Uta Kogler-Maier: „KI ist Chance und Risiko zugleich“

Seit Juni 2026 verantwortet Uta Kogler-Maier unter anderem das Risikomanagement in der Raiffeisen Landesbank Kärnten. Sie erklärt, welche Herausforderungen auf sie warten und welche Rolle die Künstliche Intelligenz (KI) spielt.

Frau Kogler-Maier, Sie sind seit Juni Risikovorständin der Raiffeisen Landesbank (RLB) Kärnten. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt?
Uta Kogler-Maier: Das Risikomanagement hat mich schon immer interessiert, es sind aber auch neue spannende Themen wie der Finanzbereich, das Marktservice sowie Compliance und Recht dazugekommen. Ich bin seit über 27 Jahren in der Landesbank tätig und kenne die handelnden Personen und den Raiffeisensektor sehr gut. Mich hat an der Aufgabe vor allem die Möglichkeit gereizt, für zentrale Steuerungs- und Zukunftsthemen der Bank nun auf Vorstandsebene Verantwortung zu übernehmen. Je höher man in der Hierarchie kommt, desto mehr Gestaltungsmöglichkeiten hat man.

Sie sind die erste Frau im Vorstand der RLB Kärnten. Was hat sich für Frauen in der Finanzbranche in den vergangenen Jahren verändert?
Kogler-Maier: In den vergangenen Jahrzehnten ist beim Thema Frauen in Führungspositionen viel in die richtige Richtung gegangen. Gerade im Bankensektor gab es eine gute Entwicklung. Ich glaube schon, dass es mittlerweile selbstverständlich ist, dass Frauen Führungsverantwortung übernehmen. Diversität ist besonders in der Führung wichtig, weil sie unterschiedliche Perspektiven einbringt und damit insgesamt die Entscheidungsqualität verbessert. Diversität geht aber weit über das Gender-Thema hinaus.

Auch die Risikokultur hat vor allem seit der Finanz- und Wirtschaftskrise einen neuen Stellenwert bekommen. Welche Rolle spielt der Vorstand dabei?
Kogler-Maier: Der Vorstand spielt hier eine wesentliche Rolle. Der Vorstand kann Risikokultur nicht einfach anordnen, er hat eine Vorbildfunktion und muss eine adäquate Risikokultur vorleben. Denn mit dem Niederschreiben einer Risikostrategie haben wir noch keine gelebte Risikokultur.

Was ist dafür notwendig?
Kogler-Maier: Es geht darum, klare Verantwortlichkeiten, Entscheidungs- und Eskalationsprozesse zu implementieren. Besonders wichtig dabei ist auch, eine Fehlerkultur zu haben, bei der nicht eine Sanktionierung im Vordergrund steht, sondern das Lernen aus Fehlern, um Systeme und Prozesse weiterzuentwickeln. Eine offene Kommunikation und ein kritischer Dialog müssen möglich sein. 

Aktuell hat es die Wirtschaft und damit auch der Bankensektor mit zahlreichen Risiken zu tun – Geopolitik, hohe Energiepreise, steigende Zinsen und Inflation sind nur einige Herausforderungen. Mit welchen Risiken beschäftigen Sie sich aktuell am meisten?
Kogler-Maier: Es ist nicht ein einzelnes Risiko, das man hervorheben kann, sondern vor allem das Zusammenwirken mehrerer. Die Standardrisiken wie Kredit- oder Marktrisiken gehören zum Tagesgeschäft einer Bank. Diese sind auch regulatorisch gut ausgesteuert. Aber besonders das geopolitische Umfeld führt zu Unsicherheit auf vielen Ebenen und zeigt eine Vielzahl an Abhängigkeiten. In den vergangenen Jahren haben zudem IKT-Risiken (Informations- und Kommunikationstechnik, Anm.) zugenommen, die mit der Künstlichen Intelligenz (KI) noch einmal dynamischer geworden sind.

Stichwort KI – wird sie das Risikomanagement eher robuster oder komplexer machen?
Kogler-Maier: Die KI beschäftigt uns ganz intensiv und ist Chance und Risiko zugleich. Im Risikomanagement hilft sie uns unter anderem bei der Datenanalyse. Sie kann Dinge aufzeigen, die bei einer Betrachtung selbst durch einen Fachexperten nicht auffallen würden. Zudem werden wir mit dem Einsatz von KI etwa beim Programmieren sowie in der Reporterstellung schneller. Gleichzeitig müssen wir als Banken beim Umgang mit der KI besondere Vorsicht walten lassen und den Einsatz sehr sorgfältig prüfen, denn wir arbeiten mit sehr sensiblen Daten. KI setzen wir in definierten und geschützten Systemumgebungen ein. Es gibt aber sicherlich viel mehr Möglichkeiten, da sind wir erst am Beginn der Entwicklung.

