Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran Ende Februar ist die Nervosität an den Finanzmärkten deutlich spürbar, Panik herrscht aber (noch) nicht. „Derzeit sehen alle Weichenstellungen danach aus, dass es auf einen mehrmonatigen Konflikt hinausläuft. Die Börsen sind zwar kriegserfahren, aber nicht immun“, betont Raiffeisen-Chefökonom Gunter Deuber. Man gehe in den nächsten Tagen wahrscheinlich in ein „adverses Szenario“, also in eine deutlich schlechtere Entwicklung als bisher erwartet.
Der Ölpreis habe eine ähnliche Aufwärtsdynamik wie zu Beginn des Russland-Ukraine-Krieges, auch wenn das Niveau unterschiedlich sei. Der Markt war im Vorfeld in Summe deutlich besser aufgestellt als beim Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022. Deuber zufolge war der Markt vor dem Konflikt „strukturell überversorgt“. „Wenn wir eine anhaltende Blockade bzw. Teilblockade der Straße von Hormus sehen, was wahrscheinlich ist, sehen wir den Ölpreis im zweiten Quartal bei durchschnittlich 125 US-Dollar je Fass“, so Deuber. In den Folgequartalen könnte sich dieser Durchschnittspreis auf rund 95 US-Dollar und im Schlussquartal 2026 auf unter 90 US-Dollar sogar etwas entspannen.
Schwächere Konjunktur
„Dennoch wird das eine Herausforderung für die Konjunktur“, so Deuber weiter. Der europäische Wirtschaftsaufschwung scheine für heuer abgesagt zu sein. Für Österreich dürfte das nun wahrscheinliche adverse Szenario das Wirtschaftswachstum 2026 auf 0,3 Prozent drücken. Vor dem Irankrieg wurde noch ein Zuwachs der Wirtschaftsleistung um 1 Prozent erwartet. Und auch für die gesamte Eurozone senkte Raiffeisen Research die Prognose für heuer von 1,4 auf 0,5 Prozent.
Auch die Inflationsprognose habe sich verschlechtert: Die Rate in der Eurozone dürfte sich im Jahresschnitt bei rund 3,5 Prozent einpendeln, wobei zwischenzeitlich eine monatliche Inflation von 5 bis 6 Prozent möglich sei. Ursprünglich war man noch davon ausgegangen, dass sich die Inflation im Bereich des EZB-Zielwerts von 2 Prozent bewegen wird. Für Österreich erwartet der Raiffeisenexperte eine höhere Teuerungsrate als in der Eurozone.
Zinserhöhung erwartet
Damit dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) geldpolitisch in Zugzwang kommen und die Zinsen entgegen der bisherigen Annahme schon heuer erhöhen. Deuber erwartet eine Erhöhung des EZB-Einlagezinssatzes in zwei Schritten um je 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent im zweiten Quartal. Bis zum Jahresende dürfte noch ein weiterer Schritt auf 2,75 Prozent folgen.
Auch auf dem Finanzmarkt könnte die Entwicklung noch etwas ruppiger ausfallen. Nach Ansicht Deubers preisen die Märkte derzeit nicht voll ein, dass sich bei weiterer Konfliktfortdauer das Gewinnwachstum der Unternehmen noch einmal deutlich reduzieren müsste. Solche Bewertungsrückgänge könnten neun bis zwölf Monate dauern. Zudem dürfte der europäische Finanzmarkt von den wirtschaftlichen Auswirkungen des Irankriegs im Vergleich zum US-Markt stärker betroffen sein – darauf deuten auch die bisherigen Entwicklungen. „Die Diskussion, dass wir in einen Bärenmarkt reinrutschen, ist vor allem in Europa nicht mehr so fern“, mahnt Deuber zur Vorsicht.
Blick ins Portfolio
Angesichts dieses Risikobildes ist ein Blick in das Portfolio ratsam, so Heike Arbter, Head of Raiffeisen Zertifikate bei der Raiffeisen Bank International (RBI). Die Volatilität sei „das Fieberthermometer der Märkte“. Mit einem Ausschlag von 80 Prozent war dieses in Zeiten der Corona-Pandemie „gigantisch“. Zu Beginn des Ukraine-Krieges erreichte das „Angstbarometer“ immer noch hohe 50 Prozent und zu Beginn des Irankrieges lag es mit 30 Prozent noch unter dem sogenannten „Liberation Day“ vom Vorjahr (rund 48 Prozent), an dem US-Präsident Donald Trump seine Strafzölle verkündet hatte. Insoweit seien die bisherigen Kursrückgänge „nicht dramatisch“ gewesen.
Für Anleger sieht Arbter im Wesentlichen drei mögliche Handlungsoptionen: „Market Timing“, „Buy and Hold“ oder eine gezielte Risikosteuerung. „Psychologisch ist es durchaus nachvollziehbar, jetzt aus dem Aktienmarkt auszusteigen und Kursgewinne zu realisieren, um später wieder bei günstigen Kursen in den Markt einzusteigen“, schildert die Expertin den Traum vieler Anleger. Allerdings sei die Umsetzung dieser Strategie oft „sehr, sehr komplex“ und gelinge selbst Profis nicht. So haben Analysen gezeigt, dass man fast die Hälfte der Performance verlieren könne, wenn man die zehn besten Handelstage auslasse.
In der Vergangenheit war eine „Buy-and-Hold“-Strategie durchaus erfolgreich. Seit 1965 hat der deutsche Leitindex DAX insgesamt 18 Bärenmärkte durchlaufen. Im Schnitt betrug die Kurskorrektur 35 Prozent und es dauerte 43 Monate, bis das alte Kursniveau wieder erreicht wurde. Wer aber auf „Buy and hold“ setze, müsse nicht nur einen sehr langen Anlagehorizont, sondern auch ein gutes Nervenkostüm mitbringen.
Rendite mit Schutzmechanismus
Eine Alternative für Anleger gerade in angespannten Märkten sei eine aktive Risikosteuerung mit Hilfe von Teil- und Kapitalschutzzertifikaten. „Aktienmärkte müssen nicht steigen, um Rendite zu schaffen. Das ist eines der Argumente, warum Zertifikate gerade in solchen Marktphasen einem Direktinvestment überlegen sein können“, so Arbter. Die eingebauten Schutzmechanismen helfen, mit Unsicherheit umzugehen – nicht nur mit der persönlich gefühlten, sondern auch mit der faktischen. Mit diesen Produkten können Anleger auch bei seitwärts laufenden oder moderat fallenden Aktienmärkten Renditen deutlich über der zu erwartenden Inflationsrate erzielen.
Seit dem Jahr 2010 hat Raiffeisen die Bonus-&-Sicherheit-Zertifikate am Markt. Die Serie umfasse mehr als 260 Produkte. Davon seien 131 Zertifikate bereits erfolgreich getilgt. Es gab nur eine Barriereverletzung, was zu einem Kapitalverlust geführt hatte. Die durchschnittliche jährliche Performance der Produkte lag mit 4,38 Prozent etwas über der Performance des Euro Stoxx 50 (4,15 Prozent). Am Sekundärmarkt notieren noch insgesamt 135 Zertifikate mit einem Volumen von 1,08 Mrd. Euro, wobei keines bisher die Barriere verletzte.








