Die Hauptversammlung der Raiffeisen Bank International (RBI) wurde auch heuer von den Folgen des Ukraine-Krieges dominiert. „Die RBI ist in die Mühlen der Geopolitik geraten. Das hat auch das Geschäftsjahr 2024 enorm beeinflusst“, erklärte Aufsichtsratspräsident Erwin Hameseder.
In diesem herausfordernden Umfeld konnte der Kernkonzern der RBI, also ohne Russland und Belarus, im Vorjahr dennoch „ein stabiles und solides Ergebnis“ in Höhe von 975 Mio. Euro erzielen. Darin verdaute die Bankengruppe „massive ergebnisreduzierende Sondereffekte“ aus Belarus, Russland und auch Polen. Für das Geschäftsjahr 2024 schüttet die Bank eine Dividende von 1,10 Euro je Aktie bzw. insgesamt 362 Mio. Euro an ihre Aktionäre aus.
Eigener Compliance-Ausschuss
„Die mediale Aufmerksamkeit der letzten Jahre war auf die Präsenz der RBI in Russland gerichtet. Um aufsehenerregender Schlagzeilen willen wurde in der Vergangenheit und auch jüngst auf Themen ohne sachlichen Grund eingegangen“, kritisierte Hameseder und stellte klar: „Ich kann Ihnen versichern: Die RBI hat ein starkes Compliance-Framework und hält sich strikt an die Regularien und Sanktionsbestimmungen.“ Künftig wird sich der Aufsichtsrat noch intensiver mit diesem Thema in einem eigenen Compliance-Ausschuss beschäftigen. „Dieser soll die optimale Positionierung der RBI-Compliance für zukünftige Herausforderungen überwachen und auch unterstützen“, erläuterte Hameseder.
Die Entflechtung von Russland innerhalb des RBI-Konzerns schreitet unterdessen weiter voran. Im Vorjahr wurde das Russlandgeschäft unter Berücksichtigung der Vorgaben der Europäischen Zentralbank (EZB) weiter massiv reduziert, betonte der Aufsichtsratspräsident. So sei es unter anderem gelungen, die IT der russischen Tochterbank von jener der RBI zu trennen. „Was nicht richtig ist, ist der Eindruck, dass wir nichts tun würden“, betonte CEO Johann Strobl. Die RBI tue, was in ihrer Hand sei. So werden in Russland keine Kredite vergeben, keine Termin- und Spareinlagen entgegengenommen und auch keine Zinsen für Kontoguthaben bezahlt. Zudem wurde auch der Auslandszahlungsverkehr extrem eingeschränkt. Wie enorm der Rückbau des Russlandgeschäfts ist, verdeutlichte Strobl anhand des Kreditportfolios: Ende Juni 2022, also im Quartal nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges, hatte die russische RBI-Tochter umgerechnet rund 13,7 Mrd. Euro an Forderungen gegen Kunden, Ende 2024 wurden diese auf 4,2 Mrd. Euro reduziert.
Seit dem Sommer 2024 droht der RBI allerdings weiteres Ungemach in Russland, wo die von der EU sanktionierte russische Strabag-Aktionärin Rasperia ein Gerichtsverfahren gegen die Strabag-Kernaktionäre anstrengte, das erstinstanzlich verloren wurde. „Rasperia hat – und das ist für uns nicht nachvollziehbar – auch die Raiffeisenbank Russland in dieses Verfahren miteinbezogen, mit der Argumentation, dass sie Schadenersatz von der Strabag und den Kernaktionären haben möchte“, schildert Strobl. Dabei wurde eine Verbindung zwischen der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien als Strabag-Kernaktionär und der Raiffeisenbank Russland hergestellt. Der verlorene erstinstanzliche Prozess hatte für die RBI eine Rückstellung von 840 Mio. Euro zur Folge. Das Urteil wird in Russland bekämpft. Sollte die RBI den Rechtsstreit in Russland verlieren, will sich die Bank an den Rasperia-Assets in Österreich – den Strabag-Aktien und den daraus eingefrorenen Dividenden – so weit wie möglich schadlos halten.
