Tourismus: Wachstum mit Nebenwirkungen

Die Sommersaison ist in Österreich mit einem deutlichen Nächtigungsplus angelaufen. Doch hinter dem Boom bei den Gästezahlen stecken einige Herausforderungen: Die Betriebe setzen zwar um einiges mehr um, real bleibt von der Wertschöpfung aber weniger übrig.

Österreichs Tourismus steuert nach dem Vorjahr erneut auf einen Rekordsommer bei den Nächtigungen zu. Doch hinter den steigenden Gästezahlen zeigt sich ein insgesamt herausforderndes Bild: Die Betriebe setzen zwar mehr um, verdienen real aber weniger. Vorläufigen Zahlen zufolge wurden in den ersten drei Monaten der laufenden Sommer­saison (Mai bis Juli) insgesamt 41,87 Millionen Nächtigungen gemeldet, ein Plus von 3,2 Prozent im Jahresvergleich.

Getrieben wurde der Zuwachs von den ausländischen Touristen mit einem Plus von 4,5 Prozent auf 29,83 Millionen Nächtigungen, während die inländischen Gäste mit 12,05 Millionen Nächtigungen (plus 0,1 Prozent) relativ stabil blieben. Von Jänner bis Juli 2026 wurden insgesamt 96,46 Millionen Nächtigungen in Österreich registriert, ein Anstieg von 1,8 Prozent im Jahresvergleich, zeigen die jüngsten Zahlen der Statistik Austria.

Im Bundesländervergleich haben die Tourismushochburgen Tirol und Salzburg mit 11,18 Mio. bzw. 7,53 Mio. Nächtigungen die Nase vorne, gefolgt von Wien (5,54 Mio.), Kärnten (5,01 Mio.) und der Steiermark (3,97 Mio.). Die höchste Zuwachsrate verzeichnete allerdings die Bundeshauptstadt mit 5,1 Prozent, gefolgt von Vorarlberg (4,5 Prozent), Salzburg (3,9 Prozent), Kärnten (3,4 Prozent) und Tirol (3,3 Prozent).

Quelle: Statistik Austria, RBI/Raiffeisen Research

Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner sieht in der Gesamtentwicklung ein starkes Signal für den Standort: „Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll, wie attraktiv Österreich als Urlaubsland ist. Trotz großer Hitze und herausfordernder Rahmenbedingungen entscheiden sich mehr Gäste für Urlaub in Österreich.“ Das spreche für die Qualität der Betriebe, die Vielfalt des Angebots und die Attraktivität der Regionen.

Aktuelle Umfragen zeigen, dass 78 Prozent der Betriebe mit dem bisherigen Verlauf der Sommersaison zufrieden seien, betonte Susanne Kraus-Winkler, Obfrau der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich, im Gespräch mit der Raiffeisenzeitung. „Wir sehen, dass immer mehr Gäste aus unseren Nachbarländern, etwa aus Tschechien, aus der Slowakei, aber auch aus Polen, zu uns kommen – nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer“, erklärte die Interessenvertreterin.

Im Juli waren die Deutschen mit einem Zuwachs von 4,8 Prozent auf 7,18 Mio. Nächtigungen traditionell die wichtigste Gästegruppe aus dem Ausland. Dahinter folgten die Niederländer (+11,5 Prozent auf 1,53 Mio.), die Tschechen (+21,8 Prozent auf 0,74 Mio.) sowie die Schweizer und Liechtensteiner (+3,5 Prozent auf 0,60 Mio.).

„Wir sehen, dass immer mehr Gäste aus unseren Nachbarländern zu uns kommen.“

Susanne Kraus-Winkler

Überrascht wurden die heimischen Touristiker heuer von den massiven Folgen des Klimawandels in Form außergewöhnlicher Hitzeperioden. „Wir dachten, dass wir als „Coolcation“-Destination (Sommerurlaub an kühlen Orten, Anm.) einen Wettbewerbsvorteil haben und so den Folgen des Klimawandels etwas entfliehen können. Wir haben nicht damit gerechnet, dass bei uns solche Extreme wie die Hitzewellen in diesem Sommer so schnell passieren werden“, sagte Kraus-Winkler. Der Klimawandel sei eine weltweite Herausforderung. Österreich habe da in den vergangenen Jahren schon sehr viele Maßnahmen gesetzt. Man müsse an diesem Thema weiterarbeiten. „Die Betriebe sind dafür viel offener als noch vor einigen Jahren“, strich die Spartenobfrau hervor.

