Konjunkturgespräch: Strategie statt Stillstand

Beim Konjunkturgespräch der RLB Steiermark wird deutlich: Unsicherheit ist zum neuen Normal geworden.

Die aktuelle Lage sei weit mehr als eine kurze konjunkturelle Delle, sagt Martin Schaller, Generaldirektor der Raiffeisen-Landesbank Steiermark: „Es fühlt sich eher so an, als würde es unter unseren Füßen ordentlich ruckeln.“ Man erlebe „tektonische Verschiebungen“ – in der Weltpolitik ebenso wie in der Wirtschaft. Gewohnte Sicherheiten würden an Stabilität verlieren und Rahmenbedingungen sich rasch verändern. 

Die Stimmung in der Wirtschaft beschreibt Schaller als verhalten. Investitionen würden hinterfragt, Entscheidungen aufgeschoben und Planungshorizonte verkürzt. Gleichzeitig sei aber keine Resignation spürbar: „Wir erleben Unsicherheiten, aber auch Orientierungssuche und Anpassungsfähigkeit.“ 

Orientierung entsteht aber „nicht im Alleingang, sondern im Austausch“. Genau dafür sei das Konjunkturgespräch der RLB Steiermark da: „Um Entwicklungen gemeinsam zu verstehen, Herausforderungen zu besprechen und Handlungsfähigkeit zu stärken. Denn gerade in diesen Zeiten dieser tektonischen Veränderungen ist die Gemeinschaft wieder an oberster Stelle“, bekräftigt Schaller.

Erholung statt Aufschwung

Etwas Zuversicht bringt die Analyse von Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV). Trotz der geopolitischen Spannungen sieht er für die österreichische Wirtschaft eine vorsichtige Stabilisierung. Nach den schwachen Jahren habe sich die Dynamik zu Jahresbeginn 2026 spürbar verbessert: „Endlich wäre die Rezessions- und Stagnationsphase vorbei gewesen. Wir hätten auch eine Erholung sehen können, die uns mindestens eine Eins vor dem Komma gebracht hätte. Und dann kommt der vierte Golfkrieg.“

Ein kompletter Einbruch sei deshalb aber nicht zu erwarten. Vielmehr sei die Erholung mittlerweile breiter abgestützt: Während sich die Industrie langsam stabilisiert, befindet sich der Dienstleistungssektor bereits im expansiven Bereich, weiß Helmenstein. Auch die Bauwirtschaft dürfte sich schrittweise erholen. 

„Der Golfkrieg wird uns drei bis vier Zehntel kosten. Wenn es nicht zu einer massiven Eskalation kommt, haben wir immer noch eine gute Chance auf einen Expansionsschub in der Größenordnung von 0,5 bis 1 Prozent in diesem Jahr.“ Die österreichische Wirtschaft bewege sich damit zwar aus der Phase der Stagnation heraus, erreicht aber noch keine nachhaltige Wachstumsdynamik. „Es wird kein Aufschwung sein“, hält der IV-Chefökonom fest.

„Rosskur der Bürokratie“

Potenziale für Österreich sieht Helmenstein vor allem in einer klareren strategischen Ausrichtung. In einer zunehmend politisch gesteuerten Weltwirtschaft müsse das Land seine Handelsbeziehungen breiter aufstellen. Für ein exportorientiertes Bundesland wie die Steiermark bleibe die internationale Einbindung entscheidend, unterstreicht auch Generaldirektor Schaller: „Unsere heimischen Unternehmen können nur dann langfristig erfolgreich sein, wenn sie weiterhin in funktionierende internationale Handelsbeziehungen eingebettet sind. Abschottung schafft keine Sicherheit. Diversifikation schon.“ Handelsabkommen wie Mercosur könnten hier neue Wachstumsimpulse liefern, wie Beispiele aus bestehenden Handelsverträgen bereits zeigen.

Chancen ortet Helmenstein zudem in der gezielten Spezialisierung. Österreich könne insbesondere bei technologischen Nischen punkten, etwa im Bereich sogenannter Dual-Use-Güter, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. „Das österreichische Erfolgsmodell war immer ein Business-by-Niching-Modell“, so Helmenstein.

Diese Chancen würden allerdings durch regulatorische Hürden gebremst. Komplexe Exportvorschriften und zunehmende Bürokratie führen zu Unsicherheit und hemmen die Dynamik. „So bringt man sich um seine Chancen“, warnt Helmenstein. Umso wichtiger sei es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Innovation und Export erleichtern, statt sie zu erschweren. „Manchmal habe ich den Eindruck, wir regulieren die Probleme, bevor sie überhaupt da sind“, sagt Martin Schaller und fordert verlässliche und praktikable Rahmenbedingungen: „Es braucht eine Rosskur der Bürokratie und keinen weiteren Husarenritt auf dem Amtsschimmel!“

