommer war ebenso erfreulich und hat ein gründliches Einarbeiten in unsere Investmentstrategien erleichtert.
Was ist anders als bei Ihren vorigen Stationen?
Schrottenbaum: Es gibt im Bereich der Vermögensverwaltung nicht den einen richtigen Ansatz. Jeder Ansatz hat seine Besonderheiten, die sich im Laufe der Zeit entwickelt und bewährt haben. Bei uns ist die Investmentphilosophie ein Zusammenspiel aus datenbasierten quantitativen Modellen und aus fundamentalen Aspekten. Da gilt es im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz sicher auch am Ball zu bleiben, da die Finanzmärkte immer schnelllebiger werden.
Was hat Sie an der Position gereizt?
Schrottenbaum: Es ist eine tolle Chance, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe da nicht lange überlegen müssen. Die Größe des Unternehmens ist mir zudem sympathisch. Ich fühle mich in einem unternehmerischen Umfeld sehr wohl, wo man anpacken muss und es immer wieder abteilungsübergreifende Projekte gibt.
Mit 40 Jahren sind Sie ein vergleichsweise junger Chief Investment Officer. Haben Sie schon genug Krisen miterlebt, um genügend Erfahrung für so eine Position mitzubringen?
Schrottenbaum: Es fühlt sich für mich länger an, weil ich schon seit Jugendtagen die Märkte sehr intensiv verfolge und auch schon verschiedenste Krisen miterlebt habe: Es gibt Krisen, die alle betreffen, wie die Finanzkrise 2008. Aber dazwischen gab es viele Themen, die bestimmte Märkte stark beschäftigten. Der Schweizer Währungsschock 2015 ist mir gut in Erinnerung, damals habe ich für eine andere Bank den Schweizer Markt betreut. Auch mit Zentral- und Osteuropa hatte ich immer starke Berührungspunkte. Es gibt kaum ein Jahr, in dem nicht irgendeine Krise ist. Ich fühle mich also schon krisenerprobt und habe in den letzten 15 Jahren die Vermögen von sehr vielfältigen Kunden mitverwaltet, von Family Offices, Stiftungen, Pensionskassen oder Privatkunden.
Bei Ihrer Ernennung haben Sie gemeint, Sie wollen die Anlagestrategie konsequent an den Bedürfnissen der Kunden auszurichten. Wie soll das gelingen?
Schrottenbaum: Der erste Kunde ist intern im Haus: Die Kundenbetreuung muss man zuerst überzeugen. Die Betreuer müssen spüren, was man warum macht, das spürt dann auch der Kunde. Private Banking ohne starken fachlichen Input ist nur Show, aber umgekehrt ist komplexes Asset Management ohne Kommunikation zum Kunden auch nur Selbstzweck. Bei allem, was wir tun, muss der Nutzen für den Kunden da sein. Ziel ist, regelmäßig im Austausch mit den Kunden zu sein. Der USP von Kathrein ist, dass man ein eigenes Asset Management hat, im Gegensatz zu anderen, die nur noch Vertrieb machen. Diese Nähe zum Asset Management gilt es zu nützen.
Wie intensiv ist also der Austausch?
Schrottenbaum: Zum Boutique-Charakter einer Privatbank gehört, dass man keinen Produktverkauf von der Stange macht, sondern den Luxus hat, die fachliche Expertise auf den Kunden abzustimmen. Bei der „Übersetzung“ von Kundenbedürfnis in Portfolioallokation können durch die Unterstützung des Asset Managements oft Missverständnisse vermieden werden. Kundenfeedback etwa aus Portfolio- und Jahresgesprächen oder Aussendungen wird an das Asset Management weitergegeben. Allerdings ist es eine Gratwanderung: Kundennähe ist nicht so gemeint, dass man im Portfolio immer das macht, was die Kunden gerade selbst machen würden. Wir haben die Marktpsychologie im Blick, genau deshalb haben wir auch in diesem Jahr ein Client Portfolio Management etabliert, also eine eigene Abteilung im Asset Management als erste Anlaufstelle für Kundenkommunikation, Reporting und zur Terminunterstützung. Diese Personen managen dann aber selbst nicht mit. Die Trennung ist wertvoll, weil ich es selber kenne: Wenn man jeden Tag zum Kunden geht, ist es schwer, sich von diesen Emotionen zu trennen.
Wie viel Kontinuität dürfen sich die Kunden von Ihnen erwarten? Wird man im Investmentansatz einen frischen Wind spüren?
Schrottenbaum: Ich hoffe schon, dass es einen frischen Wind gibt, aber wir werden nicht langbewährte Konzepte über Bord werfen. Kontinuität ist wichtig sowohl personell als auch strategisch. Natürlich habe ich aber auch neue Ideen im Kopf, die wir mit Mut zu eigenen Produkten und Schwerpunkten umsetzen wollen, um den Kunden Mehrwert zu bieten. Es gibt im österreichischen Markt viel Spielraum und auch Nachfrage nach innovativen Investmentkonzepten, abseits von ETFs und marktnahen Fonds.
Private Markets, Private Equity werden für vermögende Anleger immer öfter angeboten. Spielen solche illiquiden Anlageklassen auch bei Kathrein eine zunehmende Rolle?
Schrottenbaum: Kathrein bietet ja schon länger Zugang zu Private Equity, aber wir wollen diesen Bereich noch ausbauen. ELTIFs (European Long-Term Investment Funds) werden ins Angebot aufgenommen werden, um auch schon ab kleineren Beträgen Zugang zu alternativen Assetklassen zu schaffen. Die Nachfrage ist derzeit, sicher auf bedingt durch die gute Aktienperformance, noch nicht riesig, aber schon im Steigen begriffen.
Wie ist denn aktuell die Stimmung unter den Kunden?
Schrottenbaum: Das kommt sehr darauf an, wie man investiert ist. Dank mehrerer starker Aktienjahre in Folge haben die meisten Kunden mit entsprechender Aktiengewichtung ihre Ziele erreicht oder übererfüllt. Eine große Gier ist dennoch nicht erkennbar. Kunden, die stark in Anleihen investiert sind, haben zuletzt hingegen schwierigere Jahre gehabt. Allerdings ist das Renditeniveau zuletzt deutlich attraktiver geworden. Ein gutes Umfeld für diversifizierte Portfolios.
Hohe Erwartungen an KI und die Konzentration auf wenige Titel haben das Vorjahr bestimmt.
Schrottenbaum: 2026 ist diesbezüglich ein „gesundes“ Jahr: Der breite Markt performt sogar etwas besser als die größten Titel. Der Markt differenziert stärker und sagt nicht, KI gewinnt und alles andere verliert. In allen Branchen wird es Gewinner durch die KI geben, das macht es spannend für die nächsten Jahre. Ich sehe keine Blase, denn die ganz großen Unternehmen wachsen in die Bewertungen hinein und sind von den Kennzahlen günstiger als in den Vorjahren. Kollektiv abgestrafte Sektoren wie Software erholen sich gerade stark.
Bei Kathrein wird immer die ausgewogene Balance zwischen Rendite und Risiko betont. Wie will man diese erreichen?
Schrottenbaum: Durch diszipliniertes Umsetzen der Investmentphilosophie. Wir müssen nicht jeden Trend ausreizen. In allen von uns gemanagten Strategien haben wir Risikoparameter eingebaut, um etwa Klumpenrisiken zu vermeiden.
Sind Ihre quantitativen Modelle in der Investmentstrategie KI-gestützt?
Schrottenbaum: KI ist nicht der wesentliche Bestandteil, aber ja, unsere Modelle und Informationssysteme werden laufend erweitert. KI ermöglicht den Mitarbeitern natürlich auch, ihre Zeit effizienter einzusetzen.
Werden Kunden in Zukunft nur mehr der KI vertrauen? Ist das eine Konkurrenz im Private Banking?
Schrottenbaum: Man merkt, dass die Kunden viel informierter zu Gesprächen kommen. Ich sehe das sehr positiv und nicht als Konkurrenz. Es bietet uns die Chance, unser Know-how zu zeigen und nicht nur oberflächlich über die Themen zu sprechen. Ein menschlicher Sparringpartner bei einer Privatbank wird immer gefragt sein, davon bin ich überzeugt.
Wo sehen Sie im Moment Investmentchancen?
Schrottenbaum: Durch den medialen Fokus auf den gigantischen Ausbau der KI-Infrastruktur sind viele andere spannende Investmentthemen unter dem Radar geblieben, bei den Aktien sowohl regional als auch was andere Branchen betrifft. Bei den Anleihen eröffnen sich durch die wieder steiler gewordenen Zinskurven und das höhere absolute Renditeniveau ebenfalls Chancen. Wir screenen die Märkte laufend nach Opportunitäten, es gibt immer etwas zu tun. Wir geben aber keine Kursprognosen ab oder gehen starke Makrowetten ein. Die Outperformance soll durch die Titelselektion erwirtschaftet werden.
Sie beschäftigen sich seit Jugendzeiten mit Veranlagung? Wie schaut Ihre persönliche Investmentstrategie aus?
Schrottenbaum: Es ist auf langfristigen Vermögensaufbau ausgerichtet. In meiner Altersklasse spielt Wachstum eine größere Rolle, deswegen habe ich eine Affinität zu Aktien.