Die Konjunktur in Österreich schwächelt schon länger. Welche Kunden oder Branchen sind derzeit besonders unter Druck? 
Kogler-Maier: Viele Unternehmen stehen aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Entwicklung unter Druck. Dazu zählt vor allem das Thema Gewerbeimmobilien, das wir sehr genau analysieren und beobachten. Aber auch Unternehmen und Branchen, die stark von Energiepreisen oder Lieferkettenabhängigkeiten getrieben sind, haben wir am Radar. Die Kreditvergabe in diesen Bereichen erfolgt derzeit selektiver. Dennoch wollen wir unsere Kunden auch durch schwierige Zeiten begleiten und ein stabiler Bankpartner sein. Das ist ein gewisser Spagat, aber gerade für Raiffeisen von enormer Bedeutung.

Die Entwicklung bei Gewerbeimmobilien macht schon längere Zeit Sorgen. Ist eine Entspannung in Sicht?
Kogler-Maier: Wir spüren die Krise in dem Bereich natürlich auch. Die Entwicklung in diesem Bereich hebt sich deutlich von anderen Branchen ab. In diesem Zusammenhang lautet das Zauberwort im Risikomanagement wie so oft Diversifikation. Wir hoffen auf eine Entspannung im Jahr 2027, derzeit ist diese noch nicht wirklich erkennbar. Wir gehen bei der Kreditvergabe in diesem Bereich sehr sorgfältig vor.

Zinsen spielen für Banken eine zentrale Rolle. Die Europäische Zentralbank hat diese seit Juni zweimal um 25 Basispunkte angehoben. Was bedeutet das fürs Risiko?
Kogler-Maier: Unabhängig von der Richtung einzelner Zinsschritte ist für das Risikomanagement entscheidend, unterschiedliche Zinsentwicklungen vorauszudenken und ihre Auswirkungen auf die gesamte Bank zu beurteilen. Das Zinsrisiko an sich wird sehr gründlich ausgesteuert und auch durch regulatorische Vorgaben begrenzt. Wenn man sich die Kreditnachfrage im Firmenkundengeschäft anschaut, dann habe ich nicht das Gefühl, dass die Zinsentwicklung aktuell das wesentlichste Thema ist. So stehen etwa im Immobilienbereich vor allem die stark gestiegenen Baukosten im Fokus. Ich glaube nicht, dass diese zwei kleinen Zinsschritte einen starken Einfluss auf die Kreditnachfrage oder das Kreditrisiko haben werden.

Ein immer wichtigeres Thema sind Cyberrisiken. Wie ist da die Entwicklung?
Kogler-Maier: Das Cyberrisiko ist ein Gesamtbankthema. Jeder einzelne Mitarbeiter kann damit konfrontiert werden und ein Fall kann die ganze Bank betreffen. Im Vergleich dazu ist ein Kreditrisiko ein viel isolierteres Thema. Wir haben mit dem Regelwerk DORA (Digital Operational Resilience Act, Anm.) viele neue Standards implementiert, Bestandsaufnahmen und Notfallübungen durchgeführt. Zur Begrenzung der Cyberrisiken müssen wir laufend an den Prozessen und Kontrollen arbeiten. 

Ein Treiber im Risikomanagement ist die Regulatorik. Hilft sie oder baut sie Hürden auf?
Kogler-Maier: Ich sehe sie grundsätzlich positiv. Die Banken wären nicht so resilient aufgestellt, wie sie es jetzt sind, wenn wir die Regulatorik nicht hätten. Natürlich weiß ein Bankmanager, wie man mit Risiken umzugehen hat. Es geht aber darum, dass der gesamte Finanzmarkt ordentlich funktioniert. Dafür schafft die Regulatorik einen Rahmen, innerhalb dessen sich alle bewegen müssen. Wie fatal das Fehlen von Regeln sein kann, hat die große Finanz- und Wirtschaftskrise gezeigt. Damals hat man rasch gesehen, dass man auch als kleine Bank Teil des gesamten Finanzsystems ist.

Auf welche Risiken wird man künftig noch genauer schauen müssen?
Kogler-Maier: Was uns künftig mehr beschäftigen wird und aktuell in den Hintergrund getreten ist, sind die Nachhaltigkeitsrisiken. Der diesjährige Sommer mit der Dürre und den Hitzeperioden hat die Dringlichkeit jedem hautnah gezeigt. Das Thema geht weit über die regulatorische Komponente hinaus. Das Herausfordernde dabei ist die zunehmende Komplexität. 

Die ersten 100 Tage im Vorstand sind um. Wie lautet Ihr Resümee?
Kogler-Maier: Insgesamt ist es sehr positiv. Die Nachfolge war sehr gut vorbereitet und so konnte ich gut starten. Den Sommer konnte ich nutzen, um viele Raiffeisenbanken zu besuchen und in meiner neuen Aufgabe anzukommen. Natürlich ist die Position einer Vorständin sehr anspruchs- und verantwortungsvoll, aber auch extrem spannend und interessant. Im Moment sind die Banken vom herausfordernden Umfeld getrieben. Wir sind aber sehr gut aufgestellt, ich kann also gut schlafen (lacht).

AusgabeRZ40-2026

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