„Sehr, sehr intensives Jahr“
Für Strobl war das gesamte Geschäftsjahr 2024 „ein sehr, sehr intensives“. Neben den Herausforderungen in Russland belasteten auch gerichtliche Urteile zu Fremdwährungskrediten in Polen das RBI-Ergebnis im Vorjahr. Zuletzt wurden diese Kreditverhältnisse von den polnischen Gerichten fast ausschließlich für nichtig erklärt. Das habe zur Folge, dass die Kunden die Kreditsumme ohne Zinsen zurückzahlen und das Fremdwährungsrisiko bei der Bank bleibt, was die hohen Rückstellungen erkläre, so Strobl. Für 2024 wurden dafür knapp 650 Mio. Euro zurückgestellt. Und auch der Verkauf der belarussischen Tochter Priorbank beeinflusste das RBI-Ergebnis 2024 mit rund 824 Mio. Euro negativ. „Der Rückzug aus Belarus ist ein Abschied mit Wehmut. Die Priorbank war über 20 Jahre lang ein Teil des RBI-Konzerns“, strich Aufsichtsratspräsident Hameseder hervor. In dieser Zeit habe die Tochterbank rund 270 Mio. Euro an Dividendenzahlungen geleistet.
Solide Kernerträge
Trotz dieser Herausforderungen sehen sowohl Hameseder als auch Strobl die RBI in ihren Kernmärkten weiterhin gut aufgestellt. Die Kernerträge seien dort trotz sinkender Zinsen in vielen Märkten stabil geblieben, in einigen wie der Slowakei, Serbien und Rumänien sogar deutlich gewachsen. „Das Banknetzwerk in Zentral- und Südosteuropa ist ein wertvoller Wettbewerbsvorteil“, sagte Hameseder mit Blick auf das prognostizierte Wirtschaftswachstum von 2 bis 3 Prozent für die Region. Die RBI sei eine ertragsstarke Bank in guten Märkten mit sehr viel Potenzial – noch belastet durch die Herausforderungen bei den Fremdwährungskrediten in Polen, aber mit soliden Aussichten, ergänzte CEO Strobl. Für 2025 erwartet die RBI-Führung im Kernkonzern ohne Russland einen Zinsüberschuss von etwas über 4 Mrd. Euro. Der Provisionsüberschuss dürfte nicht ganz 2 Mrd. Euro erreichen, während die Verwaltungsaufwendungen bei 3,5 Mrd. Euro zum Liegen kommen sollten. Und mit einer harten Kernkapitalquote von rund 15 Prozent sollte auch ein Kreditwachstum von 6 bis 7 Prozent möglich werden.
Höhere Bankenabgabe ist „Willkür“
Wenig Freude hat Aufsichtsratspräsident Hameseder mit der Erhöhung der Bankenabgabe in Österreich, die die RBI heuer zusätzlich rund 50 Mio. Euro kosten werde. Damit könne die RBI bis zu 1 Mrd. Euro weniger an Krediten vergeben. „Das ist nicht nur eine willkürliche Maßnahme, sondern auch eine Wachstumsbremse, zumal die Handlungsspielräume der Banken bereits durch hohe regulatorische Kapitalvorschriften eingeschränkt sind“, kritisierte Hameseder den Schritt. Die Wirtschaft brauche positive Impulse für Investitionen und Finanzierungen. Die drastische Erhöhung der Bankenabgabe werde eine Rückkehr des Wachstums in Österreich weiter beeinträchtigen und eventuell verzögern, warnt der Aufsichtspräsident, der gemeinsam mit Heinz Konrad, Generaldirektor des Raiffeisenverbandes Salzburg, in den Aufsichtsrat wiedergewählt wurde.
Darüber hinaus wurden Reinhard Schwendtbauer, designierter Vorstandsvorsitzender der RLB OÖ, und Christof Splechtna, Vorstand der RLB Tirol, neu in das Kontrollgremium gewählt. Mit dem Tag der Hauptversammlung schieden RLB-OÖ-Vorstandsvorsitzender Heinrich Schaller und RLB-Tirol-Vorstandsvorsitzender Reinhard Mayr aus dem Kontrollgremium aus.