Balance im Geschäftsmodell

Trotz der steigenden Nächtigungszahlen in der Sommersaison – bereits 2025 war ein Rekordjahr – steht die Branche laut Kraus-Winkler vor einer grundsätzlichen Frage: Wie lässt sich Wachstum künftig noch profitabel organisieren? Trotz höherer Umsätze werde weniger Wertschöpfung erzielt. Im Kern gehe es um die Profitabilität der Betriebe, die aufgrund steigender Kosten etwa bei den Löhnen und im Energiebereich unterm Strich weniger Gewinn machen. Vor allem die Hotellerie sei investitionsintensiv. „Man muss bis zum letzten Teller alles haben, um überhaupt einen Euro einzunehmen“, weiß Kraus-Winkler.

Große Anfangsinvestitionen, starke Erhaltungsinvestitionen und laufende Innovationsinvestitionen seien notwendig, um am Markt wettbewerbsfähig zu sein. „Wenn das Verhältnis von gestiegenen Preisen zur Produktivität die Balance verliert, dann fressen die Kosten immer mehr von der betrieblichen Wertschöpfung auf und es bleibt zu wenig, um die Investitionen weiter aufrechtzuerhalten oder laufende Kredite zu finanzieren“, betont die Tourismusexpertin. In Zukunft werde es daher ganz stark vom Geschäftsmodell abhängen, ob man diese Balance noch schaffen kann.

Sommerliches Plus soll halten

Für die laufende Sommersaison zeigt sich die Tourismusexpertin unter der Voraussetzung, dass die geopolitischen Konflikte nicht weiter eskalieren, grundsätzlich positiv: „Ich glaube, dass das Plus in der Sommersaison halten dürfte. Österreich steht für Sicherheit und Stabilität. Mit einem soliden Qualitätsangebot, gutem Marketing und unserem Image werden wir einen soliden Sommer zusammenbringen.“

Österreich punktet bei den Gästen vor allem mit Natur, Bergen, Wasser, Wandern und Städten – je nach Markt ergänzt durch Kulinarik, Wellness oder Tradition, zeigt die Sommerpotenzialstudie 2026 der Österreich Werbung. Kultur und Musik spielen eine wichtige Rolle: Für ein Drittel des Österreich-Potenzials sind sie ein Mehrwert, für 16 Prozent ein eigenständiger Reiseanlass. Der Eurovision Song Contest, der heuer in Wien stattfand, habe diesen Effekt verstärkt und das Interesse an Österreich bei Millionen Menschen neu geweckt bzw. erneuert, hieß es weiter.

Die Untersuchung geht von einer stabilen bis wachsenden Nachfrage aus, die sich jedoch stärker in Richtung flexibler Reisezeiten und zusätzlicher Neben- oder Zweiturlaube verschiebt. Die Entwicklung der Aufenthaltsdauer variiere von Land zu Land. Gleichzeitig eröffnen sich Chancen durch die steigende Bedeutung der Vor- und Nachsaison sowie durch das wachsende Interesse an weniger bekannten Regionen. Österreich könne sich dadurch zunehmend als Ganzjahresdestination positionieren.

Mehr Umsatz, weniger Wertschöpfung

Der Blick auf die vergangenen Jahre zeigt allerdings die Kehrseite des Nächtigungsbooms. „Die nominalen Umsätze sind in den letzten Jahren durch die Decke gegangen. Da haben wir seit Corona ein Plus von ungefähr 50 Prozent in der nominalen Wertschöpfung in der Hotellerie und Gastronomie verzeichnet. Das ist zwar sehr viel, aber wenn man die Inflation und die ganzen Kosten abzieht, dann fällt die reale Wertschöpfung immer noch um über 10 Prozent geringer aus als vor der Corona-Pandemie“, sagt Matthias Reith, Senior-Ökonom bei Raiffeisen Research.

Dort, wo der Tourismus eine hohe Bedeutung hat, sei das Minus verglichen mit der Vor-Corona-Zeit geringer ausgefallen als in anderen Bundesländern. Ein Grund dafür sei neben der Kostenbelastung, dass die Vorleistungsquote in der Branche in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe und mehr Dienstleistungen als früher eingekauft werden, etwa bei der Reinigung. Damit fehle diese Wertschöpfung in der Abschlussrechnung der Tourismusbranche.

