Warum Gehen mehr ist als Fortbewegung

Das Vermögen des Menschen, Schritt für Schritt voranzugehen, ist mehr als die Fähigkeit, unseren Körper von A nach B zu bewegen. Zufußgehen ist gesund, kreativitätsfördernd, sozial und gut für die Umwelt.

„Gehen ist die beste Medizin“, das wusste schon der griechischer Arzt und „Vater der Medizin“ Hippokrates – eine Feststellung, die sich rund 2.500 Jahre später nicht nur durch die modernen wissenschaftlichen Methoden bestätigt, sondern auch eine interessante Erweiterung erfahren hat. So kommt beispielsweise unter anderem auch der irische Neurowissenschafter Shane O’Mara in „Das Glück des Gehens“ zur Erkenntnis, dass Gehen sich neben seiner gesundheitsfördernden Wirkung auch positiv auf „die Gesellschaft als Ganzes“ auswirken kann. Indem Menschen in fußgängerfreundlich geplanten und umgestalteten Städten mit Plätzen zum Verweilen und benutzerfreundlichen Wegen die Möglichkeit zum Kommunizieren gegeben wird, kann der Isolation entgegenwirkt werden. 

Nicht zu vergessen: „Zufußgehen ist die Umwelt- und klimafreundlichste Art der Mobilität“, wie es in der 2023 erschienenen „Fußverkehrsstrategie Steiermark 2030+“ heißt. Die aus den Mitteln des Landes und vom Bund geförderte Maßnahme hat sich zum Ziel gesetzt, den Fußverkehrsanteil in der grünen, doch von Autoverkehr dominierten Mark in den kommenden Jahren auf 17 Prozent zu erhöhen. Geplant ist unter anderem auch durch die Schaffung attraktiver Fußwege, die „Lebendigkeit und Schönheit im Ortszentrum“ zu forcieren – Letzteres etwas, das auch dem Handel zugutekommen kann – wer entspannt im Stadtzentrum flaniert, sich einen Kaffee (sei es auch „to go“) gönnt oder in ein Geschäft eingekehrt, kurbelt demnach zugleich auch die heimische Wirtschaft an. 

Warum also (statt via Onlineversand zu bestellen) nicht auch einmal zu einer Tour durch beispielsweise einige der interessantesten Buchhandlungen aufbrechen. Eine Wegbeschreibung lässt sich auf der Seite der Wiener „Mobilitätsagentur“ nachlesen. Die „Wiener Buch-Tour“ ist eine von insgesamt knapp 100 Stadtspaziergängen, die als Anreiz zum Spaziergehen dienen sollen. Zu den Zielen der Mobilitätsagentur zählt unter anderem die Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs im Binnenverkehr auf 15 Prozent bis 2030 (bis 2050 unter 15 Prozent). Erst jüngst wurde eine „Auswertung des Mobilitätsverhaltens der Wiener Bevölkerung“ veröffentlicht, die zeigt, dass bereits jetzt immer mehr junge Wiener auf ein eigenes Auto verzichten. Aktuell besitzen 42 Prozent der Wiener Haushalte kein Personenkraftfahrzeug. Zudem legen mittlerweile mehr als ein Drittel (39 Prozent) der Wiener Bevölkerung „täglich einen reinen Fußweg zurück. Das heißt, sie gehen an ihr Ziel – ohne dazwischen auch die öffentlichen Verkehrsmittel, ein Auto oder ein Fahrrad zu benutzen.“ 

Gedanken im Gang

Die Gründe, warum Menschen Gehen anstatt das Auto zu benützen, reichen (mit guter Infrastruktur in der Nähe) vom Einkaufen übers Kind zur Schule bringen und dem Ausflug in die Natur bis hin zur schieren Freude an der Fortbewegung und dem Erkunden. Dass eine Route, ob sie nun in Richtung Kindergarten, Altstadt oder durch ein grünes Erholungsgebiet führt, von uns als gut geeignet angenommen wird, dafür sind laut O’Mara vor allem vier Kriterien verantwortlich: Neben „effektiv, bequem und interessant“ sollte die begangene Strecke vor allem „sicher sein“. Wer beispielsweise nach Alternativrouten oder Abschneidern sucht, dem sei die „Wiener Fußwegekarte“ empfohlen. Die Karte lässt sich im Internet als PDF downloaden oder kann an ausgewählten Orten abgeholt werden. Von der Mobilitätsagentur betrieben wird zudem die App „Wien zu Fuß“, mit der sich bequem die täglich getätigten Schritte messen lassen. 

