Christiane Flehberger: „Sparen muss man heute breiter betrachten“

Seit Juli verantwortet Christiane Flehberger das Privatkundengeschäft der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien. Im Interview spricht sie über veränderte Spargewohnheiten, die wachsende Bedeutung von Wertpapieren und neue Anforderungen in der Kundenberatung.

Sie sind seit Juli Vorständin der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien. Wie waren die ersten Monate in der neuen Funktion?
Christiane Flehberger: Wir arbeiten derzeit intensiv an der Weiterentwicklung unserer Strategie, um die Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien langfristig stabil und zukunftsfähig aufzustellen. Das Wettbewerbsumfeld verändert sich dynamisch – durch neue Marktteilnehmer wie Neobanken ebenso wie durch den rasanten technologischen Fortschritt. Insbesondere der gezielte Einsatz Künstlicher Intelligenz wird entscheidend sein, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und unseren Kundinnen und Kunden auch künftig moderne, leistungsfähige Services anzubieten. Mein Start fiel damit in eine besonders spannende und intensive Phase. Da ich bereits im Haus tätig war, kannte ich die Abläufe gut; zugleich galt es, Aufgaben aus meiner bisherigen Funktion geordnet zu übergeben.

In Ihrer Verantwortung liegt unter anderem das Privatkundengeschäft. Welche Bedeutung hat der Weltspartag heute noch?
Flehberger: Für mich ist der Weltspartag der Bankfeiertag schlechthin. Vor drei Jahren haben wir ihn daher zur Geldsparwoche weiterentwickelt. Sie bietet uns die Gelegenheit, unseren Kunden zu danken und zugleich einen wesentlichen Grundgedanken des Weltspartags fortzuführen: Kinder frühzeitig und spielerisch an den verantwortungsvollen Umgang mit Geld und an das Sparen heranzuführen. Viele kommen nach wie vor mit ihren Sparbüchsen und freuen sich über kleine Geschenke. Auch für Erwachsene bleibt der Weltspartag bedeutsam, denn prägende Erfahrungen aus der Kindheit wirken nachhaltig.

War der Weltspartag auch Ihr Einstieg in die Bankenwelt?
Flehberger: Der persönliche Kundenkontakt sowie die frühzeitige Auseinandersetzung mit Sparen und finanzieller Vorsorge sind für mich bis heute von zentraler Bedeutung. Geprägt hat mich dabei auch meine Kindheit: Meine Mutter war bei einer Raiff­eisenbank tätig, und ich durfte sie am Weltspartag begleiten und mithelfen. So habe ich diese Werte schon früh unmittelbar erlebt.

Welche Motive stehen derzeit beim Sparen und Veranlagen im Vordergrund?
Flehberger: Man muss Sparen heute breiter betrachten als nur das klassische Sparbuch. Im Vordergrund steht eine langfristig ausgerichtete Vorsorge, die sich konsequent an den persönlichen Zielen und Bedürfnissen orientiert. Die Veranlagungspyramide bildet dafür den Rahmen: Sie verbindet klassische Sparformen und Wertpapierveranlagungen zu einer ausgewogenen, individuell abgestimmten Vermögensstruktur.

Hat sich die Risikobereitschaft also verändert?
Flehberger: Die Risikobereitschaft ist stets von persönlichen Zielen, finanziellen Rahmenbedingungen, Anlagehorizont und Präferenzen abhängig. Insgesamt ist jedoch ein Trend zu kapitalmarktbasierten Veranlagungen erkennbar, die langfristig attraktive Ertragschancen bieten. Entscheidend ist eine ausgewogene, auf das jeweilige Risikoprofil abgestimmte Veranlagungsstrategie.

