Die Falken wollen keine Egoisten produzieren

Die Falken aus St. Pölten wollen in dieser Saison zum Flug in die höchste Handball-Klasse HLA ansetzen. Dabei verfolgt Obfrau Barbara Weiser einen glasklaren Flugplan, an dem auch im Misserfolgsfall nicht zu rütteln ist.

Wenn Sport doch so einfach wäre. In der vergangenen Saison waren die Falken der Sportunion St. Pölten ganz kurz davor, die Rückkehr in die Handball Liga Austria (HLA) zu schaffen. Gewinner des Grunddurchgangs der Challenge-Liga Ost, eine Sieg-Quote von sagenhaften 100 Prozent. Doch im letzten Spiel des Aufstiegs-Play-offs fehlte ein lausiges Tor, der Traum platzte buchstäblich erst in letzter Sekunde. „Also dachten wir dieses Jahr: Machen wir es doch andersherum! Starten wir etwas gemächlicher in die Saison und steigern uns hinten heraus“, sagt Obfrau Barbara Weiser mit einem Augenzwinkern. Und spielt damit auf den etwas holprigen Saisonstart an, bei dem nach drei Spieltagen zwei Niederlagen und ein Unentschieden zu Buche stehen.

Die Lust ist auf jeden Fall groß, nach elf Jahren in der zweiten Liga wieder mit den ganz großen Vögeln des heimischen Handballs am Himmel zu kreisen. Allerdings: nicht um jeden Preis! „Wir haben eine Maxime: Ein Aufstieg macht nur dann Sinn, wenn wir es aus unserer eigenen Kraft heraus schaffen.“ Was die 48-Jährige damit meint: Nur wenn es gelingt, mit Eigenbauspielern und wirtschaftlich abgesichert den Weg zu beschreiten, macht man sich wirklich zum Abheben bereit. Oder anders ausgedrückt: „Bevor ich mir Legionäre kaufe, um den kurzfristigen Erfolg nach St. Pölten zu holen, nehme ich lieber das Scheitern in Kauf.“

Vorbilder entwickeln 

Eine klare und vernunftbasierte Strategie, die von den sportlichen Kräften des Vereins mitgetragen wird. Allen voran von Damir Djukic, der als Trainer und gesamtsportlicher Leiter fungiert. Er sorgte schon vor Jahren dafür, dass der Nachwuchs im gleichen System spielt wie die erste Mannschaft. Denn so ist am ehesten gewährleistet, dass ein junger Spieler, der hochgezogen wird, weiß, was von ihm auch auf höchster Ebene verlangt wird. Und gerade diese Durchlässigkeit ist es, die die Falken als großen Trumpf in der Hand haben. „In vielen Vereinen werden Jugendspieler aufgebaut, bekommen aber nie die Chance, sich oben zu beweisen. Das wollen wir nicht. Dann nehmen wir lieber in Kauf, schlechter zu spielen.“ Auf diese Art und Weise werden Role Models produziert, die das System weiter befeuern. 

Spieler wie Valentin Tiefenbacher oder Alexander Pils kommen aus der eigenen Jugend und bilden nun das Gerüst der Kampfmannschaft. Und geben als Trainer im Nachwuchsbereich ihre Erfahrungen an die Kids weiter, die zu ihnen hinaufschauen und ihnen nacheifern wollen. Oder Nils Moser, der ein besonderer Fall im Konstrukt der Niederösterreicher ist. Er spielte seit Kindesbeinen in St. Pölten, wechselte vergangene Saison nach Linz in die HLA, wurde dort Nationalspieler – und kehrte in diesem Sommer zur Sport­union zurück. „Er hat gesagt, er ist im Herzen ein Falke und möchte hier mithelfen, unsere Ziele zu erreichen“, erzählt Weiser, die im zivilen Leben als Change- and Demand-Managerin bei der Vitrea-Gruppe im Gesundheitsbereich arbeitet. „So etwas freut und rührt uns natürlich sehr.“

Barbara Weiser im Porträt

Ein Aufstieg macht nur dann Sinn, wenn wir es aus unserer eigenen Kraft heraus schaffen.

