Die geopolitische Weltordnung bröckelt zusehends, die transatlantische Partnerschaft steht vor einem tiefgreifenden Wandel und Europa muss in dieser neuen Weltordnung vor allem bei Sicherheitsfragen mehr kooperieren und investieren, um seine Widerstandsfähigkeit zu stärken – das machte der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Army in Europa, Lieutenant General a. D. Ben Hodges, vor über 120 Teilnehmenden des Raiffeisen Investment Forums der Raiffeisen Capital Management deutlich. „Wir alle wünschen uns, nicht über die Verteidigung Europas sprechen zu müssen. Das wäre aber naiv und eine Ignoranz der Geschichte“, betonte Hodges mit Blick auf den Krieg in der Ukraine.
Hinzu kommt, dass die traditionelle transatlantische Sicherheitsarchitektur für die USA nicht mehr dieselbe strategische Priorität hat wie in der Vergangenheit. Das stellt Europa vor erhebliche geopolitische und sicherheitspolitische Herausforderungen. Gleichzeitig wachsen die Bedrohungen: China, Russland, Iran und Nordkorea würden ihre Interessen zunehmend aufeinander ausrichten und sich gegenseitig mit Technologie, Logistik und Waffen unterstützen.
Auch der Krieg der USA gegen den Iran hat unmittelbare Auswirkungen auf Europa – insbesondere auf die Energie- und Rohstoffversorgung. „Ich sehe kein rasches Ende für diese beiden Kriege“, sagte der Experte für globale Sicherheitsfragen. Von der Hoffnung, dass der russische Präsident Wladimir Putin den Ukrainekrieg freiwillig einstelle, sollte man sich verabschieden. Es gebe für ihn keinen Anreiz, den Krieg zu beenden. Ganz im Gegenteil: Ein Frieden würde unzufriedene und bewaffnete Soldaten zurück in die Heimat bringen, was das Regime destabilisieren könnte.
Wachsende Gefahr
Hodges sieht insbesondere in den zunehmenden sogenannten „hybriden Bedrohungen“ eine wachsende Gefahr für Europa, die bewusst unterhalb der Schwelle eines klassischen NATO-Bündnisfalls bzw. einer Kriegserklärung angesiedelt ist. Beispiele hierfür sind Luftraumverletzungen, Sabotagen, Cyberattacken auf kritische Infrastruktur und Ähnliches. „Man könnte sagen, dass wir uns bereits in einer Art Krieg befinden“, so Hodges. Die Strategie dieser hybriden Angriffe sei es, gezielt jene Staaten zu verunsichern, die die Ukraine unterstützen. Dazu zählt auch, das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Institutionen, Regierungen und Partner zu untergraben.

Die militärischen Fähigkeiten auszubauen, provoziert niemanden, sondern reduziert die Gefahr eines Konflikts.
Ben Hodges
Sollte die Ukraine in ihrem Abwehrkampf verlieren, warnt der ehemalige US-General vor enormen Folgen, vor allem für Europa, das sich mit zusätzlichen Millionen an Flüchtlingen konfrontiert sehen würde. Aber auch globale Lebensmittel- und Energieversorgungsketten wären bedroht. Russland könnte seine imperialistischen Ambitionen auf andere europäische Staaten und Regionen ausdehnen. „Der Beitritt Schwedens und Finnlands zur NATO war ein kräftiges Zeichen dafür, dass man die Gefahr erkannt hat“, erinnerte Hodges.
Um potenziellen russischen Bedrohungen entgegenzuwirken, müsse Europa seine Verteidigungsfähigkeit stärken. „Die militärischen Fähigkeiten und Industriekapazitäten auszubauen, provoziert niemanden, sondern reduziert die Gefahr eines Konflikts, indem man zeigt, dass man vorbereitet ist. Das braucht den politischen Willen, das zu tun, was getan werden muss“, so Hodges. Als Beispiel nennt er das eingefrorene russische Vermögen von über 200 Mrd. Euro, das anstelle von Steuergeldern zur Finanzierung der ukrainischen Verteidigung eingesetzt werden könnte. Dazu hat sich Europa nicht durchringen können.
Kooperation entscheidend
Der kombinierte Wohlstand der europäischen Staaten, die industriellen Kapazitäten, das technologische Know-how und die militärischen Fähigkeiten Europas inklusive der zwei Nuklearmächte Frankreich und Großbritannien seien beachtlich. „Die entscheidende Frage ist, ob die europäischen Länder ihre Ressourcen gegen eine gemeinsame Bedrohung bündeln können“, sagt Hodges. Für ihn sei es aber klar, dass Waffen alleine nicht genügen: „Starke gesellschaftliche Resilienz ist für eine wirksame Abschreckung und Verteidigung ebenso wichtig wie moderne Waffen und Streitkräfte. Europäische Gesellschaften müssen Desinformation Widerstand bieten. Finanzdienstleistungen, Energieerzeugung und andere Versorgungsinfrastruktur müssen über Schutzmechanismen, Redundanzen und schnelle Reparaturfähigkeiten verfügen, um trotz Angriffen und großem Druck weiter funktionieren zu können. Und: Die Menschen müssen psychisch und physisch auf die Möglichkeit eines Krieges vorbereitet sein“, betont der General. Ein großangelegter Krieg in Europa sei nicht unausweichlich – doch das Versäumnis, eine wirksame Abschreckung aufzubauen, erhöhe die Wahrscheinlichkeit.
Hannes Cizek, CEO von Raiffeisen Capital Management, betonte, dass Widerstandsfähigkeit weit über bloße Verteidigung hinausgeht: „Wir brauchen eine klare Resilienz-Strategie.“ Diese muss breit aufgestellt sein. Im Fokus stünden neben der Verteidigungsindustrie etwa sichere Telekommunikationsnetze, verlässliche Energieversorgung, widerstandsfähige Lieferketten für kritische Rohstoffe und innovative Dual-Use-Technologien. „Erst dieses Zusammenspiel macht eine Gesellschaft wehrhaft“, so Cizek. Er verwies darauf, dass diese Investitionsfelder bereits durch massive europäische Programme flankiert werden – vom „Green Deal“ und „REPowerEU“ (rund 1.000 Mrd. Euro) über „Horizon Europe“ (94 Mrd. Euro) und den „European Chips Act“ (43 Mrd. Euro) bis hin zu „ReArm Europe/Readiness 2030“ mit einem Mobilisierungsvolumen von 800 Mrd. Euro. Für private wie institutionelle Anleger entstehe damit ein strukturelles, langfristiges Investitionsthema, das weit über einen kurzfristigen Rüstungsboom hinausgehe.


Hoher Investitionsbedarf
Hier müssen auch der Kapitalmarkt und private Investoren einen Beitrag leisten, ist Cizek überzeugt. Die Europäische Investitionsbank (EIB) schätzt, dass jährlich rund 800 Mrd. Euro für die Resilienz der EU aufgebracht werden müssten – 70 bis 80 Prozent davon müssten aus privaten Quellen kommen.
Aus dieser Perspektive heraus hat Raiffeisen Capital Management im Juli den Fonds „Raiffeisen European Resilience and Security Equity“ gestartet, der auf die neue geopolitische Situation zugeschnitten ist. Rund ein Drittel des Fondsvermögens entfällt auf Verteidigungsaktien, zwei Drittel auf Unternehmen aus dem Sicherheitssektor (Security). Dazu zählen Energie- und Rohstoffsicherheit, persönliche Sicherheit sowie europäische Technologie- und Engineeringunternehmen. Das Startportfolio umfasste 75 Titel, darunter Rheinmetall, Airbus und Leonardo, und ist zu 80 Prozent auf europäische Unternehmen und zu 20 Prozent auf für Europa wichtige Partner aus anderen Regionen fokussiert. Ein Ziel des Fonds sei es, dass europäische Investments in Europa bleiben.
Die zunehmende Komplexität des Umfeldes für Investitionen in bewegten Zeiten sprach Rainer Schnabl, Vorstandsmitglied der Raiffeisen Bank International (RBI), an: „Heute ist es wesentlich komplexer, relevante Entwicklungen für Investmententscheidungen herauszuarbeiten. Es ist nicht mehr so vorhersehbar wie früher, als es bloß um typische Finanzthemen wie Zinsen, Inflation und Konjunkturentwicklung ging.“ Hier setzt das Raiffeisen Investment Forum an, um den Blick über den eigenen Tellerrand zu lenken, resümierte Schnabl.