Harald Vodosek, Martin Schaller, Velina Tchakarova, Wolfgang Plasser und Christian Helmenstein
Harald Vodosek, Martin Schaller, Velina Tchakarova, Wolfgang Plasser und Christian Helmenstein diskutierten über Sicherheit und praktikable Rahmenbedingungen als wichtige Standortfaktoren für Wirtschaft und Gesellschaft. © RLB Steiermark

Verteidigung ausbauen

Angesichts der anhaltenden geopolitischen Spannungen rückt für den Generaldirektor auch das Thema Resilienz stärker in den Fokus – wirtschaftlich wie gesellschaftlich. Dazu zähle etwa die Sicherung der Nahrungsmittelversorgung ebenso wie eine stärkere europäische Verteidigungsfähigkeit. Bezüglich Letzterem findet ein Paradigmenwechsel statt: „Neutralität darf nicht Naivität bedeuten. Die Verteidigungsindustrie in Europa muss gestärkt und ausgebaut werden – und damit auch finanziert werden“, hält Schaller fest. Auch bei Raiffeisen intern würden Kriterien angepasst. „Investitionen in Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit sind Teil unserer gemeinsamen Verantwortung geworden.“

Mit dem 2022 beschlossenen Landesverteidigungs-Finanzierungsgesetz hat auch Österreich das Verteidigungsbudget deutlich erhöht. „Wir bauen uns im transatlantischen Kontext einen Schutzschirm auf, denn die Krise ist gekommen, um zu bleiben“, betont der nationale Rüstungsdirektor im Bundesministerium für Landesverteidigung, Harald Vodosek, und erklärt, die Landesverteidigung möglichst mit österreichischer Wertschöpfung und heimischen Betrieben aufbauen zu wollen.

Auch Velina Tchakarova, geopolitische Strategin und Sicherheitsexpertin, verdeutlicht, dass trotz aktueller „Verschnaufpause“ die systemischen Risiken bestehen bleiben. Man müsse sich auf „langwierige Effekte“ entlang ganzer Wertschöpfungsketten gefasst machen. Zugleich stehe Europa vor einer sicherheitspolitischen Zäsur. Es gehe um den Aufbau einer glaubwürdigen Abschreckung gegenüber Russland. „Wir steuern in Richtung eines neuen Kalten Krieges.“ Für Österreich bedeute das auch zunehmenden Druck auf seine Neutralität, insbesondere seitens europäischer Partner.

Das Thema Neutralität sieht auch Wolfgang Plasser, CEO von Pankl Racing Systems, kritisch. Die österreichische Wirtschaft verfüge grundsätzlich über das nötige Know-how, um eine wichtige Rolle in europäischen Verteidigungslieferketten zu übernehmen, es fehlen aber die passenden rechtlichen Rahmenbedingungen – Stichwort Dual-Use-Güter. „Die Neutralität wird derzeit viel zu streng ausgelegt. Wünschenswert wäre eine Ausweitung des Binnenmarktes der Europäischen Union auf den Verteidigungsbereich, sodass innergemeinschaftliche Lieferungen generell ohne Exportgenehmigungen möglich sind“, schlägt Plasser vor.

Publikum beim Konjunkturgespräch 2026
© RLB Steiermark

Risiko managen

In diesem von Unsicherheiten geprägten Umfeld versteht sich Raiffeisen Steiermark nicht nur als Finanzierer, sondern als Partner. Mit einer jährlichen Wertschöpfung von rund einer Milliarde Euro und 450 Millionen Euro an Steuern und Abgaben sei Raiffeisen zudem ein zentraler wirtschaftlicher Faktor in der Steiermark. Jeder 111. Arbeitsplatz in der Steiermark stehe direkt oder indirekt in Verbindung mit der Bank, unterstreicht Generaldirektor Schaller das regionale Engagement. 

„Das Risiko kann man nicht vermeiden. Man kann es aber professionell managen.“ Kernkompetenz von Raiffeisen sei es, Risiken frühzeitig zu erkennen, realistisch einzuordnen und gemeinsam mit den Kunden tragfähige Lösungen zu entwickeln. Das werde anhand der Beteiligungsstrategie sichtbar: Die Bank investiert dabei gezielt in Unternehmen mit Zukunftspotenzial – von Start-ups bis zur Industrie. Insgesamt stehen dafür mehr als 100 Millionen Euro zur Verfügung. Ziel sei es, Innovation zu stärken und gleichzeitig regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu sichern. Mitunter ein Grund, warum man kürzlich bei Pankl Racing Systems eingestiegen ist.

Für Schaller steht fest: Die aktuellen Umbrüche erfordern klare strategische Entscheidungen: Setzt man auf Abschottung oder auf wirtschaftliche Allianzen, auf Stillstand oder auf unternehmerischen Mut? „Nicht jede Erschütterung wird uns ins Wanken bringen. Manche sind die Voraussetzung für Erneuerung“, so Schaller abschließend.

AusgabeRZ16-2026

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