Talent + Mindset = Top-Athlet

Die Judounion Klosterneuburg wurde in diesem Jahr erstmals als bester Nachwuchsverein Österreichs ausgezeichnet. Hinter der Erfolgs-Gleichung stecken unbändiger Einsatz und die außerordentlichen Fähigkeiten einer Kämpferin wie Helene Schrattenholzer, die als erste Athletin den „National Slam“ abräumte.

Nachwuchstalent Helene Schrattenholzer (r.) bei den Österreichischen Meisterschaften. Sie hat bis jetzt bereits acht Meistertitel gewonnen.
Nachwuchstalent Helene Schrattenholzer (r.) bei den Österreichischen Meisterschaften. Sie hat bis jetzt bereits acht Meistertitel gewonnen. © GEPA pictures/Mathias Mandl

Wenn Robert Haas, Obmann der Judounion Klosterneuburg, das zu Ende gehende Jahr 2023 Revue passieren lässt, muss er aufpassen, dass die Emotionen nicht zu sehr mit ihm durchgehen. Zu groß die Erfolge, zu stark die Eindrücke seiner Athleten, als dass man das nur mit einem Achselzucken kommentieren könnte. „Dieses Jahr verlief sensationell und wird in Zukunft schwer zu toppen sein“, schwärmt der 56-Jährige. „Allein, dass wir vom Verband erstmals zum besten Nachwuchsverein Österreichs gekürt wurden, zeigt, wie sehr wir uns in den letzten Jahren entwickelt haben. Das ist beim besten Willen keine Kleinigkeit.“

Die einzelnen Erfolge können sich dabei absolut sehen lassen. Acht nationale Meister­titel wurden heuer eingeheimst, dabei hätten es durchaus noch mehr sein können. „Aber das ist so, wie wenn man im Spital liegt“, bemüht Haas einen Vergleich. „Man bekommt Besuch, mit dem man nicht gerechnet hat, dafür wartet man vergeblich auf Menschen, die man fix eingeplant hat. So war es auch mit den Meisterschafts-Medaillen.“

Vorzeigetalent

Wer ganz und gar nicht ausgelassen hat, war Helene Schrattenholzer. Die 16-Jährige ist so etwas wie das sportliche Aushängeschild, auf das man sich stets verlassen kann. Auf nationaler Ebene gelang ihr das Kunststück, als erste Athletin überhaupt den sogenannten „National Slam“ abzuräumen. Bedeutet: Sie hat den Titel in der U18, U21, U23 und in der allgemeinen Klasse (sprich im Erwachsenenbereich) zu gewinnen. Eine famose Leistung. „Dabei ist es ihr gelungen, mit Maria Höllwart eine Frau zu schlagen, die Österreich sogar bei der EM vertreten hat. Das ist schon der Wahnsinn“, freut sich Haas.

Das fast noch größere Husarenstück gelang Schrattenholz aber bei den Youth Olympic Games im slowenischen Maribor, wo sie die Gold-Medaille in der Kategorie +70 Kilogramm einheimste. „Ich kann gar nicht beschreiben, was mir da gelungen ist. Das Finale war unglaublich anstrengend – aber ich habe immer an den Sieg geglaubt“, sagt das Mädchen, das die Judounion Klosterneuburg auch bei der EM und WM in diesem Jahr vertrat, selbst zu ihrem Erfolg.

Was Erfolg ausmacht

Was aber macht die junge Kämpferin zu einer so außergewöhnlichen Athletin? Auch hier hat Haas eine klare Ansage: „Das Mindset! Sie ist vif, intelligent, strebsam, zielorientiert, ehrgeizig. Wenn dann noch das Talent dazukommt, macht das eine erfolgreiche Spitzensportlerin aus.“

