Sie haben vor 20 Jahren den Verein „Exilarte“, aus dem 2016 das Forschungszentrum entstanden ist, gegründet. Was zeichnet „Exilarte“ aus?
Gerold Gruber: Als Schönbergforscher hatte ich immer wieder mit Komponisten dieser Generation und somit auch mit dem Thema Exil zu tun. Die Idee war, dass wir diese verschwundene Musik – die verschwunden ist, weil die Komponisten entweder ins Exil gegangen sind oder im KZ ermordet wurden – zurück in die Konzertsäle und Opernhäuser bringen. Dass es uns 2016 gelungen ist, zum Universitätsforschungsinstitut zu werden, war sicherlich ein Meilenstein und liegt daran, dass Ulrike Sych „Exilarte“ als Spezialprojekt ihrer Rektorinnenschaft in die Musikuniversität hereingeholt hat. Dadurch wurde es uns verstärkt ermöglicht, Nachlässe zurückzuholen. Wir verwalten heute über 40 Nachlässe – jährlich werden es drei bis vier mehr. Hinzu kommen Ergänzungen, wie zum Beispiel nicht nur Noten, sondern auch Fotos und andere Dokumente zu bereits vorhandenen Beständen. Es gibt Archive, die sich diesem speziellen Thema widmen, aber nicht so, wie wir aktiv nach außen gehen. Wir sind weltweit einzigartig, weil wir sammeln, aber auch präsentieren.
„Es gibt auch kleine Nachlässe, die für uns wahnsinnig wertvoll sind, weil sie zeigen, wie der Holocaust sich weltweit ausgewirkt hat.“
Gerold Gruber
Welche Nachlässe verwahren Sie?
Gruber: Die großen Nachlässe, die wir haben, sind von Hans Gál, Erich Zeisl, Wilhelm Grosz oder Julius Bürger. Aber es gibt auch kleine Nachlässe, die für uns wahnsinnig wertvoll sind, weil sie zeigen, wie der Holocaust sich weltweit ausgewirkt hat und zwar insofern, dass diese Menschen in den Gastländern Orchester, Musikschulen oder Theater gegründet haben. In China haben Exilmusiker in der Zeit zwischen 1939 und 1945 viel bewirkt, dadurch, dass sie eine ganze Generation von Musikern unterrichtet haben, und die haben dann weitere Generationen an Studierenden unterrichtet. Das ist wie ein Schneeballeffekt.
Welche speziellen Veranstaltungen stehen im Jubiläumsjahr auf dem Spielplan?
Gruber: Wir haben Konzerte in New York und L.A. Unser erstes Konzert in Wien wird am 13. März im Musikverein mit Cornelius Obonya und dem Stargeiger Yury Revich sein, der auch eine eigene Komposition uraufführen wird. Am 23. September gibt es eine Uraufführung eines Stücks von Wilhelm Grosz aus unseren Beständen – um nur einige zu nennen. Zudem haben wir heuer eine Medienpartnerschaft mit Ö1 – da wird jeden Monat beim Klassik-Treffpunkt eine Sendung über unsere Nachlässe gemacht werden. Im April eröffnen wir eine Sonderausstellung. Die Idee war zu zeigen, welche verschiedenen Materialien wir haben und was das Objekt für uns und für den Komponisten bedeutet hat. Das kann zum Beispiel ein Schachspiel aus Theresienstadt sein, das der Komponist selbst gemalt hat, um sich im Ghetto mit den Kollegen auszutauschen, oder ein Pass, wo ein riesengroßes rotes J für Jude hineingestempelt und die Staatsbürgerschaft „Deutschland“ ausradiert worden ist.
„Uns geht es darum, dass Nachlässe nicht verschollen gehen.“
Gerold Gruber
Wie gehen Sie beim Aufspüren und Sichern von musikalischen Nachlässen vor? Warum sind diese bei Ihnen gut aufgehoben?
Gruber: Da braucht es manchmal schon so etwas wie Detektivgefühl. Uns geht es darum, dass Nachlässe nicht verschollen gehen. Das ist etwas, was man auch von Nachfahren immer wieder dezidiert hört, dass ihre Kinder oder Enkelkinder kein Interesse an diesen Sachen mehr haben und sie Sorge haben, dass sie verschwinden. Viele dieser Nachlässe sind bei Leuten, die kaum oder gar nicht Deutsch sprechen und/oder nicht Kurrentschrift und Musiknoten lesen können. Das sind Desiderata, die wir hier einsetzen können. In etwa zehn Prozent der Fälle sprechen uns die Nachfahren an. Zunächst oft gar nicht mit der Frage, ob wir den Nachlass nehmen, sondern ob wir nicht etwas aufführen können. Wir haben hier 3.000 Studierende an der Musikuni, für die und mit denen wir Konzerte machen. Viele sagen uns: ‚Jetzt haben wir so viel Beethoven, Schubert und Schumann gespielt – wir wollen mal was anderes spielen.‘ Wir erleben, dass wenn die Studierenden von der Musikuniversität weggehen, sie auch weiterhin diese Stücke spielen.
Wenn Sie in die Zukunft blicken – was haben Sie in den nächsten Jahren vor?
Gruber: Wir möchten gerne einen größeren Fokus auf Südamerika – Brasilien, Kolumbien, Argentinien – legen. Wir haben zwei Nachlässe von Theo Buchwald und von Hans Lewitus bekommen, aber das ist wahrscheinlich erst ein ganz kleiner Teil.









