Frau Wenninger, den wievielten Frühling Ihrer Karriere erleben Sie gerade?
Carina Wenninger: (lacht) Bei der Frage muss ich selbst schmunzeln. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich wieder in die Situation komme, mit Meisterschaft, Cup und Champions League in drei Bewerben zu spielen. Wobei ich 2024, als ich zur Austria wechselte, schon gesagt habe: Ich will hier Meister werden.
Und das bei einem Klub, dessen Frauen-Abteilung noch sehr jung war und vor allem titellos.
Wenninger: Ich wusste, dass die Mannschaft ein paar gute Eckpfeiler hatte und sich zudem gut verstärkt hat. Und dass auch das Team rund um das Team sehr gut passt. Dass wir aber heute Doublesieger sind … Da gehören schon auch viel harte Arbeit und etwas Glück dazu.
Wie ist es im Nachhinein gelungen, Serienmeister St. Pölten zu entthronen?
Wenninger: Da kommt viel zusammen. Lisa Makas (Anm.: Vorgängerin von Stefan Kenesei als sportliche Leiterin) hat den Grundstein gelegt. Sie hat mit Katharina Schiechtl erstmals eine namhafte Nationalspielerin zur Austria geholt, dann rund um Stefan Kenesei ein starkes Trainerteam zusammengestellt. Dort ist man seit vielen Jahren aufeinander abgestimmt, man verfolgt eine klare Idee des Fußballs. Und: Alle im Verein sind mit Herzblut dabei, jeder macht mehr, als ein normaler Job hergeben würde. Das macht viel aus.
Das Saisonfinish 2026 war an Dramatik nicht zu überbieten. Die Austria brauchte im letzten Spiel einen Punkt gegen St. Pölten, geriet nach 98 Minuten (!) in Rückstand, ehe Ihnen dann in bester Kalajdžic´-Manier noch der umjubelte Ausgleich gelang. Was macht so etwas mit einem Verein?
Wenninger: Sehr viel! In puncto Emotionalität ist so etwas ein Wahnsinn! Es zeigt uns, dass man sich keine Grenzen setzen muss, dass immer alles möglich ist. Vor allem, weil es ja unmittelbar gegen den größten Konkurrenten war. Das macht brutal viel im Kopf einer Mannschaft, pusht das Selbstvertrauen.

Sie wurden dreimal deutsche Meisterin mit dem FC Bayern, gewannen in Italien den Titel mit AS Roma. Wo rankt dieser Erfolg mit der Austria?
Wenninger: Schwer zu vergleichen, aber schon sehr weit oben. Es ist eben doch in meiner Heimat Österreich passiert, das empfinde ich als sehr speziell. Und es waren mit dem Cup-Sieg überhaupt die ersten Titel für die Austria-Frauen, wo sich die Fans schon lange nach solchen Erfolgen gesehnt haben. Generell ist es spannend, mitzuerleben, wie hier eine richtige Fankultur entstanden ist.
Der Titel war auch das Ticket für die Qualifikation zur Champions League, die souverän gemeistert wurde. Wer so viel erlebt hat wie Sie …
Wenninger: … empfindet die Champions League immer noch als etwas sehr Besonderes. Ich habe mich brutal gefreut für die Spielerinnen, die das jetzt zum ersten Mal erleben dürfen. Das sind die Spiele, für die man täglich am Trainingsplatz steht. Das in meinem Alter nochmal mitzunehmen, ist top!
Der Austria wurde die Crème de la Crème des europäischen Frauen-Fußballs zugelost, in den ersten beiden Spielen gegen Chelsea (0:1) und Inter Mailand (1:1) gab es bereits Achtungserfolge. Überrascht, dass die international unerfahrene Mannschaft so gut mithalten kann?
Wenninger: Jein. Ich wusste, dass wir defensiv schwer zu bespielen sind und hatte nicht die Sorge, dass wir richtige Klatschen kassieren würden. Dass wir aber auch in der Offensive so viel aufs Feld bringen können, hat mich überrascht. Mit etwas Glück hätten wir sogar aus London etwas mitnehmen können, da wurde Chelsea aufgrund unserer Spielweise richtig nervös.
Wie wird die Austria international wahrgenommen?
Wenninger: Wir wurden sicher unterschätzt, keine Frage. Aber dieser Bonus ist nach unseren ersten Auftritten nicht mehr da, das haben wir uns erarbeitet. Trotzdem hat sich am Anfang wohl jeder gefreut, uns zugelost bekommen zu haben.
Was ist in der Königsklasse möglich? Man muss mindestens Zwölfter (von 18 Teams) werden, um es ins Play-off zu schaffen.