Eigenschaften, die auch auf Helenes männliches Pendant zutreffen, den 20-jährigen Phillip Aust. Er holte den österreichischen Meistertitel bis 73 Kilogramm, hat aber vor allem auf internationalen Matten noch Entwicklungspotenzial. „Im Vergleich zu gleichaltrigen Athleten aus Georgien oder Aserbaidschan ist er noch so etwas wie ein Burzi“, erklärt Haas. „Man darf ja eines nicht vergessen: Judo ist schon auch ein brutaler Kampfsport, du stehst Auge in Auge mit einem Gegner, der dich umhauen will. Da benötigt man schon auch eine mentale Härte, um erfolgreich zu sein.“

Seit Haas zum Jahreswechsel 2009/10 den Verein übernommen hat, ist er bemüht, erfolgsorientiert zu agieren. Halbe Sachen zu machen, entspricht nicht seinem Ansatz, für ihn gilt: ganz oder gar nicht. „Das hat nicht jedem im Verein getaugt“, gibt er zu. Doch Erfolg und Anerkennung geben dem selbstständigen Imker recht, immerhin ist die Judounion seit 2013 immer zum besten Nachwuchsverein Niederösterreichs ausgezeichnet worden. „Dazu kommt, dass wir unsere Mitgliederzahlen in den letzten zehn Jahren vervierfacht haben. Aktuell trainieren etwa 180 Kinder bei uns, wir haben vier Trainer engagiert.“ Einer davon ist Robert Haas selbst, doch das ist längst nicht alles, was unter seine Aufgaben als Obmann fällt. Zu Turnieren fahren, Trainingscamps organisieren, Festlichkeiten ausrichten – all das benötigt viel Zeit und Aufwand.

Judo als Lebensschule

„Ich fürchte, ich gehöre zu einer aussterbenden Gattung“, sagt er. „Aber mir macht es Spaß, mich zu engagieren. Nur wenn Leute Gas geben, mehr tun als reden, kann etwas entstehen. Wobei da auch meine eigene Geschichte ins Spiel kommt, wie mir als Kind Judo geholfen hat.“ Eine Anspielung darauf, dass er selbst ein „wilder Bursche“ war, dem das Raufen nach klar definierten Regeln geholfen hat, seine Energie zu kanalisieren. „Viele Kinder, die zu uns kommen, sind nicht wegen Judo hier. Die werden von den Schulen geschickt, weil sie mit ihrem Körper Schwierigkeiten haben oder mit der Disziplin nicht zurechtkommen. Da ist Judo eine ganz hervorragende Lebensschule.“

Starke Partnerschaft

Ein Ansatz, mit dem man sich auch bei der Raiffeisenbank Klosterneuburg identifizieren kann. Seit mehr als zehn Jahren gibt es eine Kooperation, die noch einmal vertieft wurde, da die Judounion auch als nachhaltigster Verein Österreichs ausgezeichnet wurde. Neben vielen umweltbewussten Aktivitäten wie weitergegebenes Klub-Gewand oder wiederverwertbare Becher trug auch die Tatsache, dass man in der alten Bezirkshauptmannschaft Klosterneuburg trainiert, zu dem Award bei. „Das Gebäude stand einige Jahre leer, wir haben es revitalisiert und trainieren seit 2022 dort im ehemaligen Speisesaal.“ Eine Win-win-Situation, zumal der Klub bis dahin keine eigene Heimstätte hatte, sondern seine Trainingseinheiten in verschiedenen Schulen absolvierte.

Nun geht es darum, die erreichten Erfolge auch in Zukunft zu bestätigen und weiterhin eine gefragte Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche zu sein. Dass Judo dabei von manchen als kleine Randsportart abqualifiziert wird, kostet Haas nur ein müdes Lächeln. „Weltweit gesehen ist es eine der am meisten praktizierten Sportarten. Und in nur ganz wenigen olympischen Sommersportarten war Österreich erfolgreicher als beim Judo“, spielt er darauf an, dass in der japanischen Kunst der Selbstverteidigung bereits sieben Medaillen eingeheimst wurden.

Entwickeln sich die Athleten aus Klosterneuburg weiter so stark, könnte aus dieser Talentschmiede bald jemand dazukommen.