„Die nominalen Umsätze sind durch die Decke gegangen, die reale Wertschöpfung ist geringer als vor Corona.“

Matthias Reith

2026 dürften die Nächtigungszahlen zwar weiter steigen, in realer Rechnung dürfte es aber kaum eine Aufwärtsbewegung geben. „Das lastet auf der Profitabilität und engt den Spielraum ein, um Investitionen zu tätigen“, so Reith, der seit einiger Zeit eine Entkoppelung der Nächtigungen von der Wertschöpfung beobachtet. Dies sei kein europäisches Phänomen, sondern ein österreichisches Problem. In der Hochinflationsphase habe Österreich angesichts hoher Lohnabschlüsse insbesondere im Dienstleistungsbereich an Wettbewerbsfähigkeit spürbar eingebüßt. Vor gut zehn Jahren war die Arbeitsstunde im Dienstleistungsbereich – dazu zählen auch die Hotellerie und Gastronomie – um 9 Prozent höher als im EU-Schnitt, jetzt sind es gut 27 Prozent.

Krisengewinner Österreich?

Reith zufolge könnte Österreich mit seinem Image als sichere Destination dennoch ein Krisengewinner im Tourismus sein. Das Wegbrechen gewisser Gästegruppen, etwa aus dem arabischen Raum oder aus Israel, vergleicht Reith mit dem Investment in einen Aktienindex: „Einzelne Titel können dabei durchaus schwächeln, häufig wird das aber durch die Performance anderer Aktien ausgeglichen oder sogar überkompensiert.“ Bei der Wiederherstellung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit rät der Raiffeisen-Experte den Betrieben „zur Flucht nach vorne“ und zu einer längeren Zurückhaltung bei Lohnrunden: Österreich brauche nun einige Jahre, „in denen die Inflation nicht die Untergrenze, sondern die Obergrenze in den Lohnverhandlungen ist.“

Quelle: RBI/Raiffeisen Research

Seit Dezember wurden die Kollektivverträge im Schnitt einen halben Prozentpunkt unter der Inflation abgeschlossen. Da sei der vor kurzem erfolgte Abschluss für die rund 250.000 Beschäftigten in der heimischen Hotellerie und Gastronomie mit einem Plus von 3,02 Prozent und damit über der aktuellen Inflation nicht das richtige Signal.

Insgesamt betonte Reith, dass der Tourismus in der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Österreichs eine geringere Bedeutung habe, als oft vermutet wird. „Man könnte meinen, dass das Wohl der österreichischen Konjunktur von der Schneelage von Jänner bis April abhängt, aber so ist es nicht“, erklärte der Ökonom. Laut den Zahlen aus dem Jahr 2024 standen die Hotellerie und Gastronomie damals für 4,2 Prozent der gesamten Wertschöpfung. Zum Vergleich: Die Industrie erreichte 17 Prozent. Reith zufolge wird in einer Stunde in der Industrie eine Wertschöpfung von 64 Euro generiert. In den gesamten konsumnahen Dienstleistungen – dazu zählen auch die Hotellerie und Gastronomie – ist es gerade einmal die Hälfte.

Zukunftsbild

Für die Zukunft setzt Österreich mit seiner neuen Strategie „Vision T“ auf eine Weiterentwicklung und ein nachhaltiges Wachstum der heimischen Tourismuswirtschaft bis zum Jahr 2035. Ziel ist es unter anderem, die reale Wertschöpfung der Branche um mindestens 10 Prozent auf über 25 Mrd. Euro zu steigern. Gleichzeitig soll die Eigenkapitalquote der Qualitätshotellerie von aktuell unter 18 Prozent auf 20 Prozent steigen.

Fortschritte will man auch bei der Glättung saisonaler Spitzen erreichen. Diese lassen sich am Anteil jener Gästenächtigungen ablesen, die nicht auf die vier Hauptsaisonmonate Jänner, Februar, Juli und August entfallen. Im Jahr 2025 wurden in den acht Nebensaisonmonaten 53,5 Prozent der Nächtigungen gezählt. Bis 2035 soll ein Anteil von 60 Prozent überschritten werden.

AusgabeRZ35-2026

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