Wenninger: Ein konkretes Ziel haben wir nie ausgesprochen. Aber wenn ich so in die Mannschaft reinhöre … Warum sollen wir nicht groß denken? Wir haben schon einen Punkt, und es hätte sogar etwas mehr sein können. Andere Teams nehmen sich gegenseitig Zähler weg. Aber klar ist auch: Wenn wir die Top 12 schaffen wollen, müssen wir weiter an unserer Grenze spielen und überperformen.
Ihr persönliches Highlight wird sicher das Heimspiel gegen den FC Bayern am 19. November. Sie kamen als 16-Jährige nach München und haben dort 15 Jahre gespielt.
Wenninger: Ich habe bei der Auslosung schon ordentlich mitgefiebert … (lacht) Es gibt mit Katharina Naschenweng, Barbara Dunst und Sarah Zadrazil ja auch ein paar Österreicherinnen im Bayern-Kader, für die dieses Spiel auch ganz speziell ist. Ich hatte 15 tolle Jahre in München, man bleibt ja nicht umsonst so lange bei einem Verein.
Sie waren in der Saison 22/23 an AS Roma verliehen und haben danach Ihre Karriere offiziell beendet. War es eine Option, in Deutschland zu bleiben?
Wenninger: Es gab mehrere Überlegungen. Zurück zum FC Bayern, in Rom verlängern. Aber ich hatte immer in meinem Hinterkopf, dass ich meine Karriere zu einem Zeitpunkt beenden wollte, an dem es so richtig gut läuft. Das war in dem Moment der Fall. Dazu kam, dass ich aus privaten Gründen wieder näher an meine Familie in der Steiermark rücken wollte und ich vom ÖFB ein tolles Job-Angebot bekommen habe.
Sie sollten Managerin der Frauen-Bundesliga werden.
Wenninger: Das war eine super Möglichkeit, ich wollte immer schon den Frauen-Fußball nachhaltig weiterbringen und dafür Strukturen schaffen. Ich habe aber gleichzeitig gemerkt: Der aktive Fußball juckt mich noch. Ich wollte den Job aber auf jeden Fall eine Saison lang machen, hab aber parallel versucht mitzuhelfen, bei Rapid eine Frauen-Mannschaft aufzubauen. Wobei mein Beitrag in den drei Monaten nicht so groß war. Mir hat es gefehlt, am Wochenende mit einem Team mitzufiebern, Emotionen zu investieren.

Im Sommer 2024 kam dann der für viele überraschende Wechsel zur Austria. Eine ganz heikle Geschichte …
Wenninger: Mit Rapid war immer abgesprochen, dass ich mir für den Sommer alle Optionen offenhalte. Auch wenn es dann anders nach außen kommuniziert wurde. Als es dann so kam, war der Aufschrei groß. Aber aus meiner Sicht hatte diese Geschichte einen total positiven Aspekt.
Was meinen Sie?
Wenninger: Es gab zwar einen Shitstorm, den ich aushalten musste. Aber man hat gesehen, dass so etwas den Fans nicht egal ist. Ich dachte: Cool, das ist das erste Mal, dass auch im Frauen-Fußball solch ein Transfer hohe Wellen schlägt. Auch beim jüngsten Wiener Derby (Anm.: 6:0-Sieg der Austria) hat man an den Kommentaren gemerkt, dass die Menschen richtig mitfiebern. Man ärgert sich auch über uns, wenn wir schlecht spielen. Ich finde das wichtig.
Sie sind jetzt 35, surfen auf einer Erfolgswelle, haben augenscheinlich noch viel Spaß am Fußball. Wie lange noch?
Wenninger: Gute Frage … Mein Vertrag läuft bis Saisonende, bis dahin werde ich mir Gedanken machen. Ich will einer Mannschaft helfen können, das Gefühl haben, etwas mitgeben zu können. Das ist mein Anspruch. Ob dann im Sommer Schluss ist? Keine Ahnung. Aber es wird wohl nicht mehr ewig gehen.
Sie sind 127-fache Teamspielerin. Das Frauen-Nationalteam hat sich für das Play-off im Dezember gegen die Schweiz qualifiziert, in zwei Spielen geht es um das Ticket zur WM nach Brasilien. Schaffen sie es?
Wenninger: Ich würde es mir wünschen und glaube, dass es sehr gut möglich ist. Aber: Es ist ein 50:50-Spiel, die Schweizer werden mit ganz ähnlichen Gedanken ins Spiel gehen. Beide Seiten wissen: Es ist kein leichtes, aber ein machbares Los. Das macht die Konstellation gefährlich. Die WM war jedenfalls noch nie so gut möglich wie jetzt.
Und wenn es klappt, feiert Carina Wenninger ihr Comeback im Nationalteam und fährt mit nach Brasilien.
Wenninger: (lacht) Nein, ganz sicher nicht! Ich bin sehr fein damit, nicht mehr in der Natio zu spielen. Dieser Rücktritt ist in Stein gemeißelt.