Empfohlen sind – auch wenn sich die Zahl mittlerweile als Mythos entpuppt hat und bereits rund die Hälfe ausreichend sein soll – 10.000 Schritte am Tag zurückzulegen. Um aus dem Gehen maximale Gesundheitsvorteile zu ziehen, sollte die Geschwindigkeit über eine längere Strecke mindestens 5 bis 5,5 km/h (zügiges Gehen) betragen und an vier oder fünf Tagen in der Woche für mindestens 30 Minuten beibehalten werden. Bereits eine derartig regelmäßig ausgeführte Bewegung verstärkt „die Blutzirkulation im Gehirn und wirkt sich nachhaltig auf dessen Struktur und Funktion aus. Sie hilft dem Gehirn, in einer bestimmten Region, die für Lernen und Gedächtnis von großer Bedeutung ist, neue Gehirnzellen zu bilden“, so auch O’Mara. 

Ein Fakt, den auch mancher Philosoph in der Vergangenheit für sich zu nutzen wusste. So meinte beispielsweise Rousseau: „Sobald ich Halt mache, ist es mit dem Denken vorbei, und mein Kopf hält nur mit meinen Füßen Schritt“, während Friedrich Nietzsche davon sprach, dass „nur die ergangenen Gedanken“ einen „Wert“ haben. Mit der peripatetischen Philosophie im alten Griechenland gab es sogar einst eine Schule, die dafür berühmt war (auf- und ab-)gehend zu lernen. 

Neue Kombinationen

Ein Vorteil des Gehens stellt laut O’Mara zudem die Beobachtung dar, dass sich bereits schon durch das Aufstehen und Gehen die Aktivität des Gehirns „über weit auseinanderliegende Gehirnregionen ausbreitet – was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Halb-Gedanken und Viertel-Ideen unterhalb der Bewusstseinsebene sich zu neuen Kombinationen zusammenschließen können“. Gehen kann demnach helfen, Dinge von einer anderen Seite zu betrachten und leichter zu Problemlösungen zu kommen. Ganz zu schweigen von dem positiven Effekt auf unseren Körper. Neben einer verdauungsfördernden Wirkung stärkt das tägliche Gehen die Gelenke und die Muskulatur, wirkt sich positiv auf das Immunsystem und die Herzgesundheit aus. Zudem wird der Gleichgewichtssinn trainiert, das Diabetes-Risiko verringert sowie Heißhungerattacken gemildert und der Blutdruck gesenkt. Und auch bei Depressionen können sich Spaziergänge als hilfreich erweisen. 

Gemeinden, die sich für eine gehfreundlichere Umgebung einsetzen möchten, erhalten aktuell im Rahmen der vom Bundesministerium verabschiedeten Maßnahme „Österreich geht“ umfassende Unterstützung. Am 27. April findet zudem auch heuer wieder der „Österreichische Tag des Zufußgehens“ statt. 

Schon ein afrikanisches Sprichwort besagt: „Wenn du schnell gehen willst, dann geh allein. Wenn du weit gehen willst, dann geh zusammen“ – etwas, das sich – nicht zuletzt in Hinblick auf die Tradition von Protestmärschen und Demonstrationen – auch auf die Möglichkeit hin etwas zu bewirken, lesen lässt. In diesem Sinne: Auf geht’s einer fußgängerfreundlichen und gesunderen Zukunft entgegen!

AusgabeRZ13-2026

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