Die Bundesregierung hat nun das Zukunftsdepot beschlossen. Wie beurteilen Sie dieses?
Flehberger: Junge Menschen frühzeitig an den Kapitalmarkt heranzuführen, ist uns ein wichtiges Anliegen. Mit dem FLEX Depot Young bieten wir ihnen deshalb bis zum 28. Geburtstag ein Wertpapierdepot ohne Depotgebühr, das nun startet – unabhängig von den Plänen der Bundesregierung. Sobald konkrete Rahmenbedingungen für ein staatliches Zukunftsdepot vorliegen, werden wir prüfen, wie wir unser Angebot sinnvoll darauf abstimmen können.

Seit Jahren wird über die Bedeutung von Finanzbildung gesprochen. Merkt man mittlerweile einen Wissenssprung bei den Kunden?
Flehberger: Teilweise ist bereits ein deutlicher Wissenszuwachs erkennbar. Dazu tragen die vielfältigen Informationsmöglichkeiten und zunehmend auch Künstliche Intelligenz bei. Vor allem junge Menschen setzen sich intensiv mit Finanzthemen auseinander und kommen immer häufiger mit konkreten Vorstellungen oder einer bereits ausgearbeiteten Finanzplanung in das Beratungsgespräch. Dadurch entwickelt sich unsere Rolle stärker hin zur fachlichen Einordnung, individuellen Abwägung und fundierten Begleitung. 

Wie geht man mit solchen Kunden um?
Flehberger: Es ist sehr erfreulich, wenn sich Kunden vorab informieren und bereits mit konkreten Vorstellungen in das Gespräch kommen. Das ersetzt jedoch nicht die professionelle Beratung. Unsere Aufgabe ist es, individuelle Ziele und Vorschläge fundiert einzuordnen und insbesondere transparent über Chancen und Risiken aufzuklären. Dafür müssen unsere Berater fachlich stets auf dem neuesten Stand bleiben und sich kontinuierlich weiterbilden.

Die RLB NÖ-Wien war beim Kundenzugang zu Kryptoassets Vorreiterin. Hat die Zusammenarbeit mit Bitpanda die Erwartungen erfüllt?
Flehberger: Die Zusammenarbeit mit Bitpanda wurde am Markt sehr positiv aufgenommen. Mit dem Zugang zu Kryptoassets haben wir unser Angebot um eine zusätzliche Veranlagungsmöglichkeit erweitert und insbesondere eine jüngere Zielgruppe erreicht: Mehr als die Hälfte der Nutzerinnen und Nutzer ist unter 40 Jahre alt. Gleichzeitig sehen wir keine Verlagerung zulasten des klassischen Wertpapierdepots. Die positive Resonanz zeigt sich auch darin, dass das Angebot inzwischen auf weitere Bundesländer in der Raiffeisen Bankengruppe ausgeweitet wurde.

Wie hat sich das Privatkundengeschäft der RLB NÖ-Wien insgesamt entwickelt?
Flehberger: Im Vorjahr erzielten wir ein Nettokundenwachstum von 2,5 Prozent. Bis Anfang September konnten wir bereits 12.000 Neukunden für die Stadtbank Wien gewinnen. Damit setzen wir die vor drei Jahren eingeleitete Trendwende konsequent fort. Mit rund 260.000 Kunden haben wir unsere Position bei den Marktanteilen in Wien vom vierten auf den dritten Platz verbessert. Zugleich wird es zunehmend anspruchsvoller, weiteres Wachstum zu erzielen.

Welche Schwerpunkte möchten Sie im Privatkundengeschäft in den kommenden Jahren setzen?
Flehberger: Die konsequente Weiterentwicklung unserer digitalen Vertriebskanäle wird ein zentraler Schwerpunkt sein. Unser Anspruch ist ein nahtloses Zusammenspiel aus persönlicher Beratung in der Filiale, Betreuung über unsere virtuelle Stadtbank und digitalen Self-Service-Lösungen. In der virtuellen Stadtbank betreuen wir bereits rund 28.000 Kunden. Künftig wollen wir insbesondere digitale Abschlüsse und das Onboarding weiter vereinfachen und zugleich die bereits verfügbaren Möglichkeiten noch sichtbarer und verständlicher vermitteln.

AusgabeRZ43-2026

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