Krypto-Assets sind längst in der Bankenwelt angekommen. So beschäftigt man sich bei der Raiffeisen Bank International (RBI) bereits seit 2018 intensiv mit digitalen Transformationsprozessen, Künstlicher Intelligenz, Blockchain-Technologien und neuen digital unterstützten Geschäftsmodellen.
Zusätzlichen Schub hat den Entwicklungen die Ende 2024 vollständig in Kraft getretene europäische Verordnung über Märkte für Kryptowährungen (MiCAR) verliehen. Erstmals wurde damit ein einheitliches Regelwerk für Kryptowerte sowie deren Emittenten und Dienstleister geschaffen. Unternehmen benötigen nun nur noch eine einzige Zulassung, um ihre Dienstleistungen im gesamten EU-Binnenmarkt anbieten zu können. Ziel des harmonisierten Regulierungsrahmens ist es, Innovation zu fördern und gleichzeitig Finanzstabilität sowie Anlegerschutz zu gewährleisten.
Auch Österreich entwickelt sich in diesem Umfeld zu einem wichtigen Standort. Die heimischen Aufsichtsbehörden haben mittlerweile acht MiCAR-Lizenzen erteilt, womit das Land EU-weit über eines der fortgeschrittensten regulierten Krypto-Ökosysteme verfügt. Damit siedeln sich zunehmend auch spezialisierte Dienstleister wie Rechtsberater, Steuerexperten und Technologieunternehmen an. „MiCAR zeigt: Regulierung kann Innovation fördern. Erstmals bringt ein neues Regelwerk neue Unternehmen an den Standort Österreich“, sagt Martin Hanzl, Head of New Tech bei EY Law, im Rahmen eines Hintergrundgesprächs.
Europäische Initiative
Die neuen regulatorischen Rahmenbedingungen sind aber auch für traditionelle Banken ein Booster, um jetzt in den Bereichen digitale Währungen und Vermögenswerte die Initiative zu ergreifen. Dabei spielen vor allem sogenannte Stablecoins eine zentrale Rolle: Eine Kryptowährung, die durch hochliquide Mittel in einer Fiat-Währung im Verhältnis 1:1 gedeckt ist und dadurch einen sicheren, digitalen Wert darstellt. Sie dienen vor allem als Zahlungsmittel im digitalen Finanzsystem, etwa für grenzüberschreitende Transaktionen oder die Abwicklung tokenisierter Vermögenswerte.
Die globale Marktkapitalisierung von Stablecoins liegt derzeit bei rund 300 Mrd. US-Dollar, das jährliche Transaktionsvolumen geht bereits in die Billionen. Allerdings wird der Markt bislang klar von US-Dollar-basierten Stablecoins dominiert. Der Anteil Eurobasierter Stablecoins liegt noch unter einem Prozent.
Vor diesem Hintergrund arbeitet Qivalis, ein Konsortium europäischer Banken, am Aufbau einer eigenen Infrastruktur für einen Euro-Stablecoin. Die RBI ist dabei das einzige österreichische Gründungsmitglied. Ziel ist es, einen stabilen, Euro-denominierten Stablecoin zu entwickeln, der für Finanztransaktionen und Anwendungen im Bereich tokenisierter Vermögenswerte eingesetzt werden kann. Der Start ist für die zweite Hälfte des Jahres 2026 vorgesehen, wie Qivalis-CEO Jan Oliver Sell berichtet.
Aus Sicht der beteiligten Banken geht es dabei nicht nur um neue Geschäftsmodelle, sondern auch um die digitale Souveränität Europas, da der Markt für digitale Finanzinfrastruktur derzeit stark von US-Unternehmen geprägt wird, während europäische Lösungen noch in der Entwicklung sind.
Neue Möglichkeiten
Neben Stablecoins gewinnt auch die Tokenisierung klassischer Vermögenswerte für die RBI an Bedeutung. Dabei werden etwa Anleihen, Zertifikate oder andere Finanzinstrumente als digitale Token auf einer Blockchain abgebildet. Je nach Ausgestaltung kann es sich dann um MiCAR-regulierte Kryptowerte oder um klassische Finanzinstrumente handeln, die beispielsweise MiFID II unterliegen.
Neben Krypto-Assets beschäftigt sich die RBI mit verschiedenen technologischen Entwicklungen, die den Finanzsektor künftig prägen könnten – darunter Künstliche Intelligenz, digitale Identitäten, Open-Data-Infrastrukturen und langfristig auch Quantencomputing. Die Bank verfolgt dabei eine sogenannte „Smart-Follower“-Strategie: Neue Technologien werden früh analysiert und getestet, der Einsatz erfolgt jedoch erst dann, wenn sowohl ein klarer Kundennutzen als auch ein stabiler regulatorischer Rahmen gegeben sind, wie Christian Wolf, Head of Strategic Partnerships & Ecosystems der RBI, erklärt.