Barbara Weiser

Nachhaltig wachsen

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, als Weiser den Posten der Obfrau übernahm. Bereits anderthalb Jahre zuvor hatte sie das Amt der Schriftführerin angenommen und begonnen, ihre Strategie bei dem 1945 gegründeten Verein zu implementieren. „Uns ging es zu Beginn finanziell nicht besonders gut, gelinde gesagt“, verrät sie. Also wurde der Klub erst einmal wirtschaftlich konsolidiert, wobei sich dabei auch ihr Mann Harald, als Kassier im Vorstand, verdient gemacht hat. Auch ein Grund, warum man sich auf keine unkalkulierbaren Abenteuer einlässt. „Wir achten bei unserem Wachstum darauf, dass er nachhaltig passiert“, sagt sie. „Oft geht es bei Vereinen, wie wir es sind, ums nackte Überleben.“ 

Was – vorsichtig formuliert – auch daran liegt, dass die Hallen-Situation ausbaufähig ist. Der Traum von einer eigenen Spielstätte erscheint unrealistisch, das Ausweichen in andere Hallen ist logistisch herausfordernd und kostet am Ende des Tages bares Geld. „Und zwar nicht nur das, was wir an Miete bezahlen. Wir können zum Beispiel kein eigenes Buffet auf die Beine stellen, womit uns in einer Saison mehrere Zehntausend Euro fehlen.“

Die Falken im Spiel gegen WAT Fünfhaus
© GEPA pictures/ Walter Luger

Solide Breite

Umso wichtiger ist es, die Spieler selbst auszubilden und an den Verein zu binden. „In den letzten zwei Jahren haben wir etwa 45 neue Jugendspieler dazugewonnen und uns in diesem Bereich verdoppelt“, sagt Weiser stolz. „Nur wenn wir eine solide Breite haben, können wir auch Leute an die Spitze bringen.“ Wobei die Mutter von vier Kindern, die selbst nie Handball gespielt hat, aber als Kunstturnerin im Leistungssport aktiv war, längst nicht nur rein sportliche Parameter im Kopf hat. „Wir erfüllen als Verein eine wichtige Aufgabe für die Gesellschaft“, betont sie. „Oft fungieren wir als Auffangbecken für Jugendliche und geben ihnen Platz und Raum, um ihre Freizeit gut und sinnvoll zu nutzen.“ Gerade in Zeiten wie diesen ein Angebot, das wichtiger denn je ist. Weiser: „Bei uns lernen sie, was Teamgefüge und Loyalität bedeutet, sie sehen, was man gemeinschaftlich alles bewirken kann. Auf diese Art tragen wir unseren Beitrag dazu bei, dass keine Egoisten produziert werden.“

Ein Ansatz, der auch bei der Raiffeisenbank Region St. Pölten auf offene Ohren stößt. „Wir unterstützen die Falken, weil Teamgeist, Schnelligkeit und Präzision nicht nur im Sport, sondern auch im Bankwesen zählen. Gemeinsam stehen wir für Verlässlichkeit, Leistung und regionale Stärke. Unsere Partnerschaft ist somit ein Gewinn für die Region und den Sport“, meinte die Geschäftsleiterin der Raiffeisenbank Region St. Pölten Ernestine Griessler bei der jüngsten Vertragsverlängerung vor einem Jahr.

Jetzt fehlt zum ganz großen Glück „nur noch“ der Aufstieg. Um ins Play-off zu kommen, muss einer der ersten vier Plätze belegt werden, dann geht es in Ausscheidungs-Spielen ums Ganze. Dass die Karten dabei komplett neu gemischt und alle bis dahin erzielten Punkte eliminiert werden, wurde den St. Pöltnern vergangenen Sommer zum tränenreichen Verhängnis. „Aber diesmal wollen wir unsere Chance nutzen“, gibt sich Weiser kämpferisch. Damit die Flughöhe der Falken diesmal bis zum letzten Wurf gehalten werden kann.

AusgabeRZ40